Pieter de Graeff, Vrijheer der Hohen Herrlichkeit von Zuid-Polsbroek, vrijheer / heer van Purmerland en Ilpendam (* 15. August 1638 in Amsterdam; † 3. Juni 1707) war ein holländischer Aristokrat des Goldenen Zeitalters der Niederlande.
Pieter de Graeff war in der Zeit vor dem Rampjaar 1672 einer der einflussreichsten staatsgesinnten, republikanischen Politiker Amsterdams. Als Bewindhebber der Niederländischen Ostindien-Kompanie war er nach dem Rampjaar einer der wichtigsten Repräsentanten und Leiter derselbigen. Seine politische Haltung war charakteristisch für seine Familie: einerseits Libertin und staatsgesinnt, andererseits, wenn auch nur bedingt, loyal gegenüber den Oraniern. De Graeff hatte in intimen Kontakt mit den Staatsmännern Johan de Witt und Wilhelm III. von Oranien sowie den Künstlern Joost van den Vondel und Jan Lievens gestanden.
Gesellschaftspolitischer Hintergrund
Im Laufe des Goldenen Zeitalters der Niederlande standen die Mitglieder der Familie De Graeff in harscher Kritik zum sich immer mehr ausbreitenden Einfluss des Hauses Oranien-Nassau. Gemeinsam mit den führenden republikanischen Staatsmännern, den Gebrüdern Bicker und den De Witt, waren sie für eine Aufhebung der Statthalterschaft, zumindest in der Provinz Holland. Weiters beanspruchten sie den Erhalt einer (ihrer) vollen Souveränität als Stadtregenten.
Pieter de Graeff entstammte dem Geschlecht De Graeff, den Stadtherren von Amsterdam. Er war der erstgeborene Sohn des Staatsmannes und Amsterdamer Regenten Cornelis de Graeff und Catharina Hooft; mit Jacob de Graeff hatte er einen jüngeren Bruder. Pieter genoss in seiner Jugend Erziehung und Privatunterricht bei Johann Amos Comenius, der ihm eine wichtige pädagogische Basis verschaffte. 1652 ließ sich Cornelis de Graeff mit seiner Gattin Catharina Hooft und deren beiden Söhnen Pieter und Jacob durch Jan Victors als Isaak und Rebekka mit ihren Söhnen Jakob und Esau porträtieren. Dieses allegorische Werk und De Graeffs Darstellung als einer der Erzväter eines Volkes und seiner Ehefrau sollte seine Wichtigkeit unterstreichen. Anfang 1655, im Alter von 16 Jahren begleitete Pieter den Amsterdamer Bürgermeister Johan Huydecoper van Maarsseveen auf einer diplomatischen Mission nach Berlin. Die weiteren Reisebegleiter waren Joan Corver und Huydecopers Sohn Joan Huydecoper van Maarsseveen. Die Stadt trat als offizieller Taufpate des Sohnes des Großen Kurfürsten Markgraf Friedrich Wilhelm auf. Diese Patenschaft war von Pieters Vater Cornelis organisiert worden und führte später zum Eingreifen des Kurfürsten als Bündnispartner im Holländischen Krieg.
In den Jahren von 1658 bis 1660 reiste Pieter durch England und Frankreich und erhielt an der Universität Orléans das Lizenziat für ziviles und kanonisches Recht. Die diversen Reiseberichte wurden von Pieter allesamt in seinen Tagebüchern vermerkt, von denen nur die Berichte über die Berliner Reise erhalten geblieben sind. Im Jahre 1660 wurde durch Pieters Vater Cornelis, seinem Cousin Johan de Witt und Gillis Valckenier ein Konsortium gegründet, welches die Vormundschaft über den jungen oranischen Fürsten Wilhelm III. von Oranien-Nassau, das kind van staat, beinhaltete. Die Sommer verbrachten die Gebrüder Pieter und Jacob de Graeff mit Wilhelm, dem späteren König von England, auf dem De Graeffschen Anwesen am Soestdijk, das Wilhelm später erwarb und zum Palais Soestdijk der niederländischen Erbstatthalter und Könige ausbaute.
Pieter eheliche 1663 seine Cousine Jacoba Bicker (1640–1695), Tochter von Johan Bicker und Agneta de Graeff van Polsbroek (1603–1656) sowie Schwester von Johan de Witts Ehefrau Wendela Bicker. Bei ihrer Hochzeit auf Schloss Ilpenstein hielt De Witt die Hochzeitsrede. Die dabei anwesenden Poeten Gerard Brandt, Jan Vos und Joost van den Vondel „besangen“ diese Hochzeit. Zu Pieters Schwager zählten weiters der hohe Beamte Gerard Bicker (I) van Swieten, der Waffenhändler Jacob Trip sowie der Bankier und Financier Jean Deutz. Aus seiner Ehe gingen drei Kinder hervor, zwei Söhne und eine Tochter. Seine beiden Söhne, Cornelis und Johan traten des Vaters Erbe in Zuid-Polsbroek, Purmerland und Ilpendam an.
Agneta de Graeff (1663–1725), ehelichte Jan Baptiste de Hochepied II (1669–1709), Deputierter bei der Generalitätsrechenkammer. Agneta besaß das Haus „Korte Vijverberg 3“ in Den Haag, dem gegenwärtigen Kabinett des Königs und hatte bei ihrem Tod ein Vermögen von 867.000 Gulden, von dem sie ihrem Cousin Gerard Bicker (II) van Swieten 525.000 Gulden nachließ
Cornelis de Graeff (1671–1719) promovierte an der Universität Leiden zum Magister der Rechte und war Kanoniker im Domkapitel von St. Pieter in Utrecht.
Johan de Graeff (1673–1714) absolvierte ein Rechtsstudium an der Universität Leiden, war Stadtsekretär, Schöffe und Mitglied des Amsterdamer Magistrates (niederländisch: Magistraat oder vroedschap). Johan war mit Johanna Hooft (1678–1738) verheiratet. Dieser Ehe entsprangen fünf Kinder, unter anderem Johans einziger Sohn Gerrit de Graeff, welcher das De Graeffsche Erbe antrat.
Das Wappen von Pieter de Graeff ist geviert und mit einem Herzschild versehen und zeigt seit 1678 folgende Symbole:
Herzschild zeigt die drei silbernen Rauten auf Rot (ursprünglich von der Familie Van Woerdern van Vliet) der Hohen Herrlichkeit Zuid-Polsbroek
Feld 1 (links oben) zeigt die silberne Schaufel auf Rot seiner väterlichen Vorfahren, der Herren von Graben
Feld 2 (rechts oben) zeigt den silbernen Schwan auf Blau des Lehensgutes Vredenhof [oder den Schwan des Waterlandes seiner Vorfahren, den De Grebber]
Feld 3 (links unten) zeigt die silberne Gans in Blau von Purmerland (Hohe Herrlichkeit Purmerland und Ilpendam)
Feld 4 (rechts unten) zeigt die roten und schwarzen Löwen auf Gold (das Wappen der Grafschaft Holland) für Ilpendam (Hohe Herrlichkeit Purmerlandund Ilpendam) über einem nicht näher behandelten blauen Bereich
Schildhalter sind zwei silberne Schwäne
Helmüberzüge in Rot und Silber