Henri Philippe Benoni Omer Joseph Pétain [filip petɛ̃] (* 24. April 1856 in Cauchy-à-la-Tour, Département Pas-de-Calais; † 23. Juli 1951 in Port-Joinville, Île d’Yeu, Département Vendée) war ein französischer Militär, Diplomat und Politiker und zum Tod verurteilter Kollaborateur. Von 1940 bis 1944 stand er als Staatschef dem autoritären État français (Vichy-Regime) vor.
Während des Ersten Weltkriegs avancierte Pétain aufgrund seiner Abwehrerfolge in der Schlacht um Verdun zum gefeierten Nationalhelden („Held von Verdun“) und wurde 1917 Oberbefehlshaber der französischen Armee. In der Zwischenkriegszeit prägte er als einflussreicher Marschall von Frankreich sowie in verschiedenen militärischen Ämtern die Verteidigungsdoktrin seines Landes entscheidend mit.
Im Verlauf der sich abzeichnenden französischen Niederlage gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde Pétain am 16. Juni 1940 letzter Regierungschef der Dritten Republik und erwirkte den Waffenstillstand von Compiègne. Anschließend übernahm er von 1940 bis 1944 als Chef de l’État (Staatschef) mit nahezu absoluten Vollmachten die Führung des mit dem Reich kollaborierenden État français in Vichy und proklamierte in der Révolution Nationale den Bruch des republikanisch-demokratischen Prinzips in Frankreich. Mit dem politischen Aufstieg Pierre Lavals büßte Pétain seine unumschränkte Machtstellung ab 1942 ein.
Wegen der Kollaboration in Frankreich von 1940–1944 wurde Pétain 1945 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde jedoch in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt.
Philippe Pétain wurde am 24. April 1856 auf dem elterlichen Bauernhof in Cauchy-à-la-Tour geboren. Er war der einzige Sohn des Omer-Venant Pétain (1816–1888) und dessen Ehefrau Clotilde geb. Legrand (1824–1857) und hatte mit Marie-Françoise (1852–1950), Adélaïde (1853–1919) und Sara (1854–1940) drei ältere Schwestern. Sein Vater war ein einfacher, alteingesessener Bauer aus dem nordfranzösischen Kohlerevier, der den Familienbesitz von zehn Hektar Ackerland bestellte. Nach der Geburt der Tochter Joséphine (1857–1862) im Oktober 1857 verstarb die Mutter im Wochenbett, worauf der Vater 1859 erneut heiratete und drei weitere Nachkommen zeugte. Von der Stiefmutter vernachlässigt, wuchsen der als still beschriebene Philippe und zwei seiner Schwestern im Haushalt ihrer streng religiösen Großmutter auf.
Ein prägender Einfluss auf den jungen Pétain wird seinem Onkel, Abbé Jean-Baptiste Legrand, zugeschrieben („Mein lieber Neffe! Ich wünsche mir nur eins, dass es in meiner Familie immer Männer geben möge, die das Kreuz tragen – und das Schwert.“). Der Onkel war Pfarrer der Kirchengemeinde Bomy. Legrands Fürsprache ermöglichte dem elfjährigen Pétain ab Oktober 1867 den Besuch des Jesuitenkollegs Saint-Bertin in Saint-Omer. In der dortigen Klosterschule erhielt Pétain zwischen 1867 und 1875 eine durch Religiosität, Gehorsam und Disziplin geprägte Schulbildung. Unter dem Eindruck der französischen Niederlage von 1871 sowie den Kriegsberichten seines Großonkels Joseph Lefebvre, eines katholischen Priesters, der als junger Mann in der Grande Armée gedient hatte, wuchs in Pétain der Wunsch, seinem Land als Soldat zu dienen. Zur Vorbereitung auf die angestrebte Offizierslaufbahn wechselte er 1875 auf das von Dominikanern geleitete Collège Albert-le-Grand nach Arcueil (Département Val-de-Marne).
Am 25. Oktober 1876 trat Pétain als 403. von 412 Kadetten in die nationale Militärschule Saint-Cyr ein. Die zweijährige Offiziersausbildung schloss er als 229. von 336 Absolventen seines Jahrgangs (N°61 de Plewna) erfolgreich ab.
