An diesem Tag

Peter Weiss

Deutsch-schwedischer Schriftsteller, Maler, Graphiker

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Peter Ulrich Weiss (Pseudonym: Sinclair; * 8. November 1916 in Nowawes bei Potsdam; † 10. Mai 1982 in Stockholm) war ein deutsch-schwedischer Schriftsteller, Maler, Grafiker und Experimentalfilmer.

Peter Weiss erwarb sich in der deutschen Nachkriegsliteratur gleichermaßen als Vertreter einer avantgardistischen, minutiösen Beschreibungsliteratur, als Verfasser autobiographischer Prosa wie auch als politisch engagierter Dramatiker einen Namen. Internationalen Erfolg erzielte er mit dem Stück Marat/Sade, das mit dem US-Theater- und Musicalpreis Tony Award ausgezeichnet wurde. Das dem dokumentarischen Theater zugerechnete „Auschwitz-Oratorium“ Die Ermittlung führte Mitte der 1960er Jahre zu breiten vergangenheitspolitischen Auseinandersetzungen (der sog. Vergangenheitsbewältigung). Als Weiss’ Haupttext gilt der dreibändige Roman Die Ästhetik des Widerstands, eines der „gewichtigste[n] deutschsprachige[n] Werk[e] der 70er und 80er Jahre“. Weniger bekannt sind Weiss’ frühe, surrealistisch inspirierte Arbeiten als Maler und experimenteller Filmregisseur.

Kindheit und Jugend bei Berlin und in Bremen

Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in Nowawes bei Potsdam, in der damaligen Berliner Straße 146 (heute: Rudolf-Breitscheid-Straße 232), als ältester Sohn der aus der Schweiz stammenden Schauspielerin Frieda Weiss (geborene Hummel, 1885–1958) und des ungarischen Staatsbürgers Eugen „Jenö“ Weiss (1885–1959) geboren. Peter Weiss’ Vater nahm nach dem Ersten Weltkrieg die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an. Peter Weiss hatte zwei Halbbrüder, Arwed (1905–1991) und Hans (1907–1977), aus der ersten Ehe der Mutter mit dem zwanzig Jahre älteren Regierungsbaumeister Ernst Thierbach in Düsseldorf und Bochum, die 1912 geschieden wurde. Nach der Scheidung trat Frieda Weiss zwischen 1913 und 1915 zunächst neben Friedrich Wilhelm Murnau „in führenden Rollen auf Reinhardts Bühne“ auf, darunter als die Mutter in Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti am Deutschen Theater in Berlin. Zugunsten einer erneuten Familiengründung brach Frieda Weiss 1915 ihre Theaterlaufbahn ab. Sie heiratete den ungarischen Textilkaufmann Jenö Weiss, der zu dieser Zeit als Oberleutnant der k.u.k. Armee im galizischen Przemyśl stationiert war. Nach Peter wurden die Geschwister Irene (1920–2001), Margit Beatrice (1922–1934) und Gerhard Alexander (1924–1987) geboren.

Nach Jenö Weiss’ Entlassung aus dem Militärdienst siedelte die Familie 1918 nach Bremen über und wohnte von 1921 bis 1923 in der Neustädter Grünenstraße. Jenö Weiss gründete ein erfolgreiches Textilwarengeschäft (Hoppe, Weiss & Co.), das der Familie in den frühen zwanziger Jahren zu einem gehobenen Lebensstandard verhalf. Zeitweilig beschäftigte die Familie Weiss eine Köchin, eine Haushaltshilfe und ein Kindermädchen im Haushalt. 1920 konvertierte Jenö Weiss zum Christentum; fortan wurde in der Familie über die jüdische Abkunft des Vaters – bis 1938 – nicht mehr gesprochen. 1928 wurde Peter Weiss für knapp fünf Monate nach Tübingen geschickt. 1929 kehrte die Familie nach mehreren Umzügen innerhalb Bremens nach Berlin zurück. Peter Weiss besuchte das Heinrich-von-Kleist-Realgymnasium in Schmargendorf, das sich durch eine vergleichsweise liberale Atmosphäre auszeichnete. Zu Beginn der dreißiger Jahre entwickelte Weiss ein gesteigertes Interesse an Kunst und Kultur: „In diesen Jahren, zwischen 1931 und 1933, erwarb ich meine ganzen Literaturkenntnisse, den ganzen Hesse, den ganzen Thomas Mann, den ganzen Brecht, alles lasen wir damals als ganz junge Leute.“ Unter Anleitung von Eugen Spiro, einem Mitglied der Berliner Secession, begann er, an einer Zeichenschule zu malen. Seine Vorbilder waren die deutschen Expressionisten Emil Nolde, Paul Klee und Lyonel Feininger.

Jenö Weiss versuchte, sich in dieser Zeit zu assimilieren, und bemühte sich um die deutsche Staatsbürgerschaft. Jenö Weiss war „fasziniert von Hitler und dessen pompöser Verachtung des Kommunismus.“ So überrascht nicht, dass Peter Weiss nicht von seinen Eltern, sondern eher beiläufig durch einen seiner Halbbrüder erfuhr, dass sein Vater ein zum protestantischen Glauben konvertierter Jude war. Angesichts der ungewissen Zukunft der Familie Weiss in Deutschland veranlasste der Vater den Wechsel seines Sohnes vom Realgymnasium zur Rackow-Handelsschule. Dort lernte Weiss „Schreibmaschine und Stenographie“.

Die unmittelbar folgenden Jahre im Ausland hatten aufgrund der verschwiegenen jüdischen Herkunft des Vaters vordergründig zunächst noch den Charakter von Lehr- und Wanderjahren für Peter Weiss. Von Anfang 1935 bis Ende 1936 lebte Weiss’ Familie in Chislehurst im Südosten Londons. Kurz vor der Abreise starb Peters jüngere Schwester Margit Beatrice im Alter von zwölf Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Dies war ein Ereignis, das das Familiengefüge dauerhaft aus dem Gleichgewicht brachte. Weiss erlebte den Tod seiner Schwester als „Anfang von der Auflösung unserer Familie“. In London besuchte Weiss die Polytechnic School of Photography, um entgegen den Vorstellungen der Eltern vom beruflichen Werdegang des Sohns „wenigstens Photographie lernen“ zu können. Weiss malte unter anderem Die Maschinen greifen die Menschen an und schrieb Bekenntnis eines großen Malers. Wenig später improvisierte er seine erste Ