Rajendra Prasad (Hindi: राजेन्द्र प्रसाद, ; * 3. Dezember 1884 in Ziradei (auch Zeradei/Jeeradei, hindi जीरादेई), Siwan-Distrikt, Bihar; † 28. Februar 1963 in Patna, Bihar) war ein indischer Jurist, Politiker und von 1950 bis 1962 Präsident der Republik Indien.
Prasad war das jüngste Kind einer Landbesitzerfamilie aus der Schreiber-Kaste der Kayastha. Der Großonkel hatte als Großgrundbesitzer (Zamindar) und Diwan (Schatzmeister) des Hathwa Raj, des Feudalherren von Hathwa in Bihar, den Grundstein für das Familienvermögen gelegt. Prasads Vater lebte als Landedelmann, der sowohl Persisch als auch Sanskrit beherrschte und neben dem Hindu-Ayurveda auch die muslimische Unani-Medizin ausübte. Auch der junge Rajendra lernte neben seiner Muttersprache Maithili, dem Bengali und dem Hindi bei einem Maulvi, einem muslimischen Schriftgelehrten, Persisch, die ehemalige Hof- und Diplomatensprache des Landes; seiner Mutter verdankte er die lebenslange Vorliebe für die Erzählungen des indischen Nationalepos Ramayana. Auf dem College im nahe gelegenen Patna fand der Unterricht dann auf Englisch statt. 1902 trat er als einer der ganz wenigen aus Bihar in der damaligen Hauptstadt Britisch-Indiens, Kalkutta, als Student in das renommierte Presidency College der University of Calcutta ein, die er mit hervorragenden Noten als Master of Law abschloss und wo er von seinen Kommilitonen zum Sekretär der Studentenvereinigung gewählt wurde. Wie seinerzeit üblich, war Prasad schon mit dreizehn Jahren (1898) verheiratet worden und war 1909 bereits Vater von zwei Söhnen.
Durch seinen älteren Bruder mit den Ideen der Swadeshi-Bewegung vertraut gemacht, die als Reaktion auf Pläne der Briten zur Teilung Bengalens 1905 zum Boykott ausländischer Waren aufrief, engagierte er sich bald in der intellektuellen, sozial ausgerichteten Dawn Society, ebenfalls entstanden aus dem Protest gegen die Teilung Bengalens, und bei der Gründung der Vereinigung der Studenten aus Bihar. Sein Plan, sich zur Aufnahme bei der Verwaltungselite des Landes, dem Indian Civil Service (ICS), zu bewerben, scheiterte dagegen am Widerstand der Familie.
1911 machte sich Prasad als Jurist selbständig und trat im gleichen Jahr in die indische politische Sammelbewegung der Kongresspartei (INC) ein, wo er bald in das All India Congress Committee (AICC) gewählt wurde. Gopal Krishna Gokhale, ein führender Politiker der Partei, hatte ihn bereits zuvor für seine soziale Organisation anzuwerben versucht und ihn tief beeindruckt. Trotz der finanziellen Probleme, in die seine Familie in der Zwischenzeit geraten war, widmete sich Prasad nicht der Sanierung des angeschlagenen Familienbesitzes, sondern verfolgte, ab 1915 an dem für Orissa und Bihar neu gegründeten High Court von Patna, sein Ziel, durch seine juristische Karriere, die er nicht Protektion und Beziehungen, sondern seiner eigenen Leistung verdankte, politisch und sozial weiter wirken zu können. Auch in Patna engagierte er sich im dortigen Provincial Congress Committee. Mehr noch als seine juristischen Kenntnisse verschafften ihm vor Gericht sein ausgezeichnetes Gedächtnis und seine persönliche Integrität einen ausgezeichneten Ruf.
Begegnung mit Gandhi, Anfänge als Politiker
Prasad traf Mahatma Gandhi zum ersten Mal 1915 beim Satyagraha von Champaran anlässlich der Protestbewegung der Indigobauern und dann erneut 1916, entschied sich aber erst nach einem erneuten Treffen 1917, bei dem er Gandhi vor Gericht vertrat, und vor allem nach den Ereignissen im Panjab und dem Rowlatt Act von 1919, Gandhi auf dem Weg der Non-Cooperation, des gewaltlosen Widerstands (Satyagraha) und des zivilen Ungehorsams zu folgen und damit den Bruch mit der britischen Regierung in Indien zu wagen. 1920 ließ er seine Karriere als Jurist und Dozent fahren und widmete sich ganz der politischen und sozialen Arbeit, auch durch Gründung (Desh 1920) oder Mitarbeit an Zeitschriften (Searchlight, beide aus Patna).
Als Folge seiner Opposition wurde Prasad aus dem Senat der Universität von Calcutta ausgeschlossen; seine Kinder ließ er nun nicht mehr an englischen, sondern nur noch an hindisprachigen Schulen unterrichten. Zu einer Zeit, als Gandhi noch auf wenige Gefolgsleute zählen konnte, propagierte Prasad in engem Kontakt mit Gandhi im Osten des Landes auf zahlreichen Reisen dessen Ideen der Selbstgenügsamkeit, der Gewaltlosigkeit (Ahimsa) und der Selbstregierung (Swaraj), während Vallabhbhai „Sardar“ Patel das Gleiche im Westen tat. Prasad mobilisierte dabei vor allem das bäuerliche Klientel und setzte sich für die Produktion und das Tragen des selbst gesponnenen Khadi ein. Mit Patel schloss er, sobald er ihn kennengelernt hatte, trotz der ganz unterschiedlichen Charaktere eine lebenslange Freundschaft; beide hatten ihre Kindheit auf dem Dorf verbracht, und beide hatten den Anwaltsberuf ergriffen.
Seine politische Aktivität trug Prasad mehrere Gefängnisaufenthalte – unter anderem im Zusammenhang mit dem Salzmarsch (1930) und der Quit-India-Bewegung (1942) – und gesundheitliche Probleme (Asthma) ein. Das Fehlen eines regulären Einkommens konnte er nur mit Hilfe seines Bruders ausgleichen, der ihm mit Geld unter die Arme griff; finanzielle Unterstützung seitens der Kongresspartei hat Prasad stets abgelehnt.
Aufstieg in der Kongresspartei
Als sich im Januar 1934 in Bihar ein verheerendes Erdbeben ereignete, wurde Prasad, der wieder einmal im Gefängnis saß, von der britischen Regierung freigelassen, um sich – obwohl selber krank – an den Reorganisationsarbeiten beteiligen zu können. Der von ihm umgehend organisierte Rettungsfonds überstieg mit 3,8 Mio. Rupien denjenigen des Vizekönigs um das Vierfache und wurde äußerst umsichtig eingesetzt – ein spektakulärer Erfolg, der im Oktober des Jahres seine Ernennung zum Präsidenten der Bombay Section des Nationalkongresses nach sich zog. Auch beim Erdbeben von Quetta in Belutschistan im Westen des heutigen Pakistan 1935 stellte er seine organisatorischen Fähigkeiten unter Beweis.
Als in Britisch-Indien aufgrund des Government of India Act (1935) aus den Wahlen des Jahres 1937 in den Provinzen acht Kongressministerien hervorgingen, übten „Sardar“ Patel, Rajendra Prasad und Maulana Azad als Beauftragte der Kongresspartei die zentrale Kontrolle und Aufsicht aus, und als 1939 der bisherige Kongresspräsident, der Bengale Subhas Chandra Bose, aufgrund seines gewaltbereiten Ansatzes und damit seines Gegensatzes zu Gandhi, dem Working Committee der Partei und der Mehrheit im Kongress die Führerschaft abgeben musste, sprang Prasad in die Lücke; aufgrund seiner Wertschätzung des radikalen Bengalen bekannte er später: „it was a most unpleasant time“. Als Kongresspräsident verantwortete Prasad im November 1939 den Rückzug aller Kongressminister aus den Provinzministerien mit; die Muslimliga Muhammad Ali Jinnahs füllte bis Kriegsende nur zu bereitwillig die Lücken. Als die Kongresspartei auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges mit ihrer Quit-India-Bewegung 1942 den völligen Rückzug der Briten verlangte und gewaltlosen Widerstand ankündigte, wurde Prasad ebenso wie alle anderen Mitglieder des Kongresskomitees und landesweit weitere 60.000 Personen umgehend verhaftet. Prasad blieb bis fast zum Kriegsende (August 1942-Juni 1945), im Gefängnis, seiner schwachen Gesundheit wegen nicht, wie der Rest der Parteiführung, in Ahmednagar, sondern im Bankipur Jail, Patna, in seiner Heimatprovinz. Wie Nehru, der in der Haftzeit sein Magnum Opus, The Discovery of India verfasste, betätigte auch Prasad sich im Gefängnis schriftstellerisch; das Ergebnis war seine auf Hindi verfasste Autobiographie Atmakatha.
Minister für Ernährung und Landwirtschaft
Auf Bitten des Vizekönigs von Indien, Lord Wavells, übernahm Prasad 1946 in der Übergangsregierung (2. September 1946 – 15. August 1947) ein Jahr lang das Ministeramt für Ernährung und Landwirtschaft, das ihm von seiner ländlichen Herkunft her am ehesten zusagte und wo er auch durchaus mit Kenntnissen aufwarten konnte. In seiner kurzen Amtszeit setzte Prasad mit gewohnter Effizienz und Durchschlagskraft auf Gandhis Wunsch hin und gegen zahlreiche Bedenken die Freigabe der Getreidepreise durch und kreierte das populäre Motto „Grow more food“.