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René Girard

Französischer Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologe und Religionsphilosoph

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René Noël Théophile Girard (* 25. Dezember 1923 in Avignon; † 4. November 2015 in Stanford, Kalifornien) war ein französischer Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologe und Religionsphilosoph, der ab 1947 in den USA lebte und arbeitete. Sein Werk lässt sich in die Tradition der philosophischen Anthropologie einordnen.

René Girard wurde als Sohn des Archivars, Bibliothekars und Paläographen Joseph Girard geboren, der als Konservator im Papstpalast und im Musée Calvet in Avignon arbeitete. Der Sohn schlug zunächst die gleiche Laufbahn ein und studierte an der École nationale des chartes in Paris Geschichte, Archivkunde und Paläographie, vor allem die Geschichte des Mittelalters. Er machte 1947 sein Diplom als Archivar und Paläograph, seine von Marcel Aubert und André Masson betreute Abschlussarbeit behandelte das Privatleben in Avignon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Im selben Jahr ging er mit einem Stipendium der französischen Regierung in die USA, wo er Französisch unterrichtete und 1950 an der Indiana University Bloomington zum Ph.D. in Geschichte promoviert wurde. Thema seiner Dissertation war American Opinion of France, 1940–1943. Im Jahr 1952 heiratete Girard die Bibliothekarin Martha McCullough, mit der er drei Kinder bekam. Er lehrte an mehreren US-Universitäten, zunächst an der Duke University in North Carolina (1952–53), dann als Assistant Professor am Bryn Mawr College in Pennsylvania (1953–57).

Von 1957 bis 1968 arbeitete er an der Johns Hopkins University in Baltimore, wo er 1961 zum ordentlichen Professor aufstieg. Der zuvor wenig religiöse Girard bekehrte sich nach einem Erweckungserlebnis im Winter 1959 zum christlichen Glauben. 1959 und 1965 erhielt er ein Guggenheim-Stipendium. Als Vorstand der Abteilung für Romanische Sprachen (1965–1968) an der Johns Hopkins University organisierte er 1966 eine vielbeachtete Konferenz zum Thema The Languages of Criticism and the Sciences of Man, an der u. a. Roland Barthes, Jacques Derrida, Jacques Lacan und Tzvetan Todorov teilnahmen.

Von 1968 bis 1976 war er an der State University of New York at Buffalo tätig, dann kehrte er als John M. Beall Professor of the Humanities für vier Jahre an die Johns Hopkins University zurück. Von 1981 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1995 lehrte er als Professor für französische Sprache, Literatur und Kultur an der Stanford-Universität, an der er auch noch als Professor emeritus tätig war.

1979 wurde René Girard in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen, 2005 in die Académie française. 1991 erhielt er den Prix Médicis und 2006 den Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er war Mitglied der Ehrenlegion und erhielt den 2014 den Ordre des Arts et des Lettres.

René Girard wurde Ehrendoktor vieler Universitäten, unter anderem der Universität Montreal, der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck, der Universität Antwerpen, der Universität Padua und der University of St Andrews.

Girards Weg zum Aufweis eines mimetischen Begehrens des Menschen führte ihn über seine Lektüre Cervantes’, Shakespeares, Stendhals, Dostojewskis, Flauberts und Prousts. Unter dem Gewinn eines erkenntnistheoretischen Aspekts eines literarisch bestimmten mimetischen Begehrens analysierte Girard darauf die Dramen von Sophokles und Euripides und die ihm zugänglichen Ergebnisse ethnologischer Forschung von James Frazer, Lucien Lévy-Bruhl und Edward E. Evans-Pritchard. Einen dritten Schritt zu einer allgemeinen Formulierung einer mimetischen Theorie menschlicher Kultur unternahm Girard, indem er alt- und neutestamentliche Schriften und deren Wirkungsgeschichte auf eine Übereinstimmung mit seiner eigenen Theoriefindung überprüfte.

Ausgangspunkt der mimetischen Theorie von René Girard ist die Feststellung, dass menschliche Gesellschaften nur dann überleben, wenn sie in der Lage sind, der Ausbreitung von Gewalt innerhalb einer Gruppe erfolgreich entgegenzuwirken. Ursache zwischenmenschlicher Konflikte ist das Nachahmungsverhalten von Menschen, die in engem Kontakt miteinander leben: Dieses Verhalten stiftet Rivalität, Neid und Eifersucht, ist ansteckend, wird von allen Mitgliedern der Gruppe mitgetragen und führt zu raschen Gewalteskalationen, in denen das ursprüngliche Objekt keine Rolle mehr spielt: sie werden lediglich durch das Imitieren des Anderen in Gang gehalten.

