Pietro Antonio Locatelli (* 3. September 1695 in Bergamo; † 30. März 1764 in Amsterdam) war ein italienischer Violinist und Komponist. Nach einigen Jahren in Rom begab er sich als Violinvirtuose auf Reisen durch Italien und Deutschland. 1729 ließ er sich in Amsterdam, dem damaligen Zentrum des musikalischen Verlagswesens, nieder und gab seine Werke heraus. Die Konzerte in seinem Haus waren Anziehungspunkt wohlhabender Musikliebhaber.
Locatelli hinterließ neun Sammeldrucke von Instrumentalmusik: Triosonaten, Solosonaten, Capricci und Konzerte. Seine Werke weisen bereits galante Einflüsse auf. Ansätze zu einem Durchführungsabschnitt weisen auf den klassischen Sonatenhauptsatz voraus. Die Konzerte zeugen von einer genauen Klangvorstellung. Am einflussreichsten waren die hochvirtuosen Capricci für Solovioline. Obwohl Locatelli nie ganz vergessen war, ist seine Musik vor allem seit den 1980er-Jahren durch Schallplatten einem breiteren Hörerkreis bekannt geworden.
Pietro Antonio wurde ein Jahr nach der Hochzeit von Lucia Crocchi und Filippo Andrea Locatelli als erstes von sieben Kindern geboren. In der Literatur wurden die Locatellis oft als wohlhabende Familie charakterisiert. Das lässt sich allerdings nicht durch überlieferte Dokumente stützen. Generell ist die Quellenlage zu Locatelli dürftig. Beispielsweise fehlen Quellen völlig, die etwas über Locatellis Biographie zwischen seinem Geburtsjahr 1695 und Ostern 1710 berichten würden, als er auf Lohnlisten der Misericordia Maggiore, der Verwaltungseinrichtung der Kirche Santa Maria Maggiore zu Bergamo aufscheint. In deren cappella musicale wurde er im folgenden Jahr als dritter Violinist angestellt. Seine ersten Geigenlehrer waren vermutlich Ludovico Ferronati und Carlo Antonio Marino, beide Mitglieder der Kapelle und anerkannte Musiker. Kompositionslehre könnte ihm der Maestro di Cappella, Francesco Ballarotti (1660–1712), erteilt haben. Im Herbst 1711 entließ ihn die bergamaskische Behörde auf sein Gesuch hin mit der Bemerkung, er gehe „con bona Licenza […] a Roma per aprofitare nella sua professione“ („mit einem guten Zeugnis […] nach Rom, um in seinem Beruf daraus Nutzen zu ziehen“). Das eher provinzielle Bergamo konnte dem aufstrebenden Musiker offenbar weniger Möglichkeiten bieten.
Gegenüber Venedig, einem anderen attraktiven Ziel für einen Violinvirtuosen, könnte Rom durch eine bergamaskische Gemeinde und das Wiederaufleben kultureller und musikalischer Aktivitäten im Jahre 1710 für Locatelli attraktiv gewesen sein. Ab dem Herbst 1711 studierte Locatelli hier, wahrscheinlich bei Giuseppe Valentini, vielleicht auch kurz bei Arcangelo Corelli, der im Januar 1713 starb. Als Quelle für die Lehre bei Corelli wird ein Brief des Lautenisten Domenico Palafuti herangezogen, der angab, mit Locatelli bekannt gewesen zu sein. Es könnte aber auch sein, dass Locatelli Corelli zutreffenderweise als seinen geistigen Lehrer angesprochen hatte, eine Art unmittelbar verständliche Visitenkarte.
Ein Brief Locatellis vom 17. März 1714 an seinen „Carissimo signor Padre“ in Bergamo beweist, dass Locatelli zu dieser Zeit fest in der compita accademia di varj instrumenti, der Hauskapelle des Fürsten Michelangelo I. Caetani (1685–1759), angestellt war, bei dem auch Valentini spätestens seit 1710 als Suonator di Violino, e Compositore di Musica wirkte. Zwischen 1716 und 1722 war Locatelli außerdem Mitglied der Congregazione generale dei musici di S. Cecilia und wurde damit von dem adligen Prälaten und späteren Kardinal Camillo Cybo protegiert. Die Congregazione versammelte alle Musiker, die an großen oder kleinen römischen religiösen Institutionen beschäftigt waren, und bot etwa Unterstützung für kranke Mitglieder, verlangte jedoch die Mitwirkung an bestimmten Feierlichkeiten. Zu den Kirchen, an denen Locatelli arbeitete, gehören San Giovanni in Laterano, San Lorenzo in Damaso und San Giacomo degli Spagnoli. Darüber hinaus gibt es Belege dafür, dass Locatelli Aushilfsdienste für andere römische Adelshäuser erfüllte, so beispielsweise des Öfteren für den Kardinal Pietro Ottoboni in der Kirche San Lorenzo in Damaso – letztmals bezeugt für den 7. Februar 1723.
In seine römische Zeit fiel Locatellis Debüt als Komponist. 1721 erschienen in Amsterdam seine MONSIGNORE / D. CAMILLO CYBO / DE DUCHI DI MASSA, È CARRARA & / PATRIARCA DI CONSTANTINOPOLI gewidmeten XII Concerti grossi op. 1. Der Kontakt mit Cybo riss nicht ab, nachdem beide 1723 Rom verlassen hatten, wohin nur Cybo wieder zurückkehrte.
Reisen durch Italien und Deutschland
In Rom blieb nach Corellis Tod 1713 dessen zurückhaltender Stil im konservativen religiösen Umfeld das Ideal gegenüber dem mitunter fantastischen und bizarren Geschmack, der sich unter dem Einfluss von Antonio Vivaldi entwickelte und dem Locatellis und Valentinis virtuose Musik eher entsprach. Vielleicht war dies die Ursache für Locatellis Aufbruch von Rom.
Von 1723 bis 1729 datiert eine Künstlerreise Locatellis, die nur lückenhaft dokumentiert ist. Vermutlich stammen die meisten seiner für den Konzertgebrauch geschriebenen und später in Amsterdam verlegten Werke, zumal die Violinkonzerte mitsamt den Capricci, aus dieser Zeit. Ihr Vortrag dürfte seinen Ruhm begründet haben. Es gibt jedoch kaum Berichte über seine Auftritte.
Das erste Dokument aus Locatellis Reisezeit ist eine Art Virtuosen-Diplom, das der Landgraf Philipp von Hessen-Darmstadt, Regent von Mantua, 1725 Locatelli ausstellte. Weitere Informationen über seinen Aufenthalt in Mantua sind nicht überliefert. Dass Locatelli in Venedig war, bezeugt er selbst im Widmungsbrief seines op. 3. Ein Manuskript einer Violinsonate Locatellis der Österreichischen Nationalbibliothek verweist wegen ihrer Zugehörigkeit zu den „Estensischen Musikalien“ des Francesco V. d’Este nach Padua, ist aber kein Beweis für einen Aufenthalt Locatellis in jener Stadt.
Einziges Zeugnis seines Besuchs in München sind zwei Notizen zur Zahlung von zwölf doppelten Goldgulden im Juni 1727 an den „frembden Virtuosen Locatelli“ im Auftrag des Kurfürsten als „recompensierung“ für seinen Auftritt. Ein knappes Jahr später gastierte Locatelli am preußischen Hof zu Berlin, wahrscheinlich war er zusammen mit August dem Starken von Dresden nach Potsdam gekommen. Während Friedrich Förster, der Biograph von König Friedrich Wilhelm I. von zwei Auftritten berichtet, bringt ein anderer Bericht den Mangel an fähigen Begleitern als Grund dafür, dass Locatelli nicht auftreten konnte. Bei einem Wettstreit mit Johann Gottlieb Graun, wobei „die älteste Prinzessin fast 2 Stunden lang auf dem Flügel accompagniret“ hat, soll Graun den Sieg davongetragen und die Stelle als „Hof Musicu[s]“ erhalten haben. Eine weitere Station von Locatellis Reisen ist durch einen Eintrag im Stammbuch eines reichen Sammlers dokumentiert; so wissen wir, dass Locatelli im Oktober 1728 in Frankfurt am Main weilte. Zu sehen ist in diesem Stammbuch eine Miniaturfassung des Andante der Sonata III aus op. 2 für ein Tasteninstrument. Letzte bekannte Station der Reisejahre war Kassel. Wegen „gethaner Auffwartung“ am Hofe des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel am 7. Dezember 1728 erhielt Locatelli die sehr hohe Vergütung von 80 Reichstalern. Der Organist Jacob Wilhelm Lustig berichtete 1786 von einem Wettstreit mit dem Geiger Jean-Marie Leclair, wobei die Charakterisierungen der jeweiligen Leistung genau den üblichen Klischees der italienischen und französischen Musik folgen. Ein Aufenthalt Leclairs zu dieser Zeit in Kassel widerspricht zwar nicht anderen Belegen, wird aber nicht als gesichert angenommen.
1729 zog Locatelli nach Amsterdam, wahrscheinlich wegen des dortigen Verlagswesens mit hochentwickelter lithographischer Technik zum Druck von Musikalien. Eine anhaltende Zusammenarbeit verband ihn mit dem Verlagshaus Le Cène, in dem bereits im September 1729, etwa ein Monat nach Ankunft in Amsterdam, eine revidierte Ausgabe seines op. 1 erschien. Für Le Cène übernahm er auch sporadisch Editionstätigkeiten, etwa für Werke von Giovanni Battista Martini, wie aus Briefen hervorgeht. Locatellis Haupttätigkeit in Holland war die Veröffentlichung seiner Werke, die vollständig oder teilweise in den Jahren seiner Reisetätigkeit entstanden waren. Dabei nutzte er für die teuren Herausgaben der Orchesterwerke die Verlagshäuser, gab die Kammermusik jedoch selbst heraus. Ein Druck-Privileg untersagte Nachdrucke anderer und verpflichtete Locatelli, ein Exemplar der Universitätsbibliothek in Leiden zu überlassen, wo die Werke bis heute erhalten blieben. Da das Privileg 1761 auslief, ein Jahr vor Veröffentlichung von op. 9, ist dieses als einziges nicht überliefert.