Philip „Phil“ Ramone (* 5. Januar 1934 in Südafrika; † 30. März 2013 in New York City) war ein US-amerikanischer Besitzer von Tonstudios, Toningenieur und Musikproduzent.
Bereits im Alter von drei Jahren begann er, Violine zu spielen, und schon 1951 spielte der talentierte Ramone bei einer Command Performance für Königin Elisabeth II. Im selben Jahr 1951 beschwerte sich sein Musiklehrer zu Recht, dass er beim Violinspiel die Musik nicht von Notenblättern ablas, sondern auswendig spielte. Bei RCA wirkte er am 15. Januar und 28. Dezember 1953 in Orchestern bei Aufnahmesessions für die Fernsehserie Kate Smith Hour mit. Am 14. Dezember 1953 erhielt der Südafrikaner die US-Staatsbürgerschaft. Ab 1954 besuchte er die berühmte Juilliard School of Music, wo er eine klassische Violinausbildung erhielt und der Jazzklarinettist Phil Woods sein Klassenkamerad war.
Erste Erfahrungen im Tonstudio
Sein erster Job im Tonstudio waren Geigenaufnahmen in den New Yorker JAC Recording Studios für Demozwecke. Diese Tonstudios gehörten Jack Arnold (Piano) und Charles Leighton (Jack and Charles) und waren in Leightons Penthouse-Appartement untergebracht. Hier lernte Ramone die Studioarbeit und Quincy Jones kennen, der sein Interesse an Jazz weckte. Mittellos, besorgte sich Ramone 4.000 Dollar und mietete im November 1958 zusammen mit Jack Arnold Räume in der 112 West 48 Street, nur 14,6 × 11,5 Meter groß und ursprünglich für Werbefilmaufnahmen genutzt. Arnold wurde Partner von Ramone. Sie benannten die unabhängigen Tonstudios A&R Recording Inc. nach den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen. Anfangs gab es hier zwei Ampex-Tonbandmaschinen (Ampex 300, Drei-Spur und 350 Zwei-Spur). Sein Gründungspartner Jack Arnold fiel krankheitsbedingt oft aus und ließ sich durch seinen Sohn vertreten. Im Dezember 1958 wurde bei A&R Bill Schwartau als Chefingenieur eingestellt, Arthur Downs Ward war Präsident und Ramone Vizepräsident des Tonstudios. Das erste wichtige Album für A&R und Ramones Durchbruch war das zwischen dem 6. Mai und 23. Juni 1959 entstandene Album The Genius of Ray Charles, produziert von Jerry Wexler, arrangiert von Quincy Jones; Ramone assistierte den Toningenieuren Tom Dowd und Bill Schwartau (veröffentlicht im Oktober 1959, Rang 17 der US-LP-Charts). Obwohl Atlantic Records eigene berühmte Tonstudios besaß, wurde diese LP in den A&R-Studios aufgenommen, weil Tom Dowd vom Sound überzeugt war. In Ramones neuem Studio war die Decke 3,65 Meter hoch, was bei den Aufnahmen für Raum und Tiefe sorgte.
Nächster Meilenstein war das letzte Jazz-Album von John Coltrane wieder für Atlantic Records, Olé Coltrane, das am 25. Mai 1961 von Ramone eingepegelt wurde und erst im Februar 1962 auf den Markt kam. Danach übernahm Brooks Arthur die 50%ige Beteiligung von Arnold. Ramone installierte das Soundsystem und führte den Soundcheck bei Präsident Kennedys vorgezogener Geburtstags-Party am 19. Mai 1962 (also 10 Tage vor dem eigentlichen 45. Geburtstag) im Madison Square Garden durch, damit Marilyn Monroe „Happy Birthday, Mr. President“, begleitet vom Orchester Hank Jones vor 15.000 amüsierten Gästen singen konnte. Danach produzierte er am 13. September 1962 die Quincy-Jones-LP Big Band Bossa Nova.
Für Lesley Gore entstanden unter seiner Aufsicht die Single-Hits It’s My Party (aufgenommen am 30. März 1963; Rang #1 der US-Single-Hitparade), Judy’s Turn to Cry (14. Mai 1963; #5) und 1964 You Don’t Own Me (Dezember 1963; #2). Ramone fungierte bei Lesley Gore als Toningenieur neben dem Produzenten Quincy Jones; im Wege des Overdub sang sie nochmals über ihre im Bell Sound Recording Studio bereits vorproduzierte Originalstimme. Sie verschaffte Ramone den ersten Tophit als Toningenieur.
In den A&R-Studios entstand Ramones erster Hit als Produzent, die Single More (27. Mai 1963) für Kai Winding, der mit diesem Instrumentalhit bis auf Rang 8 der US-Hitparade vordringen konnte. Ramone pegelte für Kai Winding unter Produzent Creed Taylor die LP Jazz For Playboys (5. Februar 1963) sowie die EP !!!More!!! (31. Mai 1963) ein. Am 3. Oktober 1963 wurde für Kai Winding das in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Time is on my Side aufgenommen. Im Hintergrund der von Creed Taylor produzierten Aufnahme sang ein Chor mit Cissy Houston, Dionne und Dee Dee Warwick, später wurde sie ein Hit für die Rolling Stones. Windings Posaune übernahm in diesen Instrumentalstücken die Rolle des Sängers.
Am 8./9. und 27. Februar 1963 pegelte Ramone für Stan Getz/Luiz Bonfá die LP Jazz Samba Encore! ein. Am 9./10. Mai 1963 war Phil Toningenieur für Antônio Carlos Jobims LP Quiet Nights. Erneut stand Stan Getz (Tenorsaxophon) am 18. und 19. März 1963 für die LP Getz/Gilberto bei A&R vor den Mikrofonen (Creed Taylor produzierte mit João Gilberto/Gitarre, Antonio Carlos Jobim/Piano, Otavio Bailly bzw. Sebastião Neto bzw. Tommy Williams/Bass und Milton Banana/Schlagzeug). Dabei wurde am 19. März 1963 der Bossa-Nova-Klassiker The Girl from Ipanema mit Astrud Gilberto, deren Erstlingsaufnahme fünf Takes benötigte, aufgezeichnet. Das Album wurde mit einem Grammy als „Best Engineered Recording 1964“ ausgezeichnet – die erste wesentliche Ehrung für Ramone. Zwischen dem 2. und 3. November 1964 entstand der größte Teil der Donald-Byrd-LP Up With Donald Bird bei A&R Recording, am 22. November 1963 wurde die Woody-Herman-LP Satin Doll aufgenommen. Wes Montgomery ließ seine LP Movin’ Wes (11. / 16. November 1964) hier verewigen.
Erste Kontakte zum bedeutenden Popmusik-Komponisten Burt Bacharach entstanden, als dieser am 8. Februar 1965 die Single Trains And Boats And Plains / Don’t Go Breaking my Heart in London aufnahm. Das verzerrte E-Piano der A-Seite war der schwachen britischen Aufnahmequalität geschuldet, und auch der eigens eingeflogene Ramone konnte das nicht mehr verbessern. Zwischen Ramone und Bacharach sollte sich wenige Monate später eine erfolgreiche Partnerschaft entwickeln.
Im September 1966 nahm Ramone die Thad Jones/Mel Lewis Orchestra-Jazzalben Presenting Thad Jones (Mel Lewis & the Jazz Orchestra) und Joe Williams and Thad Jones (Mel Lewis & the Jazz Orchestra) in seinen A&R-Studios auf. Jones und Lewis traten mit ihrer Jazzband live im Village Vanguard am 28. April 1967 auf, was Ramone für eine gleichnamige LP verewigte. Ramone überwachte zusammen mit Brooks Arthur 9 Titel für den jungen Neil Diamond ab Februar 1966, veröffentlicht am 29. Oktober 1966 auf der LP The Feel of Neil Diamond (Solitary Man, Februar 1966 oder Kentucky Woman, September 1967), I’m a Believer (Februar 1967) und I Got the Feelin’ (September 1967).
Ab 1966 kam Burt Bacharach häufiger in die A&R-Studios, nachdem er für Dionne Warwick die bisher genutzten Bell Sound Studios nicht buchen konnte. Deren siebte LP Here Where There is Love (enthielt die Single-Hits I Just Don’t Know What to do With Myself und Alfie) war die erste in der Zusammenarbeit zwischen Ramone als Toningenieur und Bacharach/Warwick, und wurde am 4. Dezember 1966 veröffentlicht. Am 9. April 1966 entstand bei A&R der Millionenseller I Say a Little Prayer als Teil der Warwick-LP The Windows of the World, die am 9. April 1966, 13. April 1966 und 6. Juni 1966 aufgenommen wurde und erst im August 1967 erschien. Die Sessions mit ihr waren mit 8 Violinen und je 2 Violen und Celli orchestriert. Ebenso wichtig war die Bläsersektion, die im Tandem mit den Streichern zum Einsatz kam. Bei Warwick-Aufnahmen war das Schlagzeug nicht so dominant wie sonst in der Popmusik üblich. Bacharach arrangierte, dirigierte, produzierte und spielte Piano auf der erst im Oktober 1967 veröffentlichten Single. Es folgte die LP Valley of the Dolls (Hits Do You Know the Way to San Jose, 6. Juli 1967 und der Titelsong), aufgenommen am 13. April 1966, 6. Juni 1966 und 6. Juli 1967. Die LP Promises Promises entstand am 7. Juli 1968, 1. und 2. September 1968 und gewann einen Grammy als „Best Score from Original Cast Album“. Insgesamt entstanden bei A&R 8 Hitsingles von Dionne Warwick mit einer so starken Stimme, dass Overdubbing nicht erforderlich war. Es handelte sich meist um Live-Aufnahmen, also ohne vorher aufgenommene Musikspur. Nach Zwischenstationen in anderen Studios kehrte sie erst 1972 für ihre LP Dionne zu A&R zurück.