Richard Billinger (* 20. Juli 1890 in St. Marienkirchen bei Schärding, Österreich-Ungarn; † 7. Juni 1965 in Linz) war ein österreichischer Schriftsteller. Sein Werk kennzeichnet den Wandel vom naturalistischen Volksstück zur mythisch-religiösen Darstellung dämonischer Naturkräfte. Es ist stark beeinflusst durch Billingers Heimat im Innviertel.
Billinger war in der Zeit des Nationalsozialismus ein Erfolgsautor. Seine Dramen, die keine rassistischen Äußerungen enthalten, wurden missverständlicherweise aufgrund der folkloristischen Bezüge unter der damals populären Blut-und-Boden-Literatur subsumiert. Heute gilt Billinger, dessen wichtigste Werke von dem Buchillustrator Alfred Kubin illustriert wurden, als einer der repräsentativsten Vertreter naturmystischer Literatur.
Als drittes und jüngstes Kind von Kaufleuten aus St. Marienkirchen begann Billinger bereits in seiner Schulzeit Gedichte und Dramen zu verfassen. Seine Kindheit war einerseits geprägt durch das bäuerliche Tagwerk auf den Feldern des Vaters, andererseits durch Hilfsarbeiten im Krämerladen seiner Mutter. Er sollte ursprünglich Priester werden, verließ aber das Linzer Petrinum, besuchte das Gymnasium Ried im Innkreis und studierte in der Folge in Innsbruck, Kiel und Wien Philosophie und Germanistik, jedoch ohne Abschluss.
Der zwei Meter große Riese und Kraftprotz Billinger wollte zunächst Zirkusathlet und Boxer werden, seine Leidenschaft für die Literatur gewann jedoch die Oberhand.
1922 wurde Billinger im Wiener Café Museum von der Tänzerin Grete Wiesenthal entdeckt, die ihn mit gedämpfter Stimme eigene Verse rezitieren hörte und ihm die Freundschaft zu Hugo von Hofmannsthal vermittelte. Auf dessen Schlösschen in Rodaun bei Wien konnte Billinger seine Gedichte vortragen. Er wurde auch von Max Mell gefördert. 1923 erschien der Gedichtband Lob Gottes im Verlag Rudolf Haybach und kurz darauf bei Ernst Rowohlt das Gedichtbändchen Über die Äcker. 1924 erhielt Billinger dafür den Literaturpreis der Stadt Wien. Hofmannsthal verkündete in der amerikanischen Zeitschrift The Dial „das Auftreten eines neuen lyrischen Dichters“.
Billinger dichtete eruptiv, stoßweise, manches gemahnt an den Expressionismus. Mit seiner Lyrik wollte er „zu Urworten gelangen, die wie Gebete klingen müssen“.
1924 erfolgte die Uraufführung von Billingers Marionettenspiel, Das Spiel vom Knecht im Wiener Konzerthaus, einem „dramatischen Gedicht für größere Marionetten“, das er in der Folge zum Drama Perchtenspiel umarbeitete.
1924 schrieb er das Spiel Reise nach Ursprung, das die Urzelle zu vielen seiner Dramen darstellt.
1928 erregte Billinger bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele mit seinem Stück Das Perchtenspiel (siehe Perchten) im Festspielhaus, einem „Tanz- und Zauberspiel vom törichten Bauern, von der Windsbraut und den Heiligen“, Aufsehen auch als Dramatiker (Premiere 26. Juli 1928 durch die Exl-Bühne in der Regie von Eduard Köck, Bühnenbild: Robert Kautsky, mit Grete Wiesenthal als Darstellerin der „schönen Perchtin“) und machte sich sofort einen Namen. Carl Zuckmayer lobte die „Unheimlichkeit, das Grauen, die Last“ darin und meinte „den heimlichen Knochen- und Seelenfraß des Landlebens“ am eigenen Leib zu verspüren.
„Das Stück hat eine reale Gespenstischkeit, ein Zwielicht der fassbaren wirklichen Dinge, wie ich sie nur bei Strindberg kenne. Das Doppelspiel der Masken, der Vermummung und der realen Geschehnisse, der Larven und Menschengesichter, ist einfach grossartig.“ (Carl Zuckmayer)
Bereits im Perchtenspiel zeichnet sich Billinger selbst. Er ist jener Bauer Peter, über den das Dämonische Gewalt hat. Es zwingt ihn, sein Weib zu verstoßen, den Hof zu verlassen, ungeachtet der schweren Arbeit, der nun die alten Eltern allein nachkommen müssen, er geht ins Abenteuer. Als er leer zurückkehrt, ist er nicht erlöst, sondern besessen, die Dämonie, die unter den Äckern und in den Wäldern geheimnisvoll lebt, zu erfahren. Da er die geheimnisvollen Mächte aber durch seine Flucht verraten hat, hetzen die schiechen Perchten ihn nun zu Tode.
