Die Republik Hatay (türkisch Hatay Devleti, wörtlich Staat Hatay) war ein Staat, der formal vom 7. September 1938 bis zum 29. Juni 1939 existierte. Er war ein Übergangskonstrukt, das den ehemaligen Sandschak Alexandrette aus französischer Mandatsherrschaft im Rahmen des Völkerbundmandates für Syrien und Libanon in eine Provinz der Türkei überführte.
Dem vorausgegangen war ein zwei Jahrzehnte dauerndes Ringen um die Region, währenddessen es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen im Sandschak und auch den Mandatstruppen gekommen war. 1936 führte der Streit um die Region in die diplomatische Alexandretta-Krise im Völkerbund. Frankreich und das Vereinigte Königreich stimmten letztlich einer Übereignung des Sandschaks an die Türkei zu, um sich im heraufziehenden Konflikt mit Deutschland der Neutralität der Türkei zu versichern.
Am 29. Juni 1939 wurde die Republik Hatay an die Türkei angegliedert und – ergänzt um die türkischen Distrikte Erzin, Dörtyol und Hassa – zur türkischen Provinz Hatay geformt.
Der Zerfall des Osmanischen Reiches und die Aufteilung in Mandatsgebiete
Der Konflikt um die Region um Alexandretta war eine Folge der weitreichenden politischen Umwälzungen, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im Nahen Osten stattfanden. Das Osmanische Reich, das auf der Verliererseite dieses Krieges stand, war bereits 1916 von Frankreich und Großbritannien im Sykes-Picot-Abkommen heimlich in Interessensphären aufgeteilt worden. Auf der Konferenz von Sanremo im April 1920 wurden dieser Aufteilung folgend drei Völkerbundmandate geschaffen mit der Begründung, auf diese Weise die neu entstandenen Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches auf dem Weg in die nationale Eigenständigkeit zu unterstützen. Eines dieser Mandate ging als „Völkerbundmandat für Syrien und Libanon“ in die Verantwortung Frankreichs über, wobei der ehemalige Sandschak Alexandrette im Mandatsgebiet inbegriffen war. Dieser Regelung stimmte im Vertrag von Sèvres im Sommer 1920 auch das Osmanische Reich zu.
Der Zweite Weltkrieg wirft seine Schatten voraus
Frankreich sah sich in der Alexandretta-Frage mit einer komplizierten politischen Situation konfrontiert. Auf der einen Seite stand das geostrategische Interesse, den Hafen von Alexandretta zu besitzen, einen der wenigen leistungsfähigen Häfen der Südküste Kleinasiens. Auch die der Mandatsmacht anvertraute Handelsstadt Aleppo war traditionell stark auf diesen Hafen angewiesen und der wirtschaftliche Erfolg sicherte die französischen Investitionen in Syrien. Die Bevölkerung des ehemaligen Sandschaks war darüber hinaus während der 1920er-Jahre eindeutig nicht mehrheitlich türkisch. Obwohl diese Faktoren für einen unnachgiebigen Kurs Frankreichs gegenüber der Türkei gesprochen hätten, wurde der wachsende türkische Einfluss im ehemaligen Sandschak durch die französische Mandatspolitik hingenommen, bis er kaum umkehrbar war. Der Grund für die nachgiebige Haltung Frankreichs war die Befürchtung der französischen Politiker, dass die Türkei sich in einem erneuten Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland wie im Ersten Weltkrieg wieder auf die deutsche Seite schlagen könnte.
Frankreichs divide-et-impera-Politik
Der Einmarsch der Franzosen wurde sowohl nördlich wie auch südlich der neuen syrisch-türkischen Grenze nicht willkommen geheißen. In Alexandretta provozierte er unverzüglich eine Revolte gegen die französischen Streitkräfte. Zwischen 1918 und 1921 kam es zu mehreren Aufständen. Die zu diesem Zeitpunkt noch mit den Syrern verbündeten türkischen Kemalisten unterstützten den Widerstand nach Kräften.
Frankreich, dessen militärische Ressourcen nach dem verlustreichen Weltkrieg begrenzt waren, verlegte sich auf eine Divide-et-impera-Politik: Innerhalb Syriens wurde der nationale Widerstand durch die Besetzung von Damaskus und die Absetzung König Faisals am 25. Juli 1920 geschwächt. Außenpolitisch erreichte Frankreich im Abkommen vom 20. Oktober 1921 in Ankara eine Einigung mit der Türkei, die zur Einstellung der militärischen Unterstützung für die syrischen Rebellen führte und die französisch-türkischen Feindseligkeiten beendete. Im Gegenzug gestand Frankreich der Türkei unter anderem gewisse Sonderrechte in Hatay zu.
Innerhalb kurzer Zeit hatte Frankreich also die vormals verbündeten Kräfte erfolgreich gegeneinander ausspielen können. Rückblickend war nun aber auch der Grundstein für ein jahrelanges Ringen um Einfluss in Hatay gelegt und ein Prozess in Gang gesetzt, der in den folgenden beiden Jahrzehnten eine zunehmende Eigendynamik erfahren sollte.
Die Turkifizierungspolitik der 1920er und 30er Jahre
Schon 1921 hatte die Türkei begonnen, ihre neuen Vorrechte für eine Turkifizierungspolitik in der Region Alexandretta zu nutzen und die dortige multiethnische Gesellschaft gezielt zu beeinflussen. Die Türkei machte von Anfang an keinen Hehl aus ihrem Ziel, die Region zurückzugewinnen. Atatürk beklagte 1923 in einer Rede, dass der Sandschak Alexandrette „vier Jahrhunderte lang Teil der türkischen Heimat“ gewesen sei und sich nun „in der Hand des Feindes“ befände.
So wurde das Bildungssystem deutlich an türkischen Bedürfnissen ausgerichtet, obwohl die türkischen Muttersprachler in den 1920ern eine Minderheit im Sandschak bildeten. Dies äußerte sich beispielsweise in einer Bevorzugung türkischer Schüler bei der Vergabe von Stipendien, der Verteilung des Budgets zugunsten türkischsprachigen Unterrichts und besseren Bildungsangeboten in türkischer Sprache bis hin zu gezielter Blockade arabischer Schulabschlüsse.
Auch die Verwaltung, die im Wesentlichen die alten osmanischen Beamten beibehalten hatte, war türkisch dominiert und die Chancen für Araber auf einen Posten waren signifikant schlechter als die eines Türken. Frankreich förderte dies zwar nicht, unternahm aber auch keine Anstrengungen dagegen. Ebenso waren Türken im Darak, einer paramilitärischen Polizeieinheit mit weitreichenden Befugnissen, und in geringerem Maße in der normalen Ordnungspolizei (Šurta) überrepräsentiert.
Eine sehr aktive Rolle nahm Frankreich dagegen bei der Modifizierung der Grenzen des Verwaltungsgebietes ein. Sie wurden im Laufe der 1920er mehrfach so verändert, dass die Bevölkerung einen zahlenmäßig immer höheren Anteil an Türken hatte.
Türkisch wurde darüber hinaus als gleichberechtigte Amtssprache neben Arabisch und Französisch eingeführt.
Die Rolle der nichttürkischen Bevölkerung