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Raoul Vaneigem

Belgischer Künstler, Autor und Kulturphilosoph (1934-2026)

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Raoul Vaneigem [raul vɑnɛi̯ɣəm] (* 21. März 1934 in Lessines, Belgien; † 28. Juli 2026 in Sant Pol del mar, Katalonien, Spanien) war ein belgischer politischer Künstler, Autor und Kulturphilosoph. Er war in den 60er Jahren einer der führenden Theoretiker der Situationistischen Internationale, mit der er für eine Überschreitung des traditionellen Linksaktivismus kämpfte.

Vaneigem studierte zunächst Romanistik, mit Abschluss im September 1956. Anschließend war er bis 1964 Professor an der Ecole Normale in Nivelles.

Aktivitäten in der Situationistische Internationale

Er galt in den 1960er-Jahren neben Guy Debord und Asger Jorn als einer der einflussreichsten Theoretiker der Situationistischen Internationalen. Bei einigen Ausgaben der Zeitschrift internationale situationniste war er Herausgeber. Er verfasste u. a. die Basisbanalitäten und das Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen (1967).

Im Gegensatz zum mehr theoretisch-abstrakten philosophischen Werk Debords sind seine Texte von einem lyrischeren Stil geprägt und gelten als zugänglicher. Vom Anarchismus und von Georges Bataille beeinflusst, fordert er einen Lebensstil für jedermann, der sich am luxuriösen Lebensstil der früheren Aristokratie orientiere (Herren ohne Sklaven).

In seinem Handbuch betont Vaneigem die Leidenschaft und die Subjektivität als treibende Kräfte künstlerischen und politischen Handelns. Er setzt sich mit dem Individuum und der Gesellschaft auseinander, mit Emotionalität, mit Macht und Freiheit, dem Opfer und der Poesie. Er fragt nach der Möglichkeit, sich in der modernen technisierten Gesellschaft selbst zu verwirklichen, und propagiert eine radikale Zurückweisung aller Beschränkungen, die diese dem Individuum zu Unrecht aufzwänge. Dabei zitiert er Lautréamont, Marx, Rabelais, anarchistische Literatur, Søren Kierkegaard und Wassili Rosanow, Albert Einstein und Friedrich Nietzsche, Wilhelm Reich und Künstler des Surrealismus und Dadaismus.

Der belgische Autor wird auch beeinflusst durch Lautréamont. Darum hat er über Lautréamont in seinem Traktat „alles ist gesagt“ geschrieben. Während Guy Debord eine Fortsetzung und Aktualisierung des Historischen Materialismus versucht hat, war Vaneigem mehr von den Brüdern des freien Geistes beeinflusst.

Entsprechend seinen eigenen Forderungen legt er keine kühle Analyse der Gesellschaft vor, sondern eine entschieden subjektive, leidenschaftliche Stellungnahme gegen die moderne Technokratie, er sieht sich dabei selbst nicht als Philosophen.

Vaneigems Ideen hatten Einfluss auf die Forderungen der Studentenbewegung in Frankreich 1968, seine Bücher wurden in Zeitungen für den Aufruhr verantwortlich gemacht.

1970 verließ er die S.I. und begründete das in seinem Abschiedsbrief mit dem Scheitern der Gruppe und seiner selbst, was Debord wütend zurückwies.

Bis zuletzt Autor, veröffentlichte er 1998 das Buch An die Lebenden, in dem er sich noch einmal vehement für die Kostenlosigkeit der Bedürfnisse und das individuelle Erleben einsetzt und die tyrannische Macht der Arbeit und des Geldes kritisiert. Die Heiligsprechung der Ökonomie negiere das konkrete Individuum, bewirke den Schlaf seiner Vernunft, verkrüppele seine Emotionalität. Zugleich distanzierte er sich von einer früheren Begeisterung für gewaltsamen Anarchismus und propagierte auch Ökologie und Feminismus.

Vaneigem verfasste auch Abhandlungen über die Geschichte des Surrealismus („Der radioaktive Kadaver“, unter dem Pseudonym Jules Francois Dupuis) und über ketzerische Strömungen christlicher Mystik im frühen Mittelalter der Brüder und Schwestern des freien Geistes („The Movement of the Free Spirit“).

Der Fischer-Verlag wollte das „Handbuch der Lebenskunst“ zunächst 1972 in Deutschland publizieren, zog sein Vorhaben aber dann wieder zurück. Die erste deutsche Ausgabe erschien in Düsseldorf 1973, übersetzt und herausgegeben von der Projektgruppe Gegengesellschaft. Im August 2008 erfolgte bei Nautilus eine überarbeitete Neuausgabe. Zeitlebens äußerte sich Vaneigem kritisch zu Kapitalismus, Neoliberalismus und Entfremdung, wobei seine Veröffentlichungen noch immer vom Geist der situationistischen Bewegung geprägt waren. So wurde 2024 in deutscher Übersetzung sein Aufruf zur weltweiten Gründung von Gemeinschaften im Kampf für ein freies, authentisches menschliches Leben online publiziert.

Auf Musikplattformen findet sich sein Lied La vie s’écoule, la vie s’enfuit.

Vaneigem starb am 28. Juli 2026 im Alter von 92 Jahren in Sant Pol del mar (Katalonien, Spanien).

Traité du savoir-vivre à l’usage des jeunes générations. 1967.

Le mouvement du libre-esprit. 1986.

Adresse aux vivants sur la mort qui les gouverne et l’opportunité de s’en défaire. 1990.

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