Raoul Schrott (* 17. Januar 1964 in Landeck, Tirol) ist ein österreichischer Literaturwissenschaftler, Komparatist und Schriftsteller.
Raoul Schrott wurde 1964 in Landeck geboren. Die gelegentlich angeführte Angabe von São Paulo als Geburtsort beruht wohl auf einem Scherz in einem Interview von Schrott. Allerdings konnte sich die Aussage, er sei „auf einem Schiff geboren“, selbst im seriösen Feuilleton lange halten, nicht zuletzt aufgrund Schrotts eigener Tradierung des auch in Klappentexten seiner frühen Publikationen behaupteten Umstands.
Schrott wuchs in Landeck, Tunis und Zürich als Sohn eines österreichischen Außenhandelsdelegierten auf. Nach der Matura am Bundesrealgymnasium Landeck studierte Schrott Germanistik, Anglistik und Amerikanistik an der Universität Innsbruck und 1983/1984 zwei Semester an der University of East Anglia in Norwich. 1986 schloss er das Lehramtsstudium ab und absolvierte das Probejahr am Bundesrealgymnasium/Bundesoberstufenrealgymnasium in Landeck. 1986/1987 studierte er an der Pariser Sorbonne und war zugleich Sekretär des französischen Surrealisten und Autors Philippe Soupault. Als Dissertation legte er 1988 an der Universität Innsbruck die Arbeit Dada 1921–1922 in Tirol vor. 1989/1990 studierte er mit einem Postgraduiertenstipendium des DAAD Semiotik und Komparatistik an der TU Berlin und der FU Berlin. 1996 habilitierte er sich am Institut für Komparatistik der Universität Innsbruck mit der Arbeit Fragmente einer Sprache der Dichtung – Poetische Strukturen von der griechischen Antike bis zum Dadaismus. Für den Weiterbestand des Instituts setzte er sich nachdrücklich ein.
Von 1990 bis 1993 war Schrott Lektor für Germanistik am Istituto Orientale in Neapel. Für das Wintersemester 2008/2009 wurde er auf die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin berufen. 2012 hatte er die Tübinger Poetik-Dozentur zusammen mit Christoph Ransmayr an der Universität Tübingen inne. 2016/2017 war er Gastprofessor für Germanistik an der Universität Bern.
Beschäftigung mit Dada und eigene Lyrik
Nach seiner Pariser Zeit als Sekretär des letzten lebenden Surrealisten Philippe Soupault wurde er 1988 mit einer Arbeit mit dem Titel Dadaismus in Tirol 1921–1922 promoviert. In Tarrenz bei Imst hatten sich 1921 die französischen Dadaisten um Tristan Tzara, André Breton und Paul Éluard mit den Kölner Dadaisten Max Ernst, Johannes Theodor Baargeld und Hans Arp getroffen, was zu einer letzten kreativen Phase der Bewegung vor ihrer Aufspaltung in Surrealisten und Konstruktivisten führte. Auf die Publikation des Bandes Dada 21/22. Eine Dokumentation der letzten beiden Dadajahre (1988) folgte die umfangreiche Dokumentation Dada 15/25 (1992), die Tristan Tzaras gesammelten Briefwechsel samt Auswahl aus seinem Werk zwischen 1915 und 1925 sowie Dossiers der an den Zürcher Dada-Soiréen vorgetragenen Texte enthielt.
Daneben erschienen die ersten, noch von Dada, Surrealismus und der Wiener Gruppe beeinflussten Gedichtbände. Zum ersten hatte ihn H. C. Artmann inspiriert. In direktem Widerspruch zu Tendenzen der damaligen Gegenwartsliteratur werden in ihnen die Idee der „starken Metapher“ rekapituliert, die Wirklichkeit zersetzen und transzendieren kann: „Alles in allem geht es Schrott um nichts Geringeres als um die Verteidigung der Poesie, der Metapher und anderer überkommener Stilmittel in einer Periode ihrer äußersten Gefährdung.“ Bildkräftige Schreibweisen sind das Ergebnis, die sich in Schrotts Werk von nun an schrittweise durch die Beschäftigung mit immer neuen Themenfeldern und Erkenntnismethoden verändern werden. Einen Wendepunkt stellt dabei der Band Hotels (1995) dar, mit dem er die Hinwendung zu einem poetischen Realismus vollzog, der sich an konkreten Objekten abarbeitet, um ihnen bar jeder bloß surrealen Diktion Erkenntnisse über die conditio humana abzugewinnen. Ebenso zyklisch angelegt, auf verschiedene Perspektiven auf ein zentrales Thema bezogen und jeweils mit essayistischen Vorworten und Marginalien versehen sind die Gedichtbände Tropen – Über das Erhabene (1998), Weissbuch – Über das Heilige (2004). Die Kunst, an nichts zu glauben (2015) präsentierte eine Serie von Berufs-Porträts als heutiges gesellschaftliches Panorama, umrahmt von Auszügen eines Traktats aus dem 18. Jahrhundert, das dem ersten deutschen Atheisten, Matthias Knutzen, zugeschrieben wird.
