Ray Henry Crist (* 8. März 1900 in Mechanicsburg, Pennsylvania; † 23. Juli 2005 in Carlisle, Pennsylvania) war ein US-amerikanischer Chemiker.
Crist wuchs in einer kleinen Ortschaft im Cumberland County (Pennsylvania) auf der vierzig Acre (16 ha) großen väterlichen Farm auf. Er half seinem Vater bei der täglichen Arbeit in der Landwirtschaft und durch diese regelmäßige Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen entwickelte sich frühzeitig sein Interesse an den Naturwissenschaften.
Mit vier Jahren schickten ihn die Eltern auf die Little Grantham School, eine einfache Dorfschule mit einem einzigen Raum, in dem seine Tante unterrichtete. Nach sieben Jahren wechselte er zusammen mit seinem älteren Bruder Guy an die größere Messiah Bible School in Grantham. 1915 trat er zudem der Shepherdstown United Brethren Church (heute United Methodist) bei.
Ein Jahr später machte er seinen Schulabschluss, worauf der nun 16-Jährige an das Dickinson College in Carlisle ging. Auch in der kirchlichen Laufbahn schritt er voran, da man ihn 1918 zum Kurator wählte. Obwohl er nun zwischen seiner Heimat und der Universität mit dem Dillsburger Zug pendelte, nahm er sich weiterhin mehrmals in der Woche Zeit, zwei Meilen nach Shepherdstown zu laufen und dort Gottesdiensten und dem Bibelstudium beizuwohnen. Nachdem er 1920 sein Chemiestudium mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen hatte, wies ihn der Direktor auf eine freigewordene Stelle in der naturwissenschaftlichen Abteilung des Williamsport Dickinson Seminary, dem heutigen Lycoming College, hin. Dank einer von diesem ausgesprochenen Empfehlung erhielt Crist diesen Arbeitsplatz.
Im Vergleich zu jenem Dorf, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, war Williamsport eine wahre Metropole. Doch Crist freundete sich rasch mit den neuen Gegebenheiten an, unterrichtete die Studenten in Chemie, Biologie und Physik und fand in der Mulberry Street Methodist Church geistlichen Beistand. Seine Berufung zum wissenschaftlichen Experimentieren konnte in Williamsport allerdings nicht ausreichend befriedigt werden.
Auf der Suche nach besseren Möglichkeiten wurde er an der Columbia University in New York City fündig. Rasch stieg Crist dort zum wissenschaftlichen Mitarbeiter auf und untersuchte gemeinsam mit John Livingston Rutgers Morgan (1872–1935), wie sich Salze unter verschiedenen Bedingungen photochemisch zersetzen. Das Hauptaugenmerk galt dabei dem Kaliumperoxodisulfat (K2S2O8), welches auch die Basis für seine spätere Doktorarbeit war. Seine erste eigene Forschungsarbeit 1924 setzte sich mit photochemischen Reaktionen von Halogeniden der Alkalimetalle in Acetophenonen auseinander. Sie erschien im Journal of the American Chemical Society. Nach seiner Promotion 1926 zum Doctor of Philosophy bei Morgan (The photochemical decomposition of potassium persulphate) durfte er als Professor am chemischen Institut der Universität unterrichten. Ein Jahr zuvor hatte er seine Freundin Dorothy Lenhart vor den Traualtar geführt.
Man ermöglichte Crist 1928, für ein Jahr nach Berlin zu gehen, um seine Forschungen weiterzuführen. Hier arbeitete er mit Max Bodenstein, dem Begründer der chemischen Kinetik, am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie zusammen.
Zurück an der Columbia University hielt er vor allem Vorlesungen über die Photochemie. Gleich seiner ersten Vorlesung wohnte Harold Urey bei, ebenfalls ein Professor, der 1931 das Deuterium entdecken und drei Jahre später dafür mit dem Chemienobelpreis honoriert werden sollte. In den Reihen seiner Studenten fand sich im ersten Semester zudem George Wald, der 1967 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet wurde.
Der Fokus seiner Forschungen lag neben der Photochemie auf kinetischen Reaktionen von Gasen. Des Weiteren war er beigeordneter Redakteur des Journal of Chemical Physics und schrieb ein allgemeines Lehrbuch über das Experimentieren im Chemielabor.
Das Manhattan-Projekt und die Atomforschung
Mit Urey arbeitete Crist in den 1930er-Jahren bei verschiedenen Projekten zusammen. Der Nobelpreisträger wurde bereits kurz nach Entdeckung der Kernspaltung in die Pläne eingeweiht, die zur Entwicklung einer US-amerikanischen Atombombe führen sollten. Deshalb veranlasste er Crist im Sommer 1940, den Dampfdruck und Tripelpunkt von Uranhexafluorid (UF6) zu bestimmen. Diese Verbindung wurde später benutzt, um das spaltbare Isotop Uran-235 von Uran-238 mittels Gasdiffusionsverfahren zu trennen.
Zu Beginn des Manhattan-Projekts 1941, unter dem die Entwicklung der Atombombe firmiert wurde, stieg Urey zum Direktor der Columbia-University-Projektabteilung auf, während Crist sein Assistent wurde. Er leitete dabei die Abteilung, welche an der großangelegten Trennung Deuteriums von Wasserstoff arbeitete. Den schweren Wasserstoff wollte man benutzen, um die Geschwindigkeit von Neutronen zu kontrollieren und damit eine nukleare Kettenreaktion über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Später leitete Crist die Forschungen an der Trennung von Uranisotopen, wobei eine poröse Nickellegierung als Diffusionssperre hergestellt wurde. Nachdem man 1945 die wichtigsten Entwicklungsziele erreicht hatte, übernahm er an Ureys Stelle den Direktorposten und führte die universitäre Atomforschung bis zu ihrem Ende im darauffolgenden Jahr.
Während dieser Zeit zählte auch Albert Einstein zu Crists Freundeskreis.
Arbeit in der Privatwirtschaft
Gegen Ende des Krieges war klar, dass die Zahl der durch die US-amerikanische Regierung unterstützten Projekte an der Columbia University drastisch verringert wird. Crist hätte zwar als Professor bleiben können, doch missfiel dem ans Landleben gewöhnten Chemiker das Leben in der Großstadt. Insbesondere seinen drei kleinen Söhnen, den Zwillingen Henry und DeLanson sowie dem adoptierten Robert, wollte er New York nicht länger zumuten. Das Angebot, dem neuen Forschungsinstitut an der University of Chicago beizutreten und zusammen mit Urey, Fermi und anderen ehemaligen Mitarbeitern des Manhattan-Projekts zu arbeiten, nahm er ebenfalls nicht wahr und stieg stattdessen in die Privatwirtschaft ein: 1946 zog er mit seiner Familie nach Charleston in West Virginia, um sein Brot als Forschungsdirektor bei der Union Carbide Chemical Corporation, einem der wichtigsten Auftragnehmer der Regierung im Zweiten Weltkrieg, zu verdienen.
Sein wichtigstes Projekt in dieser Position war ein Versuch zur Hydrierung von Kohle, um diese statt Erdgas als Rohmaterial für Carbides Geschäft mit aliphatischen Verbindungen nutzen zu können. Unter seiner Leitung entwickelte man eine Anlage, die dreihundert Tonnen pro Tag davon liefern konnte und zwölf Jahre lang im Einsatz war. Die Entdeckung großer Ölfelder in Saudi-Arabien senkte jedoch die Ölpreise, was Carbide zur Beendigung ihres Projekts veranlasste.
Deshalb wechselte Crist 1959 nach Tarrytown (New York) und wurde Direktor des neuen Carbide Research Institute, das Grundlagenforschung für alle anderen Abteilungen leistete, u. a. am Kohlenwasserstoff Olefin.
Nachdem er diese Stelle 1963 freiwillig abgab, war er allerdings noch nicht bereit, gänzlich mit der Arbeit aufzuhören. Seine Frau war ein Jahr zuvor an einem Herzinfarkt gestorben. Er kehrte zum Dickinson College zurück und erhielt dort eine Gastprofessur.