Mit Rilindja wird die albanische Nationalbewegung und Nationsbildung in der Zeit zwischen etwa 1870 und der Unabhängigkeitserklärung Albaniens am 28. November 1912 bezeichnet. Rilindja Kombëtare bedeutet nationale Wiedergeburt, andere Bezeichnungen sind nationale Renaissance und nationales Erwachen. Ihre Unterstützer werden als Revivalisten (albanisch Rilindas) bezeichnet.
Minderheit im Osmanischen Reich
Im 19. Jahrhundert war der Nationalismus unter den Albanern weit weniger entwickelt als unter anderen südosteuropäischen Völkern. Erst ab den 1870er Jahren entstand unter den Albanern eine Bewegung des nationalen Erwachens, Rilindja genannt. Die Entwicklung eines albanischen Nationalbewusstseins begann erst Jahrzehnte nach der griechischen Revolution und war auch eine direkte Folge auf diese und andere südosteuropäische Nationalismen der Völker unter osmanischer bzw. habsburgischer Herrschaft. Die sozialen Voraussetzungen für eine Nationsbildung unter den Albanern waren denkbar ungünstig, um im Volk eine albanische Identität zu schaffen, denn es gab praktisch keine albanische Gesellschaft und Öffentlichkeit. Vor allem im Norden spielte sich das soziale Leben ausschließlich innerhalb patriarchalisch strukturierter Familienverbände (albanisch fis) und Stämme ab. Mittel- und Südalbanien dagegen wurden von konservativen Großgrundbesitzern beherrscht, die die Masse der Bevölkerung in quasi-feudaler Abhängigkeit hielten und sich selbst zur osmanischen Oberschicht zählten.
Die Albaner lebten verteilt auf vier Vilâyets (osmanische Provinzen) ohne geographisches oder politisches Zentrum. Der größten Gemeinsamkeit der Albaner, ihrer Sprache, fehlte eine vereinheitlichte Standard-Sprache und sogar ein standardisiertes Alphabet. Jede der fürs Alphabet zur Auswahl stehenden Optionen, die lateinische, die arabische und die griechische Schrift, waren mit verschiedenen politischen und religiösen Richtungen verbunden und wurde von gewissen Bevölkerungsgruppen abgelehnt. Noch im Jahr 1878 gab es auch in den am weitesten entwickelten albanischen Gebieten keine albanischen Schulen, so dass für die Ausbildung nur Schulen der griechisch-orthodoxen Kirche, katholische Klosterschulen und staatliche Schulen mit Unterricht auf Türkisch zur Auswahl standen.
Zudem waren die Albaner religiös in Sunniten, Bektaschi, Katholiken und Orthodoxe gespalten, so dass – anders als etwa bei den Serben und Griechen – auch die Religion nicht identitätsstiftend für die albanische Nation sein konnte; die Mehrheit der muslimischen Albaner war sogar religiös mit den herrschenden Osmanen verbunden. Wegen der unterschiedlichen Religionen der Albaner mussten die Führer der Nationalbewegung ihnen einen rein säkularen Charakter geben, der die religiösen Würdenträger zum Teil gegen sie aufbrachte. Gleichwohl spielten Geistliche der unterschiedlichen Bekenntnisse eine wichtige Rolle bei der albanischen Nationsbildung, denn sie waren fast die einzigen Angehörigen ihres Volkes mit einer höheren Schulbildung. Um 1900 waren über 90 % der Albaner Analphabeten. Nur in den Städten Shkodra, Prizren und Korça gab es eine schmale bürgerliche Schicht – vornehmlich Kaufmannsfamilien, die mit westlicher Bildung in Berührung gekommen waren. Diese kleine Gruppe stellte neben den Geistlichen die meisten Träger der albanischen Nationalbewegung. Im Gegensatz zu den Nachbarn fehlte den Albanern auch das historische Vorbild eines ehemaligen einigenden albanischen Staats, auf das man sich hätte berufen können.
Vorgeschichte in der Zeit von 1831 bis 1878
1830 wurden rund 500 albanische Beys und ihre Wachen in Monastir von den Osmanen getötet. 1831 belagerten die Osmanen die Burg Rozafa in Shkodra und setzten die den Paschalik Shkodra beherrschenden Albaner ab. Zuvor hatten schon die Paschaliks von Berat und Janina nach der Ermordung von Ali Pascha Tepelena im Jahr 1822 ihre relative Unabhängigkeit verloren. Die albanische Niederlage verhinderte eine geplante Allianz zwischen den Albanern und den Bosniern, die auf ähnlichem Weg Autonomie angestrebt hatten. Der Paschalik von Shkodra wurde durch die Vilâyets Shkodra und Kosovo ersetzt.
Bushati-freundliche Aufstände in Shkodra zwischen 1833 und 1836 waren erfolglos. Als Reaktion auf die Tanzimat-Reformen folgten größere Revolten 1844 in Nordalbanien unter der Führung von Dervish Cara und 1847 in Südalbanien unter Zenel Gjoleka, Rrapo Hekali und Hodo Nivica. Die Aufstände wurden unterdrückt, aber stärkten die nationale Identität und Verbindung unter den Albanern. Insofern spielten sie eine bedeutende Rolle fürs Aufflammen der albanischen Wiedergeburt.
Aufkommen des albanischen Nationalismus
Für weitere Kreise der albanischen Elite wurde die nationale Frage zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Russisch-Türkischen Krieg 1877–1878 und dem Vertrag von San Stefano vom 3. März 1878 evident. Die Niederlage der Türken war ein entscheidender Schlag für die osmanische Macht auf der Balkanhalbinsel. Das russische Friedensdiktat hätte Teile des albanischen Siedlungsgebietes unter die Herrschaft der christlichen Staaten Bulgarien und Montenegro gestellt. Dagegen formierte sich albanischer Widerstand erstmals auf nationaler Basis, denn er wurde nicht nur von den Sunniten und Bektaschi, sondern auch von den katholischen Gegen getragen.
Österreich-Ungarn und Großbritannien verhinderten die Umsetzung des Abkommens von San Stefano, weil dadurch Russland eine zu vorherrschende Position auf dem Balkan erhalten hätte, was das europäische Mächtegleichgewicht gestört hätte. Auf dem Berliner Kongress später in diesem Jahr wurde neu verhandelt. Die drohende Aufteilung des Siedlungsgebiets gab dem albanischen Nationalismus einen ersten Aufschwung und trieb die Albaner an, eine Verteidigung ihres Heimatlandes zu organisieren.
Im Frühjahr 1878 bildeten einflussreiche Albaner in Konstantinopel ein geheimes Komitee, um den Widerstand ihrer Landsleute zu lenken. Beteiligt war unter anderem Abdyl Frashëri, die wichtigste Führungspersönlichkeit der frühen albanischen Nationalbewegung. Auf Initiative dieses Komitees kamen am 10. Juni 1878 über 80 Delegierte – zumeist islamische Geistliche, muslimische Großgrundbesitzer und diverse Stammesführer – aus den vier Vilâyets mit albanischer Bevölkerung in der kosovarischen Stadt Prizren zusammen. Sie bildeten als ständige Organisation die von einem Zentralkomitee geleitete Liga von Prizren, deren Ziel es war, Truppenverbände zu bilden, die das albanische Siedlungsgebiet gegen die Aufteilung und die Ansprüche fremder Mächte verteidigen sollten. Dafür zog sie auch die Steuererhebung an sich. Des Weiteren erstrebte die Liga die Bildung eines vereinten autonomen albanischen Verwaltungsbezirks innerhalb des Osmanischen Reiches. Ein unabhängiges Albanien wurde hingegen nicht beabsichtigt.
Notgedrungen unterstützte die geschwächte osmanische Regierung zunächst das Wirken der Liga, nur verlangte sie, dass sich die Albaner in erster Linie als Osmanen erklären und als solche im Interesse des Gesamtstaats handeln sollten. Dies war unter den Albanern umstritten. Ein Teil der Delegierten setzte auf die gemeinsame osmanisch-muslimische Identifikation – die auch das heutige Bosnien und Herzegowina umfasste –, andere um Abdyl Frashëri stellten das Wirken für die albanischen Interessen über Religionen und Stämme hinweg in den Mittelpunkt. Damit wollten sie nicht zuletzt auch die christlichen Albaner für das Programm der Liga gewinnen. Da die Mehrheit muslimisch war, unterstützte die Liga von Prizren die Erhaltung der osmanischen Oberhoheit.
Im Juli 1878 sandte die Liga ein Memorandum an die Vertreter der Großmächte beim Berliner Kongress. Die Liga forderte darin, dass das gesamte albanische Siedlungsgebiet als autonome Provinz unter türkischer Herrschaft bleiben solle. Der Kongress ignorierte diese Forderung; der Verhandlungsführer in Berlin, Reichskanzler Otto von Bismarck, stellte apodiktisch fest, dass eine albanische Nation gar nicht existiere, weshalb eine derartige Forderung irrelevant sei: „Albanien ist nur ein geographischer Begriff.“ Entsprechend beschloss der Kongress, Montenegro die Städte Bar und Podgorica sowie die Dörfer Plav und Gusinje zuzusprechen, die von den albanischen Führern als albanische Gebiete betrachtet wurden. Die Grenzänderungen und die Furcht, dass ganz Epirus an Griechenland fallen könnte, lösten blutige Aufstände der Albaner aus, die mehr oder weniger von der Liga gesteuert und von ihren Truppen getragen wurden. Die Albaner, deren Mehrheit gegenüber dem Reich loyal war, wurden zum Teil auch von der Hohen Pforte mit Waffen ausgerüstet. Der bewaffnete Widerstand der Liga konzentrierte sich auf Plav und Gusinje, Shkodra, Prizren, Preveza und Ioannina, wobei die Verbände das umstrittene Gebiet zwischen Ulcinj, Shkodra, Plav und Prizren zeitweise kontrollierten.