Richard Freudenberg (* 9. Februar 1892 in Weinheim; † 21. November 1975 in Reutte/Tirol) war ein deutscher Unternehmer und Politiker (DDP, später FWG). Er war 48 Jahre in dem von seinem Großvater Carl Johann Freudenberg im Jahre 1849 als Gerberei gegründeten Unternehmen, der heutigen Freudenberg-Gruppe tätig. Fast vierzig Jahre davon amtierte er als Sprecher der Unternehmensleitung.
In der Zeit der Weimarer Republik war er Abgeordneter der linksliberalen DDP im Badischen Landtag. Bei der Bundestagswahl 1949 errang er als Unabhängiger das Mandat im Wahlkreis Mannheim-Land bis 1953. Als Abgeordneter setzte er sich maßgeblich für die Gründung des vereinten Landes Baden-Württemberg ein und erdachte den Modus, nach dem die vorangehende Volksabstimmung durchgeführt wurde.
Freudenberg kam am 9. Februar 1892 als siebtes Kind und fünfter Sohn seiner Eltern Hermann Ernst Freudenberg und Helene geb. Siegert in Weinheim zur Welt. Er verlebte mit neun Geschwistern seine Jugend im Hermannshof in Weinheim, besuchte die Grundschule des Benderschen Institutes und das neue Gymnasium Weinheim (heute Werner-Heisenberg-Gymnasium), an dessen Gründung sein Vater beteiligt war. 1911 beendete Freudenberg seine Schulzeit mit dem Abitur.
Ursprünglich hatte er nicht vorgehabt, in die Familienfirma einzutreten, sondern nach der Schulzeit zum Wintersemester 1911/12 ein Studium der Botanik an der Universität Bonn aufgenommen, wobei er sich besonders für Pflanzengenetik interessierte. 1912 besuchte er während eines Studienaufenthaltes in England die Universität in Hastings und die University of Reading. Hier lernte er die politische Kultur und das demokratische System der englischen Gesellschaft kennen. Ab dem Wintersemester 1912/13 studierte er an der Technischen Hochschule in Berlin, an der er seine Doktorarbeit über Kreuzungsversuche mit Kohlpflanzen begann.
Als er seine Doktorarbeit vorbereitete, brach 1914 der Erste Weltkrieg aus. Seine Brüder wurden zum Kriegsdienst einberufen, und sein Vater bat ihn, das Studium abzubrechen und in die Verantwortung für das Unternehmen einzutreten.
Im Jahr 1919 begann die politische Karriere von Freudenberg. Ab 1919 wurde er in der Nachfolge seines Vaters in den Weinheimer Gemeinderat und kurze Zeit später als Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei im Badischen Landtag in Karlsruhe gewählt.
Am 21. November 1975 starb Richard Freudenberg im Alter von 83 Jahren in Reutte/Tirol. Er wurde in seiner Heimatstadt Weinheim beigesetzt.
Richard Freudenberg trat am 1. September 1914 auf Bitten seines Vaters Hermann Ernst Freudenberg ins Unternehmen ein. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914–1918) waren seine Brüder Hans und Otto Freudenberg sowie sein Vetter Walter Freudenberg, die bereits im Unternehmen tätig waren, zum Kriegsdienst einberufen worden. Freudenberg brach seine bereits begonnene Dissertation in Botanik ab und übernahm zur Unterstützung des Vaters zunächst die Finanzen und das Personalwesen. Er arbeitete sich aber systematisch in alle Gebiete des Unternehmens ein.
Bereits der Firmengründer Carl Johann Freudenberg hatte 1874 eine Betriebskrankenkasse für die Mitarbeiter eingerichtet. Um die aus dem Ersten Weltkrieg resultierende angespannte finanzielle Lage der Mitarbeiter zu verbessern, erarbeitete der Enkel einen „Dienstprämienvertrag“, der zum 1. Juli 1918 eingeführt wurde. Mitarbeiter, die länger als fünf Jahre im Unternehmen beschäftigt waren, konnten eine verzinsliche Beteiligung von 1200 Mark am Kapital des Unternehmens erhalten. Diese Verträge wurden bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 an die Mitarbeiter vergeben. Danach wurden keine Verträge mehr abgeschlossen, die Zinsen wurden aber bis zum Tode des letzten Vertragspartners 1992 ausgeschüttet.
Richard Freudenberg wurde 1922 zusammen mit seinen Brüdern Hans und Otto Freudenberg in die Unternehmensleitung berufen. Sein Vetter Walter Freudenberg gehörte der Leitung bereits seit 1908 an. Das Unternehmen war von Richards Vater Hermann Ernst Freudenberg noch sehr patriarchalisch geführt worden. Mit seinem Tode im Jahr 1923 übernahm Richard Freudenberg die Rolle des Sprechers der Unternehmensleitung, allerdings als „Primus inter Pares“. Zusammen mit den anderen Unternehmensleitungsmitgliedern der dritten Generation überführte Freudenberg das Unternehmen zu einem arbeitsteiligen Führungsstil moderner Prägung.
