Das Referendum über die Selbstbestimmung Neukaledoniens (französisch Référendum sur l'autodétermination de la Nouvelle-Calédonie) fand am 6. November 1988 statt. Veranlasst wurde es durch ein entsprechendes Dekret des französischen Präsidenten François Mitterrand.
Der Abstimmung vorausgegangen war das sogenannte Matignon-Abkommen, zwischen der Regierung Frankreichs sowie den beiden führenden Parteien in Neukaledonien. Die vorwiegend kanakische FLNKS setzte sich für die Unabhängigkeit Neukaledoniens ein und die überwiegend von frankreichstämmigen und der nicht-kanakischen Bevölkerung unterstützte RPCR für den Verbleib bei Frankreich. Seit den 1970er Jahren war es über diese Frage zu immer gewalttätiger werdenden Konflikten gekommen. Das Abkommen sollte einen Ausweg aus der Gewaltspirale weisen.
Bei dem in ganz Frankreich abgehaltenem Plebiszit sprach sich eine sehr große Mehrheit von 80 % der gültig Abstimmenden für die Umsetzung des Matignon-Abkommens aus. Wenngleich der Anteil der Unterstützung in Neukaledonien nur 57 % betrug, gelang es in den folgenden Jahren, schrittweise zu einer friedlicheren Austragung des politischen Streits um die Unabhängigkeit zurückzukehren.
Kolonisierung durch Frankreich
Neukaledonien wurde im Jahr 1853 auf Geheiß Kaiser Napoleons III. durch Frankreich als Kolonie in Besitz genommen. Die Franzosen stießen auf erheblichen Widerstand der einheimischen melanesischen Bevölkerung, der Kanaken, die aber letztlich unterworfen wurde. Durch die französische Kolonialverwaltung wurde die Einwanderung nach Neukaledonien von Siedlerinnen und Siedlern aus dem französischen Mutterland, aber auch aus anderen französischen Überseegebieten, gefördert. Die Eingewanderten und deren Nachkommen machten schließlich mehr als die Hälfte der Inselbevölkerung aus, so dass die kanakischen Ureinwohner zur Minderheit im eigenen Land wurden.
Nach der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945 wurde Neukaledonien 1946 durch die Resolution 66 (I) vom 14. Dezember 1946 der UN-Generalversammlung in die Liste der zu entkolonisierenden Territorien (Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung) eingetragen. Die französische Regierung kam zunächst der in der UN-Charta (Artikel 73(e)) festgehaltenen Verpflichtung nach, regelmäßige Informationen über den Status des Territoriums an den UN-Generalsekretär zu übermitteln. Am 27. Oktober 1946 wurde Neukaledonien jedoch zum französischen Übersee-Territorium erklärt und somit 1947 von der UN-Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung gestrichen.
Der Kampf für die Unabhängigkeit
Angetrieben vom verstärkten Abbau von Nickel auf den Inseln, kam es ab den 1970er Jahren zunehmend zu gewalttätigen Zusammenstößen der Unabhängigkeitsbewegung unter Führung der Kanakischen sozialistischen Front der nationalen Befreiung (FLNKS) und der französisch-stämmigen Bevölkerung, den Caldoches. Die Tötung eines jungen Kanaken durch einen französischen Polizisten führte im Jahr 1975 erstmals zu gewalttätigen Ausschreitungen. Im Jahr 1984 kam es dann zum aktiven Boykott der Regionalwahlen, im Dezember des gleichen Jahres wurden beim Massaker von Hienghène zehn Kanaken von Caldoches in einen Hinterhalt gelockt und ermordet. Ein rein weiß besetzte Geschworenengericht sprach sie später frei. Im Januar 1985 wurde Éloi Machoro, der Sicherheitschef der FLNKS von Scharfschützen der französischen Elite-Polizeieinheit GIGN erschossen.
Angesichts der eskalierenden Gewalt setzten die Vereinten Nationen daraufhin mit der Resolution 41/41 von 2. Dezember 1986 der UN-Generalversammlung Neukaledonien erneut auf die Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung. Die französische Regierung reagierte darauf, indem sie am 13. September 1987 ein Referendum in Neukaledonien über die mögliche Unabhängigkeit abhalten ließ. Dieses Referendum wurde von der FLNKS und der großen Mehrheit der kanakischen Bevölkerung boykottiert. Bei einer Stimmbeteiligung von 59,1 % sprach sich eine überwältigende Mehrheit von 98,3 % der gültig Abstimmenden für einen Verbleib bei Frankreich aus. Die Vereinten Nationen erkannten das Referendum jedoch nicht an und beharrten weiter auf der Einstufung Neukaledoniens als „nicht selbstregiertes Gebiet“.
