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Piero Sraffa

Italienischer Wirtschaftswissenschaftler

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Piero Sraffa (* 5. August 1898 in Turin; † 3. September 1983 in Cambridge, Großbritannien) war ein italienischer Wirtschaftswissenschaftler.

Sraffa entwickelte eine Theorie, die der Input-Output-Analyse von Wassily Leontief sehr ähnlich sieht, aber eine völlig andere Zielsetzung verfolgt, nämlich Preise zu bestimmen, die ein störungsfreies Wachstum (auch ein Wachstum von null) einer Volkswirtschaft ermöglichen würden und den Kapitaleignern eine uniforme Profitrate bescheren. In diesem Punkt ähneln die Sraffa-Preise den Marxschen Produktionspreisen. Auf dieser Grundlage werden dann theoretische Probleme aufgegriffen und im Rahmen dieses Modells gelöst: Das Problem eines verteilungsunabhängigen Wertmaßstabes, das Problem der Transformation von Werten in Produktionspreise sowie das Problem der Technikwahl – um nur einige zu nennen.

Sraffas Ansatz besteht darin, die technologische Struktur einer Volkswirtschaft mit Hilfe von Input-Matrizen zu erfassen. Allerdings hat Sraffa sein Modell nicht mathematisch, sondern rein verbal formuliert, so dass eine nachträgliche Modellierung möglich war und zu einem besseren Verständnis beitrug. Die Elemente der Input-Matrix stellen den durch die Produktion verursachten Güterverbrauch dar, genauer gesagt: welche und wie viel Waren zur Produktion einer Ware verwendet werden. In Sraffas Basismodell werden dabei Ein-Produkt-Zweige unterstellt, das heißt, in jedem Industriezweig wird genau eine Warensorte hergestellt. Zur Charakteristik der technologischen Struktur eines ökonomischen Systems, beispielsweise einer Volkswirtschaft, gehört außerdem der Arbeitseinsatz. Dieser wird ebenfalls je produzierter Wareneinheit modelliert, und zwar durch eine (1,n)-Matrix, die die Anzahl der Beschäftigten je produzierter Wareneinheit erfasst. Für jede Ware kann somit eine Gleichung aufgestellt werden, die darstellt, welche anderen Waren in welchen Mengen zu ihrer Herstellung verwendet werden und wie groß der Arbeitsaufwand ist. Wenn dies für jede Ware geschehen ist, erhält man ein Gleichungssystem für die neoricardianischen Preise, deren Lösung angibt, in welchem Verhältnis die verschiedenen Waren getauscht werden müssten, um eine reibungslose Reproduktion zu etablieren. Zwar sind durch das Gleichungssystem die Relationen zwischen den Preisen bestimmt, aber das generelle Preisniveau ist dadurch noch nicht festgelegt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dieses Niveau zu definieren. Eine Möglichkeit besteht darin, eine Ware zur Preiseinheit, zum Numéraire, zu erheben. Wird beispielsweise ein Pfund Sterling-Silber zum Numéraire erklärt, werden die Preise der anderen Waren in Pfund Sterling angegeben. Der verbliebene Freiheitsgrad des Gleichungssystems kann aber auch dadurch „gefüllt“ werden, dass eine Größe, etwa der Lohn, festgelegt wird. Dann werden die Preise in Lohneinheiten („kommandierte Arbeit“) ausgedrückt – ähnlich wie durch das Konzept des Reallohns in der Mainstream-Ökonomik. Man kann auch definieren, dass die Arbeiter einen bestimmten Warenkorb kaufen müssen, damit sie ihre Arbeitskraft erhalten können (Subsistenzlohn), dann werden die Preise in diesen Warenkörben ausgedrückt. Gleich welche Festlegung getroffen wird: Das Modell zeigt – mit Ausnahme von speziellen Strukturen der physischen Basis – eine Abhängigkeit der Verteilung des Surplusprodukts auf Lohnarbeiter und Kapitaleigner von den Preisen, und die Preise hängen vom Verhältnis zwischen Lohnsatz und Profitrate ab. Der Zusammenhang zwischen Lohnsatz und Profitrate ist im Allgemeinen nicht-linear, im großen Ganzen kann man die Tendenz so beschreiben: Die Profitrate ist umso niedriger, je höher der Lohnsatz festgelegt wird. Werden die Profite voll reinvestiert in mehr Arbeitskräfte und mehr Produktionsmittel oder anders ausgedrückt, wird das Mehrprodukt jedes Mal voll zur Erweiterung des gesamtwirtschaftlichen Produktionsumfanges genutzt, dann wächst die Wirtschaft mit einer Rate, die gleich hoch ist wie die Profitrate (vom Konsum der Unternehmer wird auch abgesehen). Beträgt die Profitrate etwa 5 %, dann werden jedes Jahr 5 % mehr Arbeitskräfte eingestellt und es wird von allem 5 % jährlich mehr produziert.

Bei Sraffa muss die Profitrate sinken, wenn die Löhne steigen. Dasselbe hatte schon David Ricardo behauptet. Deshalb wird die Sraffaschule auch als neoricardianisch bezeichnet. Bei Marx können dagegen sowohl die Löhne als auch die Profitrate sinken, wenn etwa der Kapitalaufwand für Produktionsmittel entsprechend stark zunimmt.

Sraffa war außerdem der Herausgeber der gesammelten Werke David Ricardos.

Sraffa sah in dem Tableau Économique von François Quesnay einen Vorläufer, insofern schon dort das Bild eines Systems von Produktion und Konsum als Kreislauf entworfen wurde. Dies steht „in krassem Gegensatz zu dem von der modernen Theorie entworfenen Bild einer Einbahnstrasse, die von den ‚Produktionsfaktoren‘ zu den ‚Konsumgütern‘ führt.“.

Sraffa verstand sein Modell als Kritik an neoklassischen Modellen. Sein Modell führte zur „reswitching“-Debatte. Laut Neoklassik führen steigende Löhne dazu, dass die Kapitalisten Produktionstechniken wählen, die weniger lebendige Arbeit benötigen, dafür mehr Produktionsmittel wie Maschinen. Die Kapitalisten weichen also der teurer werdenden Arbeit aus und wählen dafür Techniken, die zum Ausgleich mehr Produktionsmittel benötigen. Sie substituieren Arbeit durch „Kapital“.

Sraffa verglich verschiedene Techniken mit unterschiedlicher Arbeitsintensität miteinander, insbesondere betrachtete er, wie sich die Profitraten bei den verschiedenen Techniken entwickeln, wenn der Lohn steigt. Bei allen Techniken wird die Profitrate sinken, aber die Reihenfolge der nach der Größe der Profitrate geordneten Techniken kann sich dabei ändern. Eine Technik, die bei niedrigem Lohn die höchste Profitrate aufweist, fällt vielleicht zurück, wenn der Lohn steigt, kann aber wieder die höchste Profitrate bekommen, wenn die Löhne weiter steigen. Für die Kapitalisten heißt dies, dass sie bei steigendem Lohn zu einer anderen Technik mit höherer Profitrate wechseln, steigt der Lohn aber weiter, wechseln sie wieder zurück („reswitching“), weil die alte Technik jetzt wieder die höchste Profitrate aufweist. Dass sich dies unter bestimmten Umständen ergeben kann, widerspricht der neoklassischen Produktionstheorie, die diesen Fall nicht vorsieht.

Die Neoklassik nimmt in ihren Produktionsfunktionen an, dass von den Produktionsfaktoren Arbeit und „Kapital“ bestimmte Mengen eingesetzt werden. Das Problem, dass sich bei der Bestimmung des in Preisen ausgedrückten Wertes des Kapitalstocks beispielsweise Güterzuglokomotiven und Reißnägel nicht ohne Weiteres addieren lassen, wird dadurch gelöst, dass die verschiedenen Kapitalgüter mit ihren Preisen multipliziert und anschließend zu einer Größe zusammenaddiert werden, so dass ein Kapitalstock in Höhe von soundsoviel Mrd. Euro vorliegt. „Reine“ Preisveränderungen im Zeitablauf werden dabei mit bestimmten Verfahren wieder herausgerechnet.

Nach Sraffa ist dies nicht zulässig. Setzen die Gewerkschaften etwa einen höheren Lohnsatz durch, dann vermindert dies (unter der Annahme einer einheitlichen Profitrate in allen Branchen und in der langen Frist) die Profitrate und verändert alle Preise der Waren, auch der Kapitalgüter wie Güterzuglokomotiven und Reißnägel. Die Größe des Kapitalstocks als Summe der Preise aller Kapitalgüter hängt somit davon ab, welches Lohnniveau durchgesetzt wird. Das widerspricht der neoklassischen Annahme eines gegebenen Kapitalstockpreises. Profitrate und der Wert des Kapitalstocks können nicht unabhängig voneinander bestimmt werden, sondern nur simultan. Die Auseinandersetzung um dieses Problem wird als Kapitalkontroverse bezeichnet.

Kontroverse um die Numéraire-Abhängigkeit

In den 90er Jahren fand in den „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik“ eine Debatte zu der Frage statt, ob sich die von der neoricardianischen Schule behaupteten Gesetzmäßigkeiten bei einem Wechsel des Numéraires (der Einheit, in der die Preise ausgedrückt werden) ändern.

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