Pietro Gradenigo (* Ende 1250/Anfang 1251 in Venedig; † 13. August 1311 ebenda) war, folgt man der Zählweise der staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig, ihr 49. Doge. Er regierte von seiner Wahl am 25. November 1289, bzw. von seiner Amtsübernahme am 3. Dezember, bis zu seinem Tod.
Gradenigo betrieb unter drastischer Gewaltanwendung gegen Aufständische eine Reihe von Reformen im politischen und wirtschaftlichen System der Stadt. Diese Reformen wirkten sich zugunsten einer kleinen Gruppe von Familien aus, die das Regiment der Stadt fortan führten. Die serrata, die Abriegelung des Großen Rates gegen Aufsteiger, wurde beschlossen und der Rat der Zehn als juristisches Organ der Strafverfolgung gegen Aufständische eingerichtet, ohne selbst strikt an gesetzliche Vorgaben gebunden zu sein. Er blieb bis zum Ende der Republik 1797 in Funktion und zog nach und nach immer mehr politische Kompetenzen an sich, um zeitweise beinahe den Kern der Macht darzustellen. Außerdem wurde unter Gradenigo das Arsenal erweitert, die Basis der venezianische Flotte; diese hatte 1298 eine schwere Niederlage gegen Genua hinnehmen müssen. Der Doge geriet außenpolitisch in langwierige Konflikte mit Papst Clemens V. und starb als Exkommunizierter.
Die Gradenigo gehörten zu den bedeutendsten und ältesten, den so genannten apostolischen Familien Venedigs. Pietro Gradenigo war der erste Doge aus der Familie. Es folgten Bartolomeo Gradenigo (1339–1342) und Giovanni Gradenigo (1355–1356). Ludovica Gradenigo war mit dem Dogen Marino Falier verheiratet.
Pietro, auch Perazzo genannt, war einer der beiden Söhne des Marco di Bartolomeo, und, folgt man dem Genealogen Marco Barbaro, einer Angehörigen der Querini. Der Name der Mutter ist jedoch nicht überliefert. Wahrscheinlich war sein Bruder Marino der ältere. Er wurde der Vater des Dogen Giovanni. Ob Pietro auch Schwestern hatte, ist nicht überliefert. Über seine Jugend und Ausbildung, seinen frühen Werdegang, ist nichts bekannt.
Zu einem unbekannten Zeitpunkt heiratete Pietro Gradenigo Tommasina Morosini, Schwester des Giovanni und Nichte der Tomasina. Letztere war die Ehefrau König Stefans von Ungarn und Mutter Andreas III., der Venezianer genannt.
Das Paar hatte zahlreiche Kinder, von denen die Genealogen Bertucci, Giacomo, Paolo, Marco und Nicolò nennen, hinzu kamen die Töchter Belluzza, Beriola, Engoldisa, Caterina und Isabetta, auch Anna genannt. Keinem der Söhne gelang es, einen der höchsten Posten in der Republik Venedig zu erlangen. Nicolò, genannt Nicoletto, war 1314 als Gesandter in Treviso, zusammen mit Enrico Dolfin, um Venedigs Glückwünsche zur Wiedererlangung der kommunalen Freiheit zu übermitteln – Nicolettos Tochter Aluica heiratete 1335 den späteren Dogen Marino Falier. Marco wurde Podestà von Padua in den Jahren 1319 bis 1320. Bertucci starb noch vor seinem Vater und erhielt ein feierliches Staatsbegräbnis. Den Vater überlebten nur die Söhne Marco und Nicolò, denn sie wurden in seinem Testament vom 14. September 1309 als Sachwalter erwähnt. Caterina wurde Nonne in S. Lorenzo, Isabetta heiratete in zweiter Ehe Giacomo da Carrara (um 1310). Als nicht gesichert gilt die Behauptung, der Doge habe in hohem Alter noch einmal geheiratet, nämlich eine Agnese Zantani. Dagegen spricht, dass ihr Name nicht in seinem Testament erscheint.
Gradenigo war zwar insgesamt fünfmal Galeerenkommandant und mehrmals Gesandter, hatte aber noch kein hohes politisches Amt bekleidet. Zum Zeitpunkt seiner Wahl war er Podestà von Capodistria.
Erstmals 1269, dann wieder 1270 und 1276 saß er im Großen Rat. In der Venetiarum historia heißt es zwar, Pietro Gradenigo habe 1272 bis 1273 die Landtruppen im Kampf mit Bologna kommandiert, doch war dies vermutlich sein Vater.
Er gehörte in jedem Falle der Gesandtschaft an, die 1274 zum Abschluss eines Friedensvertrages nach Bologna entsandt wurde. Zu dieser Gesandtschaft gehörten auch Giacomo Dandolo (oder Dondulo), Giovanni Tiepolo, Girardo Morosini, Giovanni Donà, Giovanni Canal und Raffaele Bettonio.
1279 wurde er gemeinsam mit Tommaso Querini und Ruggero Morosini als Provisore nach Istrien gesandt, um dort die venezianische Herrschaft zur Geltung zu bringen. Ihren Instruktionen folgten die drei Männer mit besonderer Härte. Auf der Halbinsel wurde Gradenigo Anfang der 1280er Jahre Podestà von Capodistria, ein Amt, das er erneut unmittelbar vor seiner Wahl zum Dogen erlangte. Sicher vor 1285 wurde er zum Podestà von Caorle, wo vor allem der Schmuggel mit Salz, der ein venezianisches Staatsmonopol darstellte, von erheblicher Bedeutung war. 1285 bis 1286 und erneut 1288 bis 1289 saß er im Kleinen Rat, dem zu dieser Zeit eigentlichen Kern der Macht.
Am 2. November 1289 starb der alte Doge Giovanni Dandolo. Entsprechend den „statuta et ordinamenta Veneciarum“ übernahmen der Kleine Rat und die Quarantia das regimen.
Pietro Gradenigo wurde im Alter von erst 38 Jahren zum Dogen gewählt. Zu dieser Zeit befand er sich noch als Podestà in Capodistria. Der Empfang, der ihm bei seiner Ankunft in Venedig bereitet wurde, war kühl, da die Volksmeinung für Baiamonte Tiepolo, den Enkel des Dogen Jacopo Tiepolo, sprach. Dieser hatte jedoch die Wahl abgelehnt und sich aus der Politik zurückgezogen. Er wollte einen Bürgerkrieg zwischen der Bevölkerung vermeiden, die ihn unterstützte und die ihn gerne durch Akklamation zum Dogen gewählt hätte, und der Mehrheit der sich immer deutlicher herausschälenden Aristokratie, die Tiepolo verdächtigte, die Alleinherrschaft in Venedig anzustreben.
Tatsächlich hatten erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten den popolo minuto, vor allem die kleinen Handwerker und die Kleinhändler bedrängt. In ihrer Erinnerung standen die Dogen Jacopo und Lorenzo Tiepolo ihrer Gesellschaftsschicht näher. Die Grandi hatten zu dieser Zeit die Macht im Staatswesen noch nicht monopolisiert, die Masse der Bewohner konnte sich noch unmittelbar Gehör verschaffen. So forderten viele die Wahl des Jacopo Tiepolo, des Sohnes Lorenzos, selbst dann, wenn es mit dem seit einem Jahrhundert üblichen Wahlverfahren nicht vereinbar war. Am 22. November kam es, ausgelöst womöglich durch die Überlänge des Wahlprocederes, zu Unruhen. Tiepolo, der als umsichtig galt, „per fugir li odii et discordie che sarebbono seguite, volse absentarsi et se conferì nella sua villa de Marocho, dove spesse fiate ai soi piaceri dimorar soleva“, wie es Caroldo ausdrückt. Um also Hass und Zwietracht zu entgehen, die zu erwarten waren, verließ er die Stadt und zog sich in seine Villa de Marocho zurück, wo er sich auch ansonsten häufiger aufhielt.
Obwohl auch Pietro Gradenigo sich außerhalb der Stadt aufhielt, war er nicht nur gut informiert, sondern wohl auch der Kandidat der Grandi, die einen Mann suchten, der sich den Forderungen der unteren Schichten entgegenstellte. Der Rückzug Tiepolos dürfte kaum freiwillig vonstattengegangen sein. Die genaueste Analyse der Vorgänge, die für die Verfassungsentwicklung Venedigs so maßgeblich wurden, leistete wohl Daniele Barbaro. Tatsächlich erkennt er Analogien zu den Auseinandersetzungen auf dem Festland Italiens, nämlich zwischen Ghibellinen und Guelfen, auch kamen scharfe soziale Konflikte, wie sie die Kommunen Italiens durchlebten, hinzu. Die Protagonisten organisierten sich nur in der zeittypischen Form entsprechend den höchsten Autoritäten als Anhänger von Kaiser und Papst. Dabei hatten die Grandi keinerlei Interesse, ihre Vorrechte zu teilen. Der Konflikt mit den Tiepolo war mit der Wahlentscheidung nur aufgeschoben.
Am 25. November fiel die Wahl auf Pietro Gradenigo, den der Große Rat aufforderte, sofort nach Venedig zu kommen, um neue Konflikte zu vermeiden. Der Gewählte zog zwar feierlich in die Stadt ein, „ma non però con universal allegrezza et applauso del popolo, per causa, come ho detto, d'esser la fation contraria“, betont Daniele Barbaro (f. 6v). Der neue Doge zog also ohne Freude und Jubel des Volkes ein, weil er der Gegenfaktion angehörte. Die eigentliche Amtsübernahme erfolgte am 3. Dezember 1289.