Anfang Mai 1988, mitten in der laufenden französischen Präsidentschafswahl, überfielen kanakische Nationalisten eine Polizeistation, ermordeten vier Gendarmen und nahmen weitere 27 als Geiseln. Bei der Erstürmung durch eine französische Spezialeinheit am 5. Mai 1988, wurden 19 Geiselnehmer und zwei Soldaten getötet. Kurz darauf wurde bekannt, dass einige der Geiselnehmer nach ihrer Festnahme vor Ort hingerichtet worden waren. Die eskalierte Gewalt zwischen Kanaken und Caldoches in den 1980er Jahren, die in Frankreich beschönigend als Les Événements („Die Ereignisse“) bezeichnet wird, führte nun zu einem Umdenken auf beiden Seiten.
So entsandte der wiedergewählte Präsident François Mitterrand seinem Premierminister nach Neukaledonien, um eine Vereinbarung für eine Rückkehr zur friedlichen Auseinandersetzung um die Unabhängigkeitsfrage auszuhandeln. Am 21. August 1988 wurde im Hôtel Matignon ein Abkommen zwischen der französischen Regierung unter Premierminister Michel Rocard, der pro-französischen Le Rassemblement pour la Calédonie dans la Republique („Versammlung für ein Kaledonien in der Republik“, RPCR) und der die Unabhängigkeit befürwortenden kanakischen FLNKS geschlossen. Dieses so genannte Matignon-Abkommen (Accords de Matignon-Oudinot) sah zum einen eine weitgehende Amnestie für Gewaltakte der vorangegangenen Jahren in Neukaledonien vor. Zum anderen legte es eine Art Zeitplan fest, mit der Neukaledonien auf eine mögliche Unabhängigkeit vorbereitet werden sollte. So sollte im Jahr 1998 ein weiteres Referendum über die Unabhängigkeit auf der Insel stattfinden. Zuvor sollten mit französischer finanzieller Hilfe die vorwiegend kanakisch besiedelten, wirtschaftlich stark unterentwickelten Regionen Neukaledoniens in ihrer Entwicklung gefördert werden.
Nach dem erzielten Übereinkommen setzte Präsident François Mitterrand per Dekret vom 5. Oktober 1988 in ganz Frankreich ein Referendum über den Vertrag an. In einem Aufruf an das französische Volk warb er danach um eine Zustimmung und stellte die Bedeutsamkeit des Matignon-Abkommens für das friedliche Zusammenleben in Neukaledonien heraus. So schrieb Mitterrand:
Das Referendum über die Selbstbestimmung Neukaledoniens wurde am Sonntag, dem 6. November 1988, abgehalten. Die Abstimmung unterlag keinem Quorum, es entschied die einfache Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen. Die Abstimmungsfrage lautete:
Es waren knapp 38,06 Millionen Personen stimmberechtigt, von denen sich 14.028.705 (= 36,9 %) an dem Plebiszit beteiligten. Von den gültig Abstimmenden sprach sich eine sehr große Mehrheit von 9.896.498 (= 80,0 %) für die Annahme des Gesetzentwurfs, dagegen stimmten hingegen 2.474.548 (= 20,0 %) Personen. Der Anteil an ungültigen Stimmen lag landesweit bei sehr hohen 11,8 %.
Das Gesetz wurde in allen Stimmgebieten mehrheitlich mit einer Zweidrittelmehrheit bis teils 90 % Zustimmung befürwortet. In Neukaledonien wich das Stimmverhalten jedoch deutlich von Restfrankreich ab. So fiel einerseits die Stimmbeteiligung 62,4 % fast doppelt so hoch aus, wie im restlichen Land. Zugleich war die Zustimmung zum Gesetzentwurf mit 57 % „Ja“-Stimmen deutlich geringer. Auch die Zahl der ungültigen Stimmen war mit 7,95 % zwar immer noch sehr hoch, lag aber deutlich unter dem Anteil im restlichen Frankreich. Im Verhältnis zum gesamten französischen Stimmvolk machten die Stimmberechtigten in Neukaledonien jedoch nur einen Anteil von 2,35 % aus.
Durch die Annahme des Matignon-Abkommens änderte sich schrittweise die Situation in Neukaledonien. Zwar ließ die Ermordnung des Vorsitzenden der FLNKS Jean-Marie Tjibaou und seines Stellvertreters Yeiwéné Yeiwéné im Mai 1989, durch den nationalistischen Kanaken Djubelly Wéa der das Abkommen ablehnte, ein Scheitern befürchten. Dennoch stabilisierte sich die Situation in den folgenden Jahren langsam. Die französische Regierung erhöhte die Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, das Gesundheits- und das Bildungswesen auf den vorwiegend kanakisch besiedelten Inseln deutlich. Zugleich wurde die Kanakische Gemeinschaft durch die Gründung der Société Minière du Sud Pacifique erstmals unmittelbar an den Einnahmen aus dem Nickel-Abbau beteiligt.