Nach der Militärschule ging Pétain zur Infanterie und diente im Rang eines Sous lieutenant dem 24e bataillon der Chasseurs à pied in Villefranche-sur-Mer (1878–1883), anschließend fünf Jahre lang als Lieutenant dem 3e bataillon in Besançon. Pétain galt als distinguiert, kühl und intelligent. Von 1888 bis 1890 absolvierte er die Ausbildung zum Generalstabsoffizier an der Pariser École supérieure de guerre, die er als Capitaine beendete (14e promotion). In der Folge trat Pétain seine ersten Stabsstellen beim XV. Armeekorps in Marseille (1890–1892) und dem 29e bataillon der Chasseurs in Vincennes (1892/93) an, ehe er 1893 in den Stab des Pariser Militärgouverneurs Général Félix Gustave Saussier berufen wurde. Unter dessen Nachfolgern Émile Auguste Zurlinden und Henri Joseph Brugère war Pétain Ordonnanzoffizier. Im Verlauf seiner Offizierskarriere zeigte Pétain wenig Interesse an einer Verwendung innerhalb des wachsenden Kolonialreichs und wurde, für damalige Verhältnisse unüblich, ausschließlich an Standorten im Mutterland eingesetzt. Um seine Karriere nicht zu gefährden, behandelte Pétain seine politischen Ansichten äußerst diskret, und in Bezug auf die Dreyfus-Affäre ist seine Haltung nicht bekannt.
Pétain erlebte einen verhältnismäßig langsamen militärischen Aufstieg und verblieb 22 Dienstjahre in der Gruppe der Subalternoffiziere. Erst 1900 erhielt er die Stellung eines Bataillonschefs in Amiens (8e bataillon der Chasseurs à pied) unter gleichzeitiger Ernennung zum Instrukteur an der École normale de tir in Châlons-sur-Marne. Dort machte Pétain aufgrund der unkonventionellen Ablehnung einer reinen Offensivstrategie auf sich aufmerksam und stand mit dieser alternativen Haltung im Gegensatz zur Offensive à outrance, der taktischen Doktrin der Armeeführung. Für die führenden Militärtheoretiker, Ferdinand Foch und Louis Loyzeau de Grandmaison, war eine defensive Grundhaltung die Hauptursache der französischen Niederlage von 1871. Um den objektiven deutschen Vorteil der höheren Bevölkerungszahl auszugleichen, sollte die Armee in einem offensiven Geist, ohne Rücksicht auf gegnerische Absichten, ausgebildet werden. Nur auf diese Weise könne man Elsaß-Lothringen für Frankreich zurückgewinnen. Beeindruckt von der enormen Feuerkraft der modernen Maschinengewehre, zeigte sich Pétain skeptisch und hielt die strategische Offensive für nicht mehr vertretbar. Er glaubte nicht an die Durchschlagskraft fanatischer, frontal geführter Sturmangriffe. Dies müsse unweigerlich zu einem Massaker führen. Vielmehr verlangte Pétain eine hohe Feuergeschwindigkeit und Schussgenauigkeit, während die gesteigerte Waffenwirkung eine sichere Deckung der Truppen notwendig mache („Wenn nötig, lasst euch töten. Aber mir wäre lieber, ihr tut eure Pflicht und bleibt am Leben“). Seine gegensätzlichen Ansichten, die er unter dem Schlagwort «Le feu tue» (Feuerkraft tötet) zusammenfasste, behinderten Pétains militärischen Aufstieg. Nach nur sechs Monaten wurde er als Instrukteur wieder abgelöst und zum 5e régiment d’infanterie versetzt.
Trotz der kritischen Betrachtung seiner taktischen Ideen wirkte Pétain zwischen 1901 und 1903 sowie 1904 und 1907 an der École supérieure de guerre. Zunächst als Hilfsprofessor für Infanterie-Taktik, dann besetzte er den Lehrstuhl für Infanterie. Neben seinem Lehrauftrag verfasste er Memoranden zur Verbesserung des Zusammenspiels zwischen Infanterie und Artillerie, einem Bereich, der durch den französischen Generalstab vernachlässigt worden war. Mit seiner unverhohlenen Geringschätzung für die Offensive à outrance blieb Pétain innerhalb des Offizierskorps ein Außenseiter und fand auch bei seinen Vorgesetzten keine Unterstützung. Nachdem Foch die Leitung der Kriegshochschule übernommen hatte, löste er Pétain als Dozent ab und veranlasste seine vorübergehende Versetzung als Lieutenant-Colonel zum 118e régiment d’infanterie im entlegenen Quimper. Zwischen 1908 und 1911 kehrte Pétain letztmals als Taktik-Professor an die École supérieure de guerre zurück.
Nach seiner Lehrtätigkeit wechselte Pétain am 26. Juni 1911 wieder in die Truppenführung und übernahm im Rang eines Colonel das 33e régiment d’infanterie in Arras. Dort gehörte der junge Charles de Gaulle ab 1912 dem Regimentsstab an. Als man Pétain am 20. März 1914 den Befehl über die 4e brigade d’infanterie in Saint-Omer übertrug, verwehrte ihm das Kriegsministerium die damit verbundene Beförderung zum Général de brigade. Daraufhin begann Pétain, der in seinen 36 Dienstjahren an keinem Kampfgeschehen aktiv teilgenommen hatte, nach einer unauffällig verlaufenen Karriere mit den Vorbereitungen auf seinen Ruhestand.