Pussy Riot ['pʊsɪ 'raɪət] (englisch; in der deutschen Entsprechung in etwa „Aufruhr der Muschi-Trägerinnen“) ist ein 2011 gegründetes russisches, feministisches, regierungs- und kirchenkritisches Performance-Kollektiv aus Moskau, das sich unter anderem Mitteln des Punkrock und des Aktivismus bedient. Musikalisch gilt Pussy Riot als Vertreterin des Riot Grrrl Movement und ihre Mitglieder geben Bands wie Bikini Kill als Vorbild an. Die Gruppe ist ein loser Zusammenschluss von etwa zehn jungen Frauen. Ihr Markenzeichen sind spontane Auftritte an öffentlichen Orten wie Metrostationen, auf Busdächern oder auf dem Roten Platz, bei denen sie bunte Sturmhauben und leichte, grelle Kleidung tragen. Ihre Festnahme im März 2012 löste in den russischen und internationalen Medien zahlreiche Debatten über Kunst, Religion und Politik aus.
Pussy Riot versteht sich als komplett weibliches, autonomes Kollektiv, das für seine Shows kein Geld verlangt. Die Videos werden im Netz kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Gruppe veranstaltet die Performances an öffentlichen Orten immer illegal. Das Kollektiv spricht sich gegen jeglichen Personenkult und gegen Hierarchien aus. Masken trägt die Gruppe nach eigenen Angaben, weil sie gegen die Idee ist, mit weiblichen Gesichtern als Markenzeichen zu werben.
Die Gruppe wurde teilweise wegen der frauenfeindlichen Politik der Regierung gegründet, wofür zum Beispiel die rechtlichen Beschränkungen legaler Abtreibungen angeführt wurden. Nach Meinung von Tolokonnikowa ist Pussy Riot „Teil der globalen antikapitalistischen Bewegung, die aus Anarchisten, Trotzkisten, Feministinnen und Autonomen besteht“, und sie stellte fest:
In einem Interview vom Februar 2012 mit dem Magazin Vice bezeichnete Serafima als ihre wichtigsten feministischen Einflüsse Simone de Beauvoir, Andrea Dworkin, Emmeline Pankhurst, Shulamith Firestone, Kate Millett, Rosi Braidotti und Judith Butler.
In einem Interview mit der The St. Petersburg Times erklärten Mitglieder ihre politischen Positionen genauer: Die Meinungen reichten vom Anarchismus bis zu linksliberalen Positionen, aber gemeinsam sei ihnen der Feminismus, die anti-autoritäre Haltung und die Opposition gegen Putin, der die aggressive imperiale Politik der Sowjetunion fortsetze. Ihre Anliegen umfassten auch das Bildungs- und Gesundheitswesen sowie die Dezentralisierung der Macht. Sie unterstützen regionale Autonomierechte und basisdemokratische Organisationen. Sie erachten nicht genehmigte Kundgebungen als zentrales Prinzip, da die Behörden genehmigte Kundgebungen nicht als Bedrohung wahrnähmen und sie einfach ignorieren. Daher sind alle Auftritte von Pussy Riot illegal und finden im angeeigneten öffentlichen Raum statt („co-opted public space“). In einem BBC-Interview während einer Probe am Vortag des Auftritts in der Kathedrale argumentierten Mitglieder der Gruppe, dass nur eindringliche illegale Aktionen die Aufmerksamkeit der Medien wecken könnten.
Pussy-Riot-Mitglieder haben sich für die Rechte sexueller Minderheiten ausgesprochen und in einem Interview bestätigt, dass mindestens ein Mitglied einer solchen Minderheit angehört. Tolokonnikowa und Samuzewitsch nahmen beide 2011 an der verbotenen Gay Pride in Moskau teil und wurden kurzzeitig in Haft genommen, nachdem die Veranstaltung durch die Polizei aufgelöst worden war.
Nadeschda Andrejewna Tolokonnikowa (* 7. November 1989) stammt aus Sibirien, studierte in Moskau Philosophie und lernte dort ihren späteren Mann Pjotr Wersilow kennen. Wersilow nahm am 15. Juli 2018 an der Aktion bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 teil und litt im September 2018 an Vergiftungserscheinungen. Gemeinsam waren sie Mitbegründerinnen der Künstlergruppe Woina (Krieg), die mit Straßenkunst politische Provokation betrieb und durch Protestaktionen gegen die Staatsmacht bekannt wurde. Nach dem Beginn des Überfalls auf die Ukraine gab sie ein Interview auf MSNBC und kritisierte die russische Führung und die Machtkonzentration im Kreml.
Jekaterina Stanislawowna Samuzewitsch (* 9. August 1982) arbeitete als Programmiererin beim Rüstungskonzern Morinformsistema-Agat, bevor sie sich an einer Fotoschule einschrieb und ebenfalls zu Woina stieß.
Marija Wladimirowna Aljochina (* 6. Juni 1988) studierte in Moskau Journalistik, engagierte sich für Umweltprojekte und psychisch kranke Kinder.
Aysoltan Niyazova (* 1972 oder 1973) aus Turkmenistan arbeitete zunächst als Fachkraft für Finanzwesen in Wladiwostok und gründete später in Moskau eine Bank. 2011 wurde sie in Russland wegen angeblicher Unterschlagung von Geldern aus der Nationalbank Turkmenistans im Jahr 2012 zu fünf Jahren Haft verurteilt. In Haft lernte sie dort ebenfalls inhaftierte Mitglieder von Pussy Riot kennen und stieß so zur Gruppe. Turkmenistan hielt trotz bereits abgesessener Haft die „Red Notice“ bei Interpol aus politischen Gründen aufrecht. 2022 wurde sie deswegen kurzzeitig in Kroatien festgenommen und wäre beinahe nach Turkmenistan ausgeliefert worden, nur internationaler Druck verhinderte dies. Am 7. September 2025 wurde sie erneut wegen des Auslieferungsersuchens Turkmenistans festgenommen, diesmal in Polen.
Im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahl 2012 war die Gruppe seit Oktober 2011 aktiv. Zahlreiche Auftritte auf öffentlichen Plätzen wurden von Bandmitgliedern gefilmt und auf dem Videoportal YouTube veröffentlicht. Die Aktionen hatten Performancecharakter, die Musik diente nur als Mittel zum Zweck. Dabei äußerte die Band harsche Kritik an Präsident Wladimir Putin. In ihrem Blog rief sie dazu auf, öffentliche Orte in Russland zu besetzen. Für diese Aktionen gab es trotz Verstoßes gegen mehrere Paragraphen für die Band keine Anzeige. Die öffentliche Resonanz war gering.
„Punk-Gebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale
Zu weltweiter Aufmerksamkeit gelangte die Band durch eine Aktion im zentralen Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK), der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau am 21. Februar 2012. Sie betraten dabei den Ambo der Kathedrale, dessen Betreten ohne eine ausdrückliche priesterliche Einladung für Privatpersonen nicht gestattet ist, und vollführten vor dem Altar ein „Punk-Gebet“ gegen die Allianz von Kirche und Staat. Sie riefen unter anderem „Schwarze Kutten, goldene Epauletten“ und „Gottesscheiße!“. Der Auftritt dauerte 41 Sekunden. Für die Veröffentlichung im Internet wurden die Videobilder des Auftritts in der Christ-Erlöser-Kathedrale umgeschnitten, mit Aufnahmen aus einer anderen Kirche erweitert und mit einer neuen Tonspur unterlegt. Erst in dieser Version, behauptete später die Anklage, wurde Präsident Putin erwähnt: „Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin“ und „Der Patriarch glaubt an Putin, obwohl er an Gott glauben sollte.“
Nach eigenen Angaben protestierten die Frauen von Pussy Riot mit ihrem Auftritt dagegen, dass der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche Kyrill I. Wladimir Putin vor den Präsidentschaftswahlen unterstützte und unter anderem sagte, Putin habe „die Krümmung der Geschichte zurechtgebogen“. Sie protestierten gegen das von der russisch-orthodoxen Kirche geforderte Abtreibungsverbot („Um Seine Heiligkeit nicht zu beleidigen, müssen Frauen gebären und lieben“). In ihrem Lied unterstellen Pussy Riot dem Klerus eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit („Schwarze Kutte, goldene Epauletten“ und „Der KGB-Chef, ihr oberster Heiliger, lässt Protestler in Untersuchungshaft abführen.“)
Nach ihrer Aktion entschuldigten sich die Aktivistinnen bei den Gläubigen. Vor Gericht begründete Nadeschda Tolokonnikowa die Wahl einer Kirche als Auftrittsort auch damit, dass das Christentum „die Suche nach Wahrheit, nach konstanter Selbstüberwindung“ unterstütze und dass es kein Zufall sei, dass „Christus sich mit Prostituierten umgeben“ habe.
Inhaftierung und Verfahren in erster Instanz
Als Folge dieser Aktion wurden die drei Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch in Untersuchungshaft zumindest zeitweise im Kresty-Gefängnis genommen. Gegen sie wurde Anklage wegen grober Verletzung der öffentlichen Ordnung (Rowdytum) nach Paragraph 213 des russischen Strafgesetzbuchs, erhoben der für gemeinschaftlich geplante und durchgeführte schwere Störungen der öffentlichen Ordnung Geldstrafen oder Freiheitsentzug bis zu sieben Jahren vorsieht.