Richard Baer (* 9. September 1911 in Floß, Oberpfalz; † 17. Juni 1963 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Sturmbannführer der Waffen-SS und letzter Kommandant der Konzentrationslager Auschwitz sowie Mittelbau-Dora.
Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm er mit der SS-Division „Totenkopf“ am Westfeldzug und dem Überfall auf die Sowjetunion teil. Infolge einer Kriegsverletzung kehrte er zum bereits zuvor versehenen Dienst in einem Konzentrationslager zurück und stieg im Frühjahr 1942 zum Adjutanten des Lagerkommandanten im KZ Neuengamme auf. Im November wechselte er – ebenfalls als Adjutant – zum Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes Oswald Pohl. Kurz nach seinem dortigen Ausscheiden im Mai 1944 wurde er Lagerkommandant des Konzentrationslagers Auschwitz bis zu dessen Räumung im Januar 1945. Ab Juli 1944 war er zusätzlich Standortältester der SS in Auschwitz. Von Anfang Februar bis Anfang April 1945 leitete er das Konzentrationslager Mittelbau. Nach Kriegsende konnte Baer zunächst untertauchen, wurde jedoch 1960 im Zusammenhang mit Ermittlungen zum ersten Frankfurter Auschwitzprozess als gesuchter Kriegsverbrecher in Untersuchungshaft genommen. Baer, der als Hauptangeklagter für diesen Prozess vorgesehen war, starb noch vor dem Hauptverfahren.
Herkunft, Ausbildung und Beruf
Richard Baer war der Sohn von Karl Baer und dessen dritter Ehefrau Anna, geborene Meierhöfer. Seine Eltern bewirtschafteten einen acht Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb und führten einen Kolonialwarenladen. Aus den beiden vorangegangenen Ehen seines Vaters entstammten zwei Halbschwestern und ein Halbbruder. Er wurde evangelisch erzogen. Von 1917 bis 1924 besuchte er in seinem Heimatort die Volksschule, wobei er mittelmäßige Leistungen zeigte. Nach dem Ende der Schulzeit verließ er 1925 das Elternhaus und machte in Weiden in der Oberpfalz beim örtlich ansässigen Konditorei- und Caféhausbesitzer Fritz Stark eine dreijährige Ausbildung zum Konditor und besuchte zeitgleich die Berufsfortbildungsschule. Nach abgeschlossener Lehrzeit begab er sich als Geselle in Bayern auf mehrjährige Wanderschaft. Zuletzt kehrte er im Winter 1932 wieder zu seinem Lehrbetrieb zurück und kündigte im März 1933 sein Anstellungsverhältnis.
Baer trat zum 1. Februar 1931 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 454.991); in Nachkriegsvernehmungen nannte er als Eintrittsdatum den 18. Dezember 1930. Anlass für den Parteibeitritt war laut Baers Aussage von Ende Dezember 1960 die Beerdigung eines Nationalsozialisten, der Vater eines Schulfreundes gewesen war. Dabei habe ihn der Aufmarsch von uniformierten und mit Fahnen ausgestatteten Parteimitgliedern fasziniert. Am 1. Juli 1932 wurde er Mitglied der Allgemeinen SS (SS-Nummer 44.225). In der örtlichen SS traf er auf den späteren KZ-Lagerkommandanten Martin Gottfried Weiß. Die zehn bis zwölf Angehörigen des SS-Sturms in Weiden trafen sich zunächst während ihrer Freizeit einmal wöchentlich zu Wehrsportübungen. Unter der Leitung von Weiß bot die kleine SS-Truppe an Wochenenden in den umliegenden Dörfern auf Parteiversammlungen Rednerschutz. Baer gab später nach seiner Festnahme in Vernehmungen an, nicht aus politischen Gründen der Allgemeinen SS beigetreten zu sein. Ihm habe dort die „soldatische Disziplin“ und die „Freude am Soldatenspielen“ gefallen, das habe „damals Spaß gemacht“. Im Alltag spielte seine Zugehörigkeit zur SS zunächst keine Rolle; so legte Baer seine SS-Uniform erst im Vereinslokal an.
Aufstieg in der Konzentrationslager-SS
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten dienten sich die meisten Männer des Weidener SS-Sturms dem Ortsgruppenleiter als Hilfspolizisten an und patrouillierten gemeinsam mit regulären Polizeibeamten durch Weiden. Zusammen mit einigen Hilfspolizisten wurde Baer am 19. April 1933 zum Wachdienst ins KZ Dachau versetzt, wo ihm unter Theodor Eicke militärischer Drill, weltanschauliche Schulung und systematisierter Terror gegenüber Häftlingen zur Befähigung für den Lagerdienst vermittelt wurden. Bei späteren Vernehmungen beschrieb er die Schulung für den Wachdienst im KZ Dachau als „sehr streng“; er sei dort mit seinen Kameraden „mächtig geschliffen“ worden: „Je mehr wir geschliffen wurden, je stolzer waren wir darauf.“ Im Verlauf des Jahres 1934 wurde Baer dem Wachsturmbann Brandenburg in Oranienburg zugeteilt und verrichtete unter anderem im KZ Columbia-Haus, einem Gefängnis der Gestapo, vom 20. Dezember 1934 bis zum 31. März 1935 Wachdienst.
Ab 1937 war er Zugführer bei der Wachmannschaft des KZ Sachsenhausen. Von der 2. SS-Totenkopfstandarte Brandenburg wurde er Anfang März 1938 nach einem Lehrgang zur 3. SS-Totenkopfstandarte Thüringen abkommandiert, wo er als Zugführer und Ausbilder bei der Wachmannschaft des KZ Buchenwald eingesetzt war. Zuletzt war er Kompanieführer der 4. Polizeiverstärkungskompanie. Innerhalb der SS war er im September 1938 mittlerweile bis zum SS-Untersturmführer aufgestiegen. Ab Ende 1938 leitete er den Wachtrupp im neu errichteten KZ Neuengamme, zu diesem Zeitpunkt noch Außenlager des KZ Sachsenhausen. Der ihm unterstellte Wachtrupp führte Aufsicht über ein 100 Menschen umfassendes Häftlingskommando, das in einer Ziegelei Zwangsarbeit verrichten musste.
Kriegsdienst, Verwundung und Heirat
Während des Zweiten Weltkrieges wurde er im Mai 1940 nach Korbach zur SS-Totenkopfdivision versetzt und nahm am Westfeldzug teil. Danach war er bei den Besatzungstruppen in Frankreich kurzzeitig Standortkommandant und wurde am 9. November 1940 SS-Obersturmführer. Nach einem Kompanieführerlehrgang und der Verlegung seiner Einheit nach Ostpreußen im Juni 1941 führte er während des Überfalls auf die Sowjetunion eine Kompanie der SS-Totenkopfdivision. Am 17. November 1941 erlitt er bei Gefechten in Demjansk einen Oberschenkeldurchschuss. Im Dezember 1941 wurde er ins KZ Neuengamme zurückverlegt, wo er seine Kriegsverletzung im Offizierslazarett auskurierte und anschließend verblieb.
Am 6. Januar 1942 ehelichte er die Verkäuferin Maria L. (* 1922) aus Hamburg-Bergedorf, die Tochter eines Malermeisters, die er seit dem Winter 1938/39 kannte. Das Paar blieb kinderlos. Anfang 1942 verkaufte er seinen Erbteil des elterlichen Hofes und verpachtete dort weiteres Land an das nahe gelegene KZ Flossenbürg. Auf den Teichgrundstücken musste ein Häftlingskommando des KZ Flossenbürg eine Forellenzucht aufbauen.
Adjutant und Stellvertreter des Lagerkommandanten im KZ Neuengamme
Der ihm bereits vom SS-Sturm Weiden bekannte und nun als Lagerkommandant des KZ Neuengamme fungierende Martin Weiß machte Baer im Frühjahr 1942 zu seinem Adjutanten. Obwohl formell eigentlich der Schutzhaftlagerführer Stellvertreter des Lagerkommandanten war, übernahm Baer diese Funktion im KZ Neuengamme. Baer wurde bis Anfang April 1942 als Angehöriger der SS-Totenkopfdivision geführt und danach bei einem SS-Ersatzbataillon. Offiziell gehörte er erst ab dem 1. Juli 1942 als Adjutant dem SS-Sturmbann Neuengamme an. Nachdem Weiß Anfang September 1942 die Lagerkommandantur im KZ Dachau übernommen hatte, leitete Baer bis zum Eintreffen des neuen Lagerkommandanten Max Pauly für zwei Monate vertretungsweise das KZ Neuengamme. Im KZ Neuengamme beteiligte er sich nach Aussagen KZ-Überlebender an der Selektion kranker und arbeitsunfähiger Häftlinge im Rahmen der Aktion 14f13. Ende September 1942 wurden im Arrestbunker des Lagers 197 sowjetische Kriegsgefangene mit Giftgas ermordet.
Anfang November 1942 wurde Baer ins KZ Auschwitz versetzt, wo er als Adjutant des Lagerkommandanten Rudolf Höß vorgesehen war. Nach wenigen Tagen wurde er von dort wieder abkommandiert und am 13. November 1942 als Adjutant von Oswald Pohl, dem Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes (WVHA), eingesetzt. Zu dieser Entscheidung hatten Pohl Richard Glücks, Gerhard Maurer, Baers Bekannter Weiß und auch Höß geraten. Laut Baers Aussage im Dezember 1960 hatte er sich gegenüber Glücks, dem Leiter der Inspektion der Konzentrationslager, verwundert darüber gezeigt, dass er als Soldat und ohne Kenntnisse als Verwaltungsführer für diesen Posten ausgewählt worden war. Glücks habe ihm daraufhin mitgeteilt, dass Pohl „gerade einen Frontoffizier als Adjutanten“ suche. Baer zeigte sich ausgesprochen ehrgeizig in dieser Funktion, besuchte die verschiedenen Konzentrationslager und war über die dort herrschenden Zustände sowie den Holocaust im Bilde.