An diesem Tag

Pierre-Joseph Proudhon

Französischer Ökonom und Soziologe, Utopist

Anúncio

Pierre-Joseph Proudhon [ˈpjɛʀ ʒoˈzɛf pʀuˈdɔ̃] (* 15. Januar 1809 in Besançon; † 19. Januar 1865 in Passy, Paris) war ein französischer Frühsozialist. Er gilt als einer der ersten Vertreter des solidarischen Anarchismus und setzte sich für Mutualismus und Föderalismus ein. Vielzitiert ist der Satz „Eigentum ist Diebstahl“ aus seiner Schrift Qu’est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement (Was ist das Eigentum? Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft). Teilweise werden die Weiterentwickler seiner Theorie auch als Proudhonisten bezeichnet.

Pierre-Joseph Proudhon wurde in Besançon, Département Doubs in der Region Franche-Comté geboren. Er war Sohn eines Küfers und einer Küchenmagd und arbeitete bis zu seinem zwölften Geburtstag als Ochsenhirt. Insofern war er der einzige der französischen revolutionären Theoretiker des 19. Jahrhunderts, der in der ländlichen Arbeiterklasse verwurzelt war. Durch ein Stipendium wurde ihm der Schulbesuch ermöglicht, den er aber aufgrund Geldmangels frühzeitig beenden musste. Er erlernte den Beruf des Schriftsetzers und bildete sich als Autodidakt weiter. Zunächst war er Teilhaber einer kleinen Druckerei in Besançon. Bereits 1840 erschien seine einflussreiche Schrift Was ist Eigentum?. 1843 verkaufte er seinen Anteil an der Druckerei und ging nach Lyon, wo er für eine Spedition arbeitete. Dort hatte er Kontakte mit den Seidenwebern, die immer wieder gewaltsame Proteste organisierten. 1847 siedelte er nach Paris über, um mit den Frühsozialisten Théophile Thoré, Félix Pyat und Victor Pilhès eine Zeitung zu gründen. Daraus wurde nichts, aber in der französischen Hauptstadt bekam Proudhon Kontakt zu deutschen Linkshegelianern und russischen Adligen, die ihn beeinflussten, darunter Karl Marx und Michail Bakunin. Marx bot ihm eine Zusammenarbeit an, doch dies scheiterte an Proudhons Ablehnung der Idee einer gewaltsamen Revolution.

In Paris arbeitete Proudhon als Schriftsetzer und verfasste viele Schriften auf den Gebieten des Sozialismus und der Politischen Ökonomie. Er verkehrte unter anderem mit Karl Grün, Arnold Ruge, Immanuel Hermann Fichte, dem Sohn von Fichte, und in Paris mit den Mitgliedern der Société d’Économie Politique. Sein späterer Verleger Guillaumin hatte 1841 die Zeitschrift Journal des Économistes gegründet. An der Februarrevolution von 1848 nahm er nicht aktiv teil, da er glaubte, die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht lenke nur von den tiefer liegenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen ab, die es seines Erachtens zu lösen galt. Am 1. April 1848 erschien die erste Ausgabe der Zeitung Le Représentant du Peuple. Journal des travailleurs, über die Proudhon als Motto eine Abwandlung des berühmten Ausspruchs des Abbé Sieyès „Was ist der Dritte Stand“ aus dem Jahr 1789 trug:

Bei den Wahlen vom 23. April 1848 wurde Proudhon in die französische Nationalversammlung gewählt. Als Abgeordneter entwickelte er ein Arbeitsprogramm: Er erstrebte eine Entwicklung zum Sozialismus ohne Gewalt, getragen von der freien Entscheidung der Arbeiter. Proudhon lehnte jede staatliche Gewalt ab und prägte die Überzeugung der Anarchisten, wonach die unbegrenzte Freiheit der Menschen die Grundvoraussetzung für eine sozialistische Ordnung sei. Proudhon nahm in der Revolution eine Tendenz zu staatssozialistischen Vorstellungen wahr, welche er insbesondere in der Person des „regierungswütigen Louis Blancs“ bekämpfte.

Nachdem Louis Blanc in der Bevölkerung weitaus größere Anhängerschaft gefunden hatte, versuchte Proudhon Napoleon III. zur Unterstützung seiner Pläne zu gewinnen, wobei er hoffte, dass Napoleon III. zum „Repräsentanten der Revolution wider Willen“ werden könnte.

1849 versuchte Proudhon mit der Gründung einer „Volksbank“, die kostenlose Kredite vergibt, sein Reformprogramm in die Praxis umzusetzen. Nach einem halben Jahr musste Proudhon die Volksbank jedoch wieder schließen, da er verhaftet und wegen zweier Presseveröffentlichungen für drei Jahre inhaftiert wurde. Vom Gefängnis aus führte er die Debatte um die Rolle des Staates mit Blanc und Pierre Leroux fort.