Eine weitere Triebkraft von Richard Freudenbergs unternehmerischem Handeln war die Internationalisierung des Unternehmens. So forcierte er 1923 auch die Aufnahme von Handelsbeziehungen nach China. Außerdem unternahm er zwischen 1928 und 1930 einige Reisen in die USA, nach Russland und andere europäische Länder, um neue Geschäftskontakte anzubahnen. Als Resultat davon wurde 1929 in Boston, USA, die erste amerikanische Gesellschaft der Firma gegründet.
Die Weltwirtschaftskrise brachte die gesamte Lederwirtschaft in Deutschland an den Rand ihrer Existenzfähigkeit. Der Verkaufspreis für ein fertiges Kalbleder sank dramatisch: Er betrug nur noch ein Fünftel des Einkaufspreises für Rohfelle. Um die Arbeitsplätze der mehr als 3.500 Mitarbeiter in dieser kritischen Situation zu sichern, entwickelten Freudenberg und die anderen Geschäftsführer ein eigenes Kurzarbeitsmodell. Die Arbeitszeit der Belegschaft wurde halbiert. So hatten die Mitarbeiter und ihre Familien die Chance, die schwierige Zeit der Weltwirtschaftskrise durchzustehen. Gleichzeitig konnte damit deren Knowhow im Unternehmen gehalten werden.
Freudenberg betreute die Personalangelegenheiten der leitenden Angestellten persönlich. Die Einstellung von Entwicklungsingenieuren wie Walther Simmer versetzte das Unternehmen in die Lage, den Ausweg aus der wirtschaftlichen Krise über die Entwicklung neuer Produkte und damit durch eine gezielte Diversifizierung zu suchen. Der erste Schritt war im Jahr 1929 die Herstellung von Manschettendichtungen aus Leder für die wachsende Automobilindustrie. Diesen ersten Dichtungen folgte 1932 der Simmerring, ein Radialwellendichtring bestehend aus Metallgehäuse, einer Dichtlippe aus Leder und einer Anpressfeder (Wurmfeder). 1936 wurde die Lederdichtlippe durch einen Dichtungsring aus Gummi ersetzt. Durch diese Innovation wurde Freudenberg zum führenden Dichtungsspezialisten.
1933 übernahm die Firma Freudenberg die Schuhproduktion und die -handelskette der im jüdischen Besitz befindlichen Firma Conrad Tack in Burg bei Magdeburg. Bereits 1932 gab es erste Übernahmegespräche zwischen der wirtschaftlich angeschlagenen Firma Tack und ihrem langjährigen Lederlieferanten Freudenberg, die allerdings aufgrund der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zunächst scheiterten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten spitzte sich die Lage der Firma Tack stetig zu. Erneut nahm Tack mit Freudenberg Übernahmegespräche auf, die schließlich 1933 zur vertraglichen Einigung führten. Damit stieg Freudenberg in das Geschäft mit Schuhen ein.
Das Unternehmen Freudenberg übernahm zwischen 1933 und 1936 sukzessive die Kinderschuhfabrik Gustav Hoffmann in Kleve mit der Marke „elefanten“. Zusätzlich weitete Freudenberg zwischen 1937 und 1938 seine Schuhaktivitäten durch die „Arisierung“ der Firmen J. Kern & Co. GmbH in Pirmasens, einem Hersteller von Hinterkappen, und C. Fisch & Co. in Heidelberg, einem Babyschuhhersteller, aus. Darüber hinaus übernahm Freudenberg 1938 das Roßledergeschäft der befreundeten jüdischen Firma Sigmund Hirsch in Weinheim.
Richard Freudenberg wurde im Krieg auch zu einem Zulieferbetrieb der Rüstungsindustrie. Die wichtigsten Produkte waren Dichtungen für verschiedene militärische Anwendungen, insbesondere für Fahrzeuge, sowie Schuhe und Kunstlederprodukte für die Wehrmacht.
Vor dem Hintergrund der kriegsbedingten Mangelwirtschaft suchten die NS-Behörden nach Möglichkeiten, um die Materialeigenschaften von Schuhkomponenten zu verbessern. Das „Reichsamt für Wirtschaftsausbau“ richtete daher im Mai 1940 eine „Schuhprüfstrecke“ im Konzentrationslager Sachsenhausen ein, die dann bis zum Frühjahr 1945 von der SS als Strafkommando betrieben wurde. Getestet wurde dort das Material von mindestens 79 Unternehmen – eines davon war Freudenberg.