Reinhard Tristan Eugen Heydrich (* 7. März 1904 in Halle an der Saale; † 4. Juni 1942 in Prag) war ein deutscher SS-Obergruppenführer und General der Polizei.
Er war während der Zeit des Nationalsozialismus vom 27. September 1939 bis zu seinem Tod Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) und ab dem 29. September 1941 als stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren für zahlreiche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich. Er wurde am 31. Juli 1941 von Hermann Göring mit der „Endlösung der Judenfrage“ beauftragt und war bis zu seinem Tod einer der Hauptorganisatoren des Holocausts. In dieser Funktion leitete er am 20. Januar 1942 in Berlin die Wannseekonferenz, auf der die Vernichtung der im deutschen Machtbereich lebenden Juden besprochen und koordiniert wurde. Heydrich wurde am 27. Mai 1942 in Prag bei einem Attentat tschechoslowakischer Widerstandskämpfer schwer verletzt und starb acht Tage später. Daraufhin verübte das NS-Regime Racheakte wie die Massaker von Lidice und Ležáky.
Heydrichs Mutter Elisabeth Krantz (1871–1946) stammte aus einer wohlhabenden Familie und war die Tochter des Leiters des Königlichen Konservatoriums in Dresden, Eugen Krantz. Sein Vater Bruno Heydrich (1865–1938) kam aus einfachen Verhältnissen, brachte es aber nach einer durch ein Stipendium finanzierten Ausbildung in Komposition und Gesang am Königlichen Konservatorium in Dresden zu einem anerkannten Komponisten und Opernsänger. Die Ehe der Eltern war interkonfessionell, die Mutter römisch-katholisch und der Vater protestantisch. Die drei Kinder Reinhard, Heinz und Maria wurden katholisch erzogen.
1899 gründete Bruno Heydrich in Halle an der Saale eine Musikschule für Kinder der Mittelklasse. Die Musikschule wurde bereits 1901 zu einem Konservatorium ausgebaut, das 1904 elf Lehrer, vier Hilfskräfte und eine Sekretärin fest angestellt hatte, so dass sich die Familie Heydrich zwei Dienstmädchen und einen Butler leisten konnte, Zugang zu den gehobenen Kreisen der Stadt hatte und unter anderem zum Bürgermeister und Herausgeber der Lokalzeitung freundschaftliche Kontakte pflegte.
Gerüchten, er sei jüdischer Herkunft, trat Bruno Heydrich 1916 erfolgreich mit einer Verleumdungsklage entgegen, da er fürchtete, sie könnten im politischen Klima der von Antisemitismus geprägten wilhelminischen Ära „geschäftsschädigend“ wirken.
Reinhard Heydrich wurde streng erzogen und besuchte auf Wunsch des Vaters das nicht-konfessionelle Reformgymnasium, an dem ein Schwerpunkt auf das Erlernen moderner Fremdsprachen und Technik gelegt wurde. Besonders im letzteren Bereich (speziell im Fach Chemie) zeigte Heydrich überdurchschnittliche Leistungen. Abseits der Schule erlernte Heydrich als Kind eines Musikers mehrere Instrumente. Vor allem beim Violinspiel zeigte er einiges Talent und beherrschte es bald auf einem nennenswerten Niveau. Seine Leidenschaft für dieses Instrument blieb auch im Erwachsenenalter ungebrochen. Die Ambition des Vaters, seinen Sohn zu einem professionellen Sänger auszubilden, wurde durch den dünnen, gebrechlichen Charakter von Reinhards Fistelstimme zunichtegemacht, was sich auch während der Jugendjahre nicht auswuchs. Er wurde von Mitschülern gehänselt.
Politisch und weltanschaulich wurde er früh durch einen extremen Nationalismus geprägt, der in der Familie vorherrschte. Die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg und die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. wurden von seiner Familie als Katastrophe empfunden. Wie auch viele weitere Schüler seines Realgymnasiums schloss Reinhard Heydrich sich 1919, nachdem er Zeuge von Kämpfen nahe seinem Elternhaus in seiner Heimatstadt geworden war, einer „freiwilligen Einwohnerwehr“ des Freikorps von Georg Maercker an, in der er als Melder Dienst tat, ohne selbst an Kampfhandlungen teilzunehmen. 1920 wurde er Mitglied der Jugendgruppe der halleschen Ortsgruppe des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes (DVSTB), der nach der Ermordung von Außenminister Rathenau 1922 verboten wurde.
Eintritt in die Marine, Verlobung und Entlassung
Am 30. März 1922 trat Heydrich als Seekadett in die Reichsmarine ein. 1926 erhielt er sein Offizierspatent als Leutnant zur See, durchlief eine Spezialausbildung zum technischen Nachrichtenoffizier im Funkwesen und diente in dieser Funktion bis 1928 auf dem Linienschiff Schleswig-Holstein. Am 1. Juli 1928 wurde er zum Oberleutnant zur See befördert und in die Admiralstabsabteilung der Marinestation der Ostsee in Kiel versetzt.
Zu Beginn seiner Ausbildung in der Marine galt Heydrich als Sonderling. In dieser Zeit machte er „einen seltsam unpolitischen Eindruck“ und galt als „Freisinniger“, was im außerordentlich konservativen Offiziersmilieu der Marine negativ angesehen war. Heydrich lernte Wilhelm Canaris, den späteren Chef der deutschen Abwehr, 1923 während seiner Dienstzeit auf dem Kreuzer Berlin kennen und befreundete sich mit ihm. Während seiner Marinezeit betrieb der ehrgeizige Heydrich intensiv Sport: Segeln, Schwimmen, Fechten; viel Zeit wandte er fürs Musizieren auf.
Im Dezember 1930 lernte Heydrich seine spätere Ehefrau, die 19-jährige Lina Mathilde von Osten (1911–1985), kennen. Zwei Wochen später verlobten sich die beiden heimlich. Wenige Tage später hielt Heydrich bei ihrem Vater, Jürgen von Osten, in einem Brief um sie an. Lina kam aus einer politisch rechtsextrem geprägten Familie. Ihr Bruder Hans von Osten gehörte ab 1928 der SA an, sie selbst war, schon als sie Reinhard Heydrich kennenlernte, „überzeugte Nationalsozialistin und glühende Antisemitin“.
Heydrich hatte zur Zeit der Verlobung mit Lina von Osten aber eine Beziehung zu einer anderen Frau, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. Er beendete diese Beziehung durch Zusendung der Anzeige seiner Verlobung. Der Vater der betroffenen Frau reichte beim Chef der Marineleitung, Admiral Erich Raeder, Beschwerde gegen Heydrich ein. Es wurde daraufhin ein Ehrenrat anberaumt, vor dem Heydrich sein Verhalten rechtfertigten sollte. Dem mit der Anhörung des Falles betrauten Ehrenrat gehörten je nach Quelle drei oder vier Marineoffiziere an: Gesichertermaßen Admiral Gottfried Hansen – Chef der Marinestation Ostsee als Vorsitzender, außerdem Heydrichs Ausbilder Gustav Kleikamp als erstes Mitglied und Hubert von Wangenheim als dienstältestes Mitglied der Crew, zu der Heydrich gehörte.
Ein gebrochenes Heiratsversprechen galt als ehrenrührig, war aber kein schweres Vergehen und hätte ohne Strafe durch den Ehrenrat der Marine enden können. Jedoch führte Heydrichs arrogantes Auftreten – er sprach schlecht über die Frau und bestritt, ihr die Ehe versprochen zu haben – den Ehrenrat dazu, kein Urteil zu fällen und das Verfahren in die alleinige Entscheidung Raeders zu legen. Der Admiral verfügte – ebenfalls wegen Heydrichs Unaufrichtigkeit, sich durch Belastung der Frau reinzuwaschen –, dass dieser als Offizier „unwürdig“ sei: Heydrichs Entlassung wurde am 30. April 1931 wirksam.
Für Heydrich war die unerwartete Entlassung eine Katastrophe, die ihn bis ins Mark erschütterte. Seine Lebensplanung war damit hinfällig. Einer beim Reichspräsidenten eingereichten Bitte um Aufhebung der Entlassung gnadenhalber wurde nicht entsprochen; Heydrich „schloss sich in seinem Zimmer ein und weinte tagelang vor Wut und Selbstmitleid“. Inmitten der Weltwirtschaftskrise war Heydrich nun weitgehend auf sich gestellt, abgefedert durch ein Übergangsgeld von 200 Reichsmark monatlich. Unterstützung durch die Eltern blieb aus, da Bruno Heydrich nach einem Schlaganfall im Frühjahr 1931 nicht mehr in der Lage war, die Geschäfte zu führen, und den Musikunterricht Frau und Tochter überließ.
Begegnung mit Heinrich Himmler und Aufstieg im parteiinternen SD
Zum 1. Juni 1931 trat Heydrich unter dem Einfluss Lina von Ostens und ihrer Familie in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 544.916), nachdem er lange gegenüber der Partei indifferent geblieben war. Kurz darauf, am 14. Juli, trat er als SS-Untersturmführer in die Schutzstaffel ein (SS-Nummer 10.120). Sein früher Eintritt trug dazu bei, dass er später das Goldene Parteiabzeichen erhielt. Sein Eintritt in Partei und SS war wohl weniger ideologisch motiviert als durch den Wunsch, „zu einem strukturierten Leben in Uniform zurückzufinden“.