Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (russisch Пётр Алексеевич Кропоткин, wissenschaftliche Transliteration Pëtr Alekseevič Kropotkin, in deutschen Buchausgaben oft Peter Kropotkin; * 27. Novemberjul. / 9. Dezember 1842greg. in Moskau; † 8. Februar 1921 in Dmitrow) war ein russischer Anarchist, Geograph und Schriftsteller sowie Fürst.
Er hinterließ viele Schriften, darunter die revolutionäre Schrift Die Eroberung des Brotes und sein wissenschaftliches Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Kropotkin kämpfte für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesellschaft und gilt als einer der einflussreichsten Theoretiker des kommunistischen Anarchismus. Darüber hinaus wird Kropotkin als der wohl klarsichtigste Vordenker des Evolutionären Humanismus bezeichnet.
Aufgrund seiner adeligen Herkunft und seiner Bekanntheit als Anarchist des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde Kropotkin auch der anarchistische Fürst genannt.
Kindheit und Jugend (1842–1862)
Pjotr Kropotkin wurde 1842 als Sohn von Fürst Alexei Petrowitsch Kropotkin (1805–1871) in Moskau in eine Familie des höchsten Grades der russischen Aristokratie geboren. Pjotr Kropotkin war ein Nachkomme der berühmten Rurikidendynastie, und die Familie besaß den Titel der Fürsten von Smolensk. 1200 männliche Leibeigene arbeiteten auf den großen Ländereien der Familie, die der Vater mit strenger Hand verwaltete. In Sohn Pjotr Alexejewitsch und seinem Bruder Alexander weckte dies bereits früh ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Seine Mutter Jekaterina Nikolajewna (* 1811) war die Tochter Nikolai Sulimas, eines Generals in der russischen Armee im Vaterländischen Krieg von 1812, und hatte für ihre Zeit vergleichsweise liberale Ansichten und ein ausgeprägtes Interesse an Literatur. Sie starb jedoch an Tuberkulose, als Kropotkin gerade vier Jahre alt war. Seine Kindheit war im Weiteren geprägt durch den autoritären Vater und die Stiefmutter Elisaweta Markowna Karandino (1822–1897), die mit ihren Stiefkindern sehr streng und distanziert umging. Daneben wurde er aber umfassend unterrichtet durch diverse Privatlehrer, die ihm unter anderem die kritische russische Literatur Gogols und Puschkins sowie die französische Geschichte und Literatur näherbrachten. Unter diesem Einfluss unternahm Pjotr Kropotkin bereits in frühen Jahren Versuche auf literarischem Gebiet und schrieb Geschichten, journalistische Artikel und auch Gedichte, die er mit seinem Bruder Alexander zusammen in einer eigenen kleinen Zeitschrift sammelte.
Im Alter von fünfzehn Jahren endete das beschauliche Leben im vertrauten Kreis mit dem Eintritt in das St. Petersburger Pagenkorps. Die Schule galt als Ausbildungsort, an dem der russische Hochadel seine Kinder auf zukünftige Karrieren in Militär und Verwaltung vorbereitete. Kropotkin folgte jedoch größtenteils seinem eigenen breiten Interesse. Er beschäftigte sich intensiv mit den französischen Enzyklopädisten und französischer Geschichte, insbesondere mit der Französischen Revolution. Er interessierte sich für die liberalen und republikanischen Tendenzen, die vor allem in der Zeit nach dem Tod von Zar Nikolaus I. im Jahre 1855 in der russischen Oberschicht aufkamen. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft durch den Nachfolger Zar Alexander II. betätigte sich Kropotkin enthusiastisch als Lehrer in Sonntagsschulen, die für die Bildung der ehemaligen Leibeigenen und den Kampf gegen den Analphabetismus gegründet wurden. Er wurde als Jahrgangsbester des Pagenkorps zum persönlichen page de chambres des Zaren ernannt und lernte so das Leben im Palast und den Zaren persönlich kennen. So wich die anfängliche Begeisterung für den Befreier der Leibeigenen bei Kropotkin bald einer Ernüchterung über den Charakter des Zaren. Kropotkin erlebte, dass die Reformen den Leibeigenen zwar an sich persönliche Freiheit brachten, sie jedoch wirtschaftlich in eine große finanzielle Abhängigkeit stießen, von der vor allem die Gutsherren profitierten. Im Jahre 1862 beendete Kropotkin als einer der Besten seines Jahrgangs die Ausbildung im Pagenkorps.
Aufenthalt in Sibirien (1862–1867)
Nach seinem Eintritt in die Kaiserlich Russische Armee ließ sich Kropotkin in ein sibirisches Kosakenregiment in der neu eroberten Amur-Region versetzen, was für seine gesellschaftliche Klasse äußerst ungewöhnlich war. Kropotkin fällte den Entscheid gegen den Willen des Vaters. Er erhoffte sich, dadurch der reaktionären Atmosphäre St. Petersburgs zu entkommen und seinen eigenen geografischen Interessen nachzugehen. Im Dienst unter dem liberalen General Boleslaw Kukel hatte Kropotkin die Möglichkeit, sich mit radikaler russischer Literatur auseinanderzusetzen, da dieser u. a. über eine komplette Sammlung der Werke von Alexander Herzen verfügte.
Pjotr Kropotkin wurde von der Verwaltung in St. Petersburg beauftragt, einen Bericht über das Gefängnis- und Straflagersystem in Sibirien und einen weiteren Bericht über die kommunale Selbstverwaltung in der Provinz Transbaikalien zu verfassen, wo er umfassende Reformideen und Lösungsvorschläge erarbeitete. Die Berichte blieben jedoch in der reaktionären Atmosphäre nach der Niederschlagung des Polnischen Aufstands von 1863 weitgehend unbeachtet. Durch den verbannten radikalen Schriftsteller Michail Larionowitsch Michailow wurde er erstmals in die Ideen des Anarchismus eingeführt und wurde durch die Werke von Pierre-Joseph Proudhon – vor allem das System der ökonomischen Widersprüche – zum Sozialisten.
Enttäuscht durch die gescheiterten Reformvorhaben, leitete Kropotkin dann ausgedehnte Forschungsreisen in unbekannte Teile des östlichen Sibiriens. Er unternahm fünf größere Expeditionen und weitere kleinere Reisen in Transbaikalien und dem Amurgebiet bis ins benachbarte China. Seine erste wissenschaftliche Arbeit, eine Abhandlung für die Sibirische Geographische Gesellschaft, wurde später bei der Planung der Transmandschurischen Eisenbahn benutzt. Seine Expeditionen lieferten viele neue Erkenntnisse und bildeten die Basis für seine geografischen Theorien über das nordöstliche Asien. Darüber hinaus zweifelte Kropotkin immer mehr am hohen Stellenwert des Konkurrenzkampfs, den Charles Darwin in seiner Evolutionstheorie vertrat. Durch seine eigenen Erfahrungen, die er mit der Tierwelt und dem menschlichen Zusammenleben in der Region machte, gelangte Kropotkin in dieser Zeit zur Einsicht, dass die gegenseitige Hilfe einen viel wichtigeren Faktor bildet. Er schrieb in seinen Memoiren über die Erfahrungen in Sibirien:
Nach der brutalen Unterdrückung des Aufstands polnischer Verbannter 1866 in Sibirien hielt er deren Gerichtsverhandlung schriftlich fest und schickte die Niederschrift einer St. Petersburger Zeitung zur Publikation weiter. Der Bericht gelangte auch in die europäische Presse und hatte zur Folge, dass prominente Personen in öffentlichen Schreiben gegen die Willkür der russischen Regierung protestierten.
Kropotkins geographische Forschung (1867–1872)
1867 kehrte Kropotkin nach St. Petersburg zurück und trat desillusioniert aus dem Militär aus. Er schrieb sich an der Universität St. Petersburg ein, um Mathematik und Physik zu studieren, und verdiente sich seinen Unterhalt mit Übersetzungen der Werke Herbert Spencers. Gleichzeitig wurde Kropotkin Sekretär der Sektion für physische Geographie in der Russischen Geographischen Gesellschaft. In der Rolle als Sekretär hatte er immer noch genügend Zeit, um eigene Forschungen voranzutreiben, und er profitierte auch von der Erfahrung vieler Expeditionsberichte, die ihm von anderen Forschern für die Geographische Gesellschaft zugesandt wurden.
Kropotkins bedeutendster Beitrag für die Wissenschaft war die Revision der damaligen Annahmen über die orografische Struktur des nordöstlichen Asiens. Kropotkins Entdeckungen bedeuteten einen revolutionären Fortschritt auf dem Gebiet der Geographie und beeinflussten die Ideen anderer Geographen zu der orografischen Struktur des gesamten Planeten. Der renommierte deutsche Geograph August Petermann erkannte als erster den Wert dieser Erkenntnis und übernahm Kropotkins Revision auf seiner Karte Asiens in Stielers Handatlas, was dann von anderen Kartografen in der Folge übernommen wurde. Später kam Kropotkin durch seine theoretische Forschung zur Vermutung, dass sich in der Nähe von Nowaja Semlja im Norden Russlands unbekanntes Land befinde, und plante eine Expedition in das Gebiet. Die russische Regierung verweigerte ihm jedoch die Mittel, denn sie war viel mehr an der Erforschung des geopolitisch interessanten Südens interessiert. Zwei Jahre später folgte ein österreichisches Expeditionsteam der Route, wahrscheinlich auf der Basis von Kropotkins Arbeiten, und entdeckte dort die Inselgruppe Franz-Joseph-Land.