Für das Aneignungsverhalten und die nachfolgende Nachahmung des gewalttätigen Verhaltens wird von Girard der Begriff „Mimesis“ verwendet, um damit den Abstand von der geläufigen Thematisierung des imitativen Verhaltens – die in der von Platon und Aristoteles begonnenen Tradition steht – als Nachahmung äußerlicher Darstellungen, Gestik oder Mimik hervorzuheben.

Verbote, Riten und Sündenbockmechanismus

Die Entwicklung des religiösen Denkens in den früheren archaischen Gesellschaften unserer Vorfahren geht mit der Ausbildung von Normen einher, die das Ausbreiten der Gewalt innerhalb der Gruppe verhindern oder steuern. Für archaische Gesellschaften ist das Bewusstsein, dass Mimesis und Gewalt dasselbe Phänomen sind, von zentraler Bedeutung. Gewalt wird verhindert, indem man die mimetische Verdoppelung/Spiegelung zwischen Individuen derselben Gruppe verbietet. Verbote, die von archaischen Religionen aufgestellt werden, sind aus dieser Perspektive zu deuten und sind umso aufschlussreicher, je absurder sie uns erscheinen (etwa das Verbieten von Zwillingen, Spiegeln usw.).

Das Wissen über den Zusammenhang Gewalt–Mimesis verweist auf die Wege, die aus der mimetischen Krise (Ausbreitung der Gewalt) führen. Girard postuliert die Existenz einer fundierenden Erfahrung, die ein für alle Mal gezeigt hat, dass die Gewaltspirale durch die Opferung eines Sündenbocks unterbrochen wird. Hat die mimetische Gewalt in einer Gruppe einen Punkt erreicht, in dem alle die Gewalt aller nachahmen und das Objekt, das die Rivalität ausgelöst hat, „vergessen“ ist, so stellt das Auftreten eines einmütig als schuldig empfundenen Individuums eine einheitsstiftende Polarisierung der Gewalt dar: Die Tötung oder Ausstoßung des „Schuldigen“ reinigt die Gruppe von der Gewaltseuche, weil diese letzte – gemeinsam vollbrachte – Gewaltanwendung keinen mimetischen Vorgang (Rache) mit sich bringt. Da auch das Objekt, das die Krise ausgelöst hat, vergessen ist, ist die Reinigung durch diese Opferung vollständig. Insofern die Auswahl des Sündenbocks eine mutwillige oder auch zufällige ist, ist der Sündenbock austauschbar: Seine Bedeutung für die Gruppe besteht in der durch ihn wiederhergestellten Einmütigkeit. Gleichzeitig ist aber der ermordete/ausgestoßene Sündenbock in seiner heilbringenden Abwesenheit einzigartig und unaustauschbar.

Dieses Geschehen ist mit seiner „wunderbaren“ Wirkung die Offenbarung des Heiligen, das das Überleben der Gruppe ermöglicht: Die dem Opfer nach seiner Tötung dargebrachte Verehrung kommt der Erfindung der Göttlichkeit gleich, und die Wiederholung des Sündenbockvorgangs ist die rituelle Vergegenwärtigung des Heiligen zusammen mit dessen Ausstoßung aus der menschlichen Gesellschaft.

Besondere Beachtung verdient der Umstand, dass die Wiederholbarkeit des Vorgangs und die Austauschbarkeit des Opfers – das, was einen Kult ermöglicht, – in der a-priori-Bösartigkeit des Sündenbocks gründen, es also unerheblich ist, ob er wirklich schuldig ist.

Die Gesamtheit der Gebote und Regeln, die das Wiederholen dieses Vorgangs fördern und seinen Ausgang überwachen, machen den eigentlichen Bestand an Riten und positiven Verhaltensnormen jeder archaischen Gesellschaft aus.

Nach Girards Theorie ist Religion jene Form des menschlichen Denkens, die das Wissen über Gewalt/Mimesis und den Sündenbockmechanismus bewahrt. Anders als das dem modernen Menschen vertraute analytische und differenzierte Denken hat aber die Religion nicht die Aufgabe, diese Mechanismen zu erklären. Die Religion kann im Gegenteil die Aufgabe der Bewahrung dieser Vorgänge nur dann erfüllen, wenn sie deren grundlegende Wahrheiten verschleiert: Ein Sündenbock könnte kein Sündenbock mehr sein, wenn die Menschen sich seiner Unschuld bewusst wären; ein Verbot würde keine Kraft entfalten können, wenn es nicht gottgegeben wäre. Indem die Transzendenz einer Gottheit die Funktionsfähigkeit dieser Verschleierung gewährleistet, sind gleichzeitig die Menschen von der Verantwortung entbunden, an dem Mechanismus zur Überwindung der Gewalt zu zweifeln.

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