Essayistik und Einordnung als ‚Poeta doctus’
Die Aufarbeitung der poetischen Tradition bis zurück zu ihren Wurzeln wurde ab Mitte der 1990er Jahre sichtbar, als Schrott in mehreren Publikationen umfassende Querschnitte der Literaturen vergangener Jahrtausende realisierte. Viel diskutiert wird seine Sammlung Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren. Zugleich habilitierte er sich am Institut für Komparatistik der Universität Innsbruck mit der Arbeit Fragmente einer Sprache der Dichtung im europäischen Kontext. Poetische Strukturen von der griechischen Antike bis zum Dadaismus. Beide Schriften zeigen, wie Schrott das eigene Schreiben dynamisch in jeweils neue historische und poetologische Überlegungen einbetten will. Er arbeitet an keinem monolithischen, monothematischen Werk, sondern begreift die Geschichte der Literatur und daraus resultierend sein eigenes Schreiben als prozessual und veränderbar – und wird in den kommenden Jahren für diesen Anspruch immer wieder auch als „poeta doctus“ bezeichnet, der in seinen Werken die Kenntnis der Literatur seiner Vorgänger voraussetzt und bewusst weitertreibt.
Reden, Zeitungsbeiträge, Diskussionen oder Essays – gesammelt in Die Erde ist blau wie eine Orange. Poetisches, Polemisches, Privates (1999) oder Handbuch der Wolkenputzerei (2005) – rekurrieren darauf, dass Lyrik und generell Literatur nicht als isolierte Phänomene jenseits der Gesellschaft oder auch gesellschaftlicher Debatten zu betrachten sind. Schrott spricht und schreibt mit „universalpoetischem Ehrgeiz“ über Poetik und Literaturkritik, über die Ursprünge von Lyrik und Wissenschaft und über das Verhältnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.
Diese universalistische Ausrichtung wurde immer bedeutsamer in Schrotts Werkgeschichte. 2011 etwa schrieb er gemeinsam mit dem Neurolinguisten der Freien Universität Berlin, Arthur M. Jacobs, den Band Gehirn und Gedicht, in dem er die kognitive Basis der einzelnen Stilformen der Literatur, von ihren essentiellen Denkmustern wie Metapher und Vergleich über ihre Bildlichkeit und Metrik herausarbeitete.
Im Frühjahr 2018 erscheint der Band „Politiken & Ideen“, der vier Essays enthält, welche an den Prozessen der Entstehung von Kultur interessiert ist und eine Betrachtung von Kultur betreiben, die diese als politisch begreift, insofern sie aus gesellschaftlichen Prozessen resultieren. Daneben publizierte Schrott eine Reihe von Reise-Essays wie Khamsin (2002) und Die fünfte Welt – Ein Logbuch (2007), welche die Erforschung und Erfahrung der Wüste zum Inhalt haben; für letzteren Band war Schrott Teil eines Expeditionsteams der Universität Köln, das den letzten noch verbliebenen weißen Flecken auf der Erde, das Erdi-Ma im Nordosten des Tschad, erkundete.
Mit seinem Roman Finis Terrae – Ein Nachlass (1995) gelang Schrott der Durchbruch als Schriftsteller; er wurde beim Bachmann-Wettbewerb 1994 mit dem Preis des Landes Kärnten und dann mit dem Literaturpreis der G 7 ausgezeichnet. Darin wird das fiktive Logbuch des griechischen Geographen und Astronomen Pytheas von Massalia (um 330 v. Chr.) den autobiographischen Schriften Ludwig Höhnels, eines Enkels des Afrikaforschers und Marineoffiziers Ludwig von Höhnel, gegenübergestellt, um dessen Leben und seine Krankheit zum Tode nachzuzeichnen.
Kürzere Prosa legte Schrott mit seiner Novelle Die Wüste Lop Nor (2000) vor, die Reisen zu den 'Singenden Dünen' in den verschiedensten Wüsten der Welt und Überlegungen zu den Ursachen ihres Klanges mit einer poetischen (Natur-)Geschichte der Liebe verknüpft.
2003 erschien der Roman Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde. Am entlegensten Ort der Welt, auf der titelgebenden Atlantikinsel Tristan da Cunha, kreuzen sich die Schicksale von drei Männern und einer Frau über die Jahrhunderte hinweg: Noomi Morholt, südafrikanische Wissenschaftlerin, die im Januar 2003 in die Antarktis unterwegs ist; Edwin Heron Dodgson, Bruder des berühmten Lewis Carroll und ein Priester, der die Siedler auf Tristan missionieren soll, ein Verhältnis mit einem Mädchen beginnt und sich dabei tief in Schuld verstrickt; Christian Reval, der im Zweiten Weltkrieg auf der Insel stationiert ist und Ende der sechziger Jahre beim Vermessen einer weiter südlich gelegenen Insel unter ungeklärten Umständen stirbt; und Mark Thompson, Briefmarkenhändler, der die Geschichte Tristan da Cunhas und damit auch die seiner gescheiterten Ehe rekonstruiert. Die Insel mit ihren schroffen Landschaften wird zum Fluchtpunkt und zur Projektionsfläche ihrer unterschiedlichen Liebesgeschichten, Sehnsüchte und Obsessionen. Von der Kritik wurde Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde überwiegend begeistert aufgenommen: Schrott beeindrucke vor allem durch „[e]ine Kraft der Sprache, von der nicht leicht ein Begriff sich geben lässt. Es erscheinen Passagen, die man nicht anders als mit angehaltenem Atem zu lesen vermag, Sätze, die einem tagelang nachgehen.“ Der Roman sei „Weltliteratur“, „ein Buch, das zeigt, was sich die Literatur deutscher Sprache am Anfang dieses Jahrhunderts trauen könnte.“ Es gab jedoch auch Einwände: „Wo so viel Systematik waltet, fehlt das Fleisch. […] Schrott […] wird […] zum Opfer seines Materials, ja seiner Hybris, in der Fiktion noch einmal zu wiederholen, was in der Wirklichkeit längst gescheitert ist: das Projekt der Universalgeschichtsschreibung.“