Das Haus Avis regierte Portugal von 1383 bis 1580 und folgte damit auf die Herrschaft der Burgunder. In diese Epoche fallen Portugals Unabhängigkeit vom Königreich Kastilien, vor allem durch das Bündnis mit England, sein Aufstieg zur weltweiten Kolonialmacht und sein so genanntes „goldene Zeitalter“ unter Emanuel I.
Aufstieg des Hauses Avis und Sicherung der portugiesischen Unabhängigkeit
Nach dem Tod von Ferdinand I. am 22. Oktober 1383, dem letzten Burgunderherrscher, übernahm seine Witwe Leonore Teles de Menezes die Macht zusammen mit ihrem Liebhaber, dem galicischen Ritter Juan Fernández Andeiro, Graf von Ourém. Daraufhin kam es zu einer Revolution; die Aufständischen wehrten sich gegen die unpopuläre Leonore und den pro-kastilischen Landadelsmann. Leonore wurde nach sechs Wochen Herrschaft von einem Aufstand der Handwerkszünfte in Lissabon verjagt; Johann von Avis, ein außerehelicher Abkömmling Peters I., tötete Andeiro am 6. Dezember 1383. Auf Seiten Kastiliens stand damals vor allem der portugiesische Hochadel; er erhoffte sich von Johann I. von Kastilien die Wiederherstellung alter Privilegien. Auf Seiten Johanns von Avís standen dagegen vor allem der niedere Adel und das Bürger- und Bauerntum.
Diese Ereignisse gingen als Revolution von 1383 in die portugiesische Geschichte ein. Kastilien marschierte in Portugal ein; die Cortes erklärten Johann von Avís am 16. Dezember 1383 zum Regenten und Verteidiger des Vaterlandes. Die Kastilier belagerten ihn in Lissabon von April bis September 1384, mussten sich dann aber wegen der Pest zurückziehen. Im März 1385 wurden die Cortes nach Coimbra einberufen, um das Problem der Thronfolge zu lösen. Sie riefen Johann von Avis am 6. April als Johann I. zum neuen König aus. Johann verbündete sich mit England, mit dessen Hilfe es ihm am 14. August 1385 gelang, Kastilien in der Schlacht von Aljubarrota entscheidend zu schlagen.
In der Person von Nuno Álvares Pereira hatte Johann einen loyalen und besonders fähigen Heerführer. Dessen Siege und der Sieg Johanns bei Aljubarrota bedeuteten, dass die kastilischen Versuche, Portugal zu erobern, endgültig abgewehrt waren. Pereira wurde zu einer in der portugiesischen Geschichte sehr populären Figur, 1918 sprach ihn die römisch-katholische Kirche selig. Johann I. gründete die neue Dynastie der Avís, die das Land bis 1580 regierte.
Aufbau eines weltweiten Kolonialreichs
Johann I. gilt als einer der größten portugiesischen Könige. 1386 unterzeichnete er den Vertrag von Windsor, mit dem sich Portugal und das Königreich England dauerhaft verbündeten. Diese Allianz besteht formal bis heute. 1387 heiratete Johann I. Philippa, die Tochter des Herzogs von Lancaster.
Eine Expansion auf der Iberischen Halbinsel war nicht möglich. 1415 eroberte Johann I. deshalb Ceuta in Marokko von den Mauren. Damit legte er schon die Stoßrichtung für die späteren Expeditionen seines jüngeren Sohnes Heinrich des Seefahrers fest. Diese Expeditionen bildeten die Basis für den Aufstieg Portugals zu einer der größten Kolonialmächte der Welt (→ portugiesische Kolonialgeschichte). Heinrich der Seefahrer begann 1419 mit dem Ausrüsten von Seeexpeditionen. Obwohl er selbst nie weiter als bis Tanger reiste, erhielt er den Beinamen „der Seefahrer“, denn vor allem seinem unermüdlichen Wirken verdankte Portugal seine großen Entdeckungen. 1419 wurden Madeira und 1427 die Azoren (wieder)entdeckt und von Portugal kolonialisiert.
Johann I. verheiratete seine Tochter Elisabeth (Isabel) mit Herzog Philipp dem Guten von Burgund. Durch diese Hochzeit wurden für Portugal vorteilhafte Handelskontakte zu Flandern geschaffen, damals die aufstrebendste Wirtschaftsmacht in Europa. Johann I. gelang das Kunststück, Stammvater gleich zweier portugiesischer Dynastien zu werden, denn neben seinen legitimen Nachkommen, die das Haus Avís bilden, hatte er auch noch einen außerehelichen Sohn, Alfons von Braganza. Dieser wurde erster Herzog von Braganza und Stammvater jenes Hauses, das nach dem Intermezzo der Habsburger Portugal ab 1640 beherrschte.
Johann reformierte das Verwaltungswesen, das Bürgertum wurde stärker an der Verwaltung und Regierung des Landes beteiligt. Mitglieder des Hochadels, die die Thronansprüche Johann I. von Kastiliens unterstützt hatten, wurden des Landes verwiesen und ihr Besitz an niedere Adlige und Bürgerliche vergeben. Der König schaffte sich so eine neue und zugleich loyale Adelsschicht. Kulturell blühte das Land unter seiner Regierung auf.
1433 starb Johann I., sein Nachfolger wurde Eduard (Dom Duarte, 1433–1438), der die Expeditionen seines jüngeren Bruders Heinrich des Seefahrers nachdrücklich förderte. Eduard war hochgebildet und ging als der Philosophen-König (o Rei-Filosofo) in die portugiesische Geschichte ein, verfasste er doch eine eigene philosophische Schrift über die Bestimmung des Menschen („der loyale Ratgeber“, „o Leal Conselheiro“).
Eduards kurze Regierungszeit verlief glücklos. Sein Vorgänger Johann I. hatte große Ländereien an den Adel vergeben können, und sich so dessen Unterstützung im Kampf gegen Kastilien gesichert. Eduard versuchte nun zumindest einen Teil dieser Ländereien für die Krone zurückzugewinnen. Er erließ 1434 ein Dekret, gemäß dem die Krone automatisch alles Land erben sollte, sobald ein Landedelmann ohne männlichen Erben starb. Dieses Dekret brachte ihn in Konflikt mit dem Landadel. Der Versuch, 1437 Tanger in Marokko von den Mauren zu erobern, scheiterte. Heinrich der Seefahrer, der den Tanger-Feldzug befehligte, musste vor der arabischen Übermacht kapitulieren. Teil der Kapitulationsbestimmungen war es, dass Portugal Ceuta an die Mauren zurückgab. Um diese Bestimmung zu verbürgen, wurde Prinz Ferdinand, ein weiterer jüngerer Bruder des Königs, den Mauren als Geisel überlassen. Eduard stand nun vor der Frage, ob er seinen Bruder retten und damit die Stadt Ceuta aufgeben sollte oder nicht. Der König starb bereits 1438 an der Pest, und Prinz Ferdinand verblieb in maurischer Gefangenschaft, in der er schließlich 1443 starb. Calderón glorifizierte sein Schicksal 1662 in der Novelle Der standhafte Prinz (El principe constante).
Der Sohn und Thronerbe König Alfons V. (1438–1481) war zum Zeitpunkt seiner Thronbesteigung sechs Jahre alt. Die Regentschaft fiel zunächst an die Königswitwe Eleonore. Diese wurde aber nach einem Jahr von Peter, dem Herzog von Coimbra, verdrängt, einem jüngeren Bruder König Eduards und damit Onkel von König Alfons V.
Die Regentschaft des Herzogs von Coimbra entsprach nicht den testamentarischen Bestimmungen König Eduards. Trotzdem gelang es Peter, sie zweimal von den Cortes absegnen zu lassen. Auch nachdem Alfons 1446 für volljährig erklärt worden war, gab der Herzog von Coimbra die Regentschaft nicht auf und stärkte seine Position dadurch, dass er seine Tochter mit dem jungen König vermählte. Der König verbündete sich daraufhin mit dem Herzog von Braganza, der die Adelsopposition im Lande gegen die vom Prinzregenten Peter geförderten Zentralisierungstendenzen anführte. Auch seine Mutter unterstützte den jungen König und sicherte ihm die Unterstützung Aragoniens ein. So gelang es Alfons V., seinen Onkel und Schwiegervater in der Schlacht von Alfarrobeira 1449 zu besiegen; der Herzog von Coimbra fiel in der Schlacht.
Alfonso V. war danach unbestrittener Herrscher des Landes. Allerdings musste er diesen Sieg mit einer Stärkung der Stellung des Adels bezahlen, repräsentiert besonders durch den Herzog von Braganza. Die weitere Regierungszeit Alfons’ war von dem Versuch geprägt, den verlorenen Einfluss zurückzugewinnen. 1451 gelang es ihm, seine Schwester Leonore mit dem römisch-deutschen König Friedrich III., aus dem Hause Habsburg zu verheiraten.
Während dieser Zeit gingen die Entdeckungen Heinrich des Seefahrers weiter. 1440 wurde auf der westafrikanischen Insel Arguim ein Handelsposten eröffnet, Portugal stieg in den Handel mit Sklaven ein. 1456 wurden die Kapverden entdeckt und dem Christusorden, den ehemaligen Templern, zur Besiedlung im Namen Portugals überlassen. 1460 erreichte Heinrich Guinea; noch im selben Jahr starb er.