„Wer aus dem Dorfe stammt, wird immer die Paradiesesdinge der Heimat schauen wollen. Der Schauer sprießt aus dem Tempel der Gewitter, der Gestirne, der Quellen, der wie Hände schenkenden Ähren, der Wälder, die noch im Geheimnisse sich baden. Wer bannte die Eltern an das Haus, an Stuhl und Tisch und Pfühl? Wachten die Gestirne, liefen die Engel herbei? Oder zeugten die Dämonen tierentwachsene Geister? Schwamm eine Wolke in der Nacht der Zeugung über Dach und Dorf wie ein Fisch mit goldenen Ätherflossen? Das Fenster war vergittert, das Tor war geschlossen, und das Brot, es ruhte auf dem Tische.“ (Richard Billinger: Woher ich kam)
Billinger beschrieb in vielen seiner Werke das ländlich-kultische Leben seiner Heimat im Innviertel, das an der Grenze zu Bayern zwischen der Donau und dem Inn liegt. Als Bauernsohn und Jesuitenzögling stellte er dabei seine enge Vertrautheit mit den Geheimnissen alter Sitten und Gebräuche unter Beweis. Seine ersten Bühnendichtungen entstanden aus dem Gegensatz vom Trieb seiner Helden zur Natur, die einerseits den dämonischen, heidnischen Mythos und anderseits den katholischen Geist umfasst, und der über alles sich hinwegsetzenden Sehnsucht nach dem Abenteuer, das die Zivilisation der Großstadt verspricht.
Im Drama Rauhnacht (1931) vermenschlicht Billinger die Dämonen, die im Perchtenspiel noch Masken, Geister und Feengestalten waren. Der Held, Simon Kreuzhalter, flüchtet in die Stadt und studiert Theologie, er kehrt zurück, den inneren Mächten verloren und deshalb ins Verbrechen gehetzt. Aufs Land lockt ihn die Gier nach unbekannten psycho-physischen Ekstasen, statt Geistern findet er die sehr reale, doch außenseiterische Krämerstochter Kreszenz. Billingers erster großer Erfolg erlebte seine Uraufführung am 10. Oktober 1931 an den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Otto Falckenberg und in der Ausstattung von Alfred Kubin mit Käthe Gold, Ewald Balser und Will Dohm und wurde von Falckenberg unmittelbar neben August Strindbergs Gespenstersonate gestellt. In der Aufführung von Rauhnacht am Hamburger Thalia Theater (Regie: Erich Ziegel) hatte der Schauspieler Ferdinand Marian seinen Durchbruch.
In vielen Werken Billingers ist die Mutter letzter Halt, nur sie nimmt ihn immer wieder auf – auch dies entspricht dem autobiographischen Zug. Sie ist letzte Gnade, auch als Magna Mater und in Gestalt eines Bettelweibs oder einer Hexe. Zugleich wird ihre Stimme zur Stimme des Gewissens: Auf die Frage „Was soll ich fürchten?“ antwortet sie: „Das Draußen nicht, das Drinnen“ (Rauhnacht).
Das Stück Rosse (1931, siehe Rosse), markiert eine deutliche Wandlung in Billingers dramatischem Werk: Der Pferdeknecht Franz bleibt dem Kreis der dämonischen Natur verhaftet und zerbricht an der Explosion seines bedrohten Ichs; hier ist im Gegensatz zum Perchtenspiel und zur Rauhnacht die Hauptfigur nicht das Spiegelbild des Billinger’schen Wesens, sondern frei erdichtet. Rosse nimmt Peter Shaffers Pferdedrama Equus vorweg, es ist in seiner Konsequenz vielleicht noch erschreckender als das Stück des Engländers. Am 19. April 1931 wurde die Urfassung des Stückes als „Skizze“ an den Münchner Kammerspielen aufgeführt. Diese Fassung verwendete der Komponist Winfried Zillig als Libretto für seine gleichnamige Oper, die am 11. Februar 1933 in Düsseldorf unter der Intendanz von Walter Bruno Iltz mit dem Dirigenten Jascha Horenstein uraufgeführt wurde. Mit einer neuen Fassung dieses Schauspiels hielt Billinger erstmals Einzug am Staatlichen Schauspielhaus in Berlin (1933, mit Maria Koppenhöfer) und am Wiener Burgtheater (15. September 1933, mit Franz Höbling in der Hauptrolle). Die Anregung für das Stück erhielt Billinger durch das Bild „Der behexte Stallknecht“ von Hans Baldung Grien, der wie auch Pieter Brueghel und Alfred Kubin als seelenverwandt mit Billinger bezeichnet werden kann. Kubin setzte sich in mehreren grafischen Blättern mit dem literarischen Schaffen Billingers auseinander, nachdem er 1931 die Szenenentwürfe zur Uraufführung von Rauhnacht gezeichnet hatte; Billinger wiederum widmete Kubin mehrere Gedichte.