Pierre-Joseph Proudhon starb am 19. Januar 1865 in dem Haus Nummer 12, Rue de Passy in Passy und wurde auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.

In seiner Schrift Qu’est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement zieht Proudhon die Schlussfolgerung: Eigentum ist Diebstahl. Gemeint ist Privateigentum als Privileg oder Monopol, im Sinn von: „Solange Eigentum Privilegien birgt, solange bedeutet privilegiertes – also erpresserisches – Eigentum Diebstahl“. Man dürfe außer den persönlichen Arbeitsmitteln lediglich diejenigen Güter besitzen, die man durch eigene oder kollektive Arbeit hergestellt oder im Tausch dafür erworben hat. Ausbeutung der Arbeitskraft anderer gehöre unterbunden, um die daraus resultierende Kapitalanhäufung und Machtkonzentration zu verhindern. Die Gesellschaft soll sich auf dem freiwilligen Zusammenschluss dezentral organisierter, überschaubarer Einheiten („fédéralisme“), also einem herrschaftsfreien System ohne Staat und Kirche, gründen.

Proudhon war einer der Ersten, die den Begriff der Anarchie positiv wendeten. „Anarchie“ definiert Proudhon ausgehend von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes als „Abwesenheit jedes Herrschers, jedes Souveräns“ und folgerte „das ist die Regierungsform, der wir uns täglich mehr nähern […] wie der Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft die Ordnung in der Anarchie.“ Proudhon fasste Sozialismus als die Wissenschaft der Freiheit auf. Politik hingegen als Kampf um die Macht im Staate setzt mit letzterem die Beherrschung des Menschen durch den Menschen voraus, demnach Unterdrückung; die höchste Vollkommenheit der Gesellschaft finde sich in der Vereinigung von Ordnung und Anarchie: „Keine Autorität mehr! Absolute Freiheit des Menschen […] Die Regierung des Menschen durch den Menschen ist Sklaverei.“ In diesem Zusammenhang lehnte er auch die Demokratie ab, die „Tyrannei der Majoritäten, die abscheulichste Tyrannei von allen“.

Die anarchistische Utopie, die Proudhon vorschwebte, war eine agrarische und handwerkliche Zivilisation. Dieses Denken gilt als rückwärtsgewandt, da die Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa bereits begonnen hatte. Die Idee, diese Gesellschaft durch eine gewaltsame Revolution einzuführen, lehnte Proudhon ab, da dies notwendig zu einer Diktatur führen würde. Auch staatliche Sozialreformen lehnte er ab, weil dadurch die staatliche Zentralgewalt nur stärker würde. Die Abschaffung des Kapitalismus müsse von unten kommen, vom einfachen Volk selbst. Gleichzeitig hatte er von den Unterschichten keine hohe Meinung, sondern beklagte deren „Ignoranz, ihre primitiven Instinkte, die Gewaltsamkeit ihrer Bedürfnisse und die Ungeduld ihrer Begierden“. Wie der Historiker Marshall Shatz glaubt, hoffte er, dass der soziale Fortschritt und die Moral des Volkes gleichzeitig durch die Erfahrung des Mutualismus erreicht werden würden.

Proudhon gilt als Begründer der modernen anarchistischen Bewegung und wird auch als „Vater des Anarchismus“ bezeichnet. Er war der Erste, der sich selbst als Anarchist bezeichnete. Seine Schriften beeinflussten zahlreiche Intellektuelle seiner Zeit, so unter anderem die russischen Schriftsteller Alexander Herzen und Leo Tolstoi, die russischen Nihilisten, die Narodniki und durch diese auch große Teile der russischen Soziologie, deutsche Sozialisten wie Karl Marx, Karl Grün, Wilhelm Marr, Moses Hess und Eugen Dühring, außerdem die im Entstehen begriffene Gewerkschaftsbewegung in Frankreich, die für lange Zeit anarchistisch orientiert blieb und im Anarchosyndikalismus einen Ausdruck fand. Auch die Gründer der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), welche später als die Erste Internationale bekannt wurde, waren stark von Proudhons Denken beeinflusst.

Im deutschsprachigen Raum wurde Proudhon vor allem durch Ludwig Pfau bekannt, der mit Proudhon befreundet war, ihn autorisiert übersetzte und ausführliche Artikel über ihn veröffentlichte. In einigen Ländern des Deutschen Bundes erregten Pfaus Proudhon-Übersetzungen allerdings vor allem deshalb Aufsehen, weil sie sofort nach dem Erscheinen von Zensur und Verbot betroffen waren. Pfau wurde zeitweise selbst als „der schwäbische Proudhon“ bezeichnet.

Anúncio

Bald in der World in Stories App

Audio, Offline-Download, keine Werbung und mehr.

Premium entdecken
Pierre-Joseph Proudhon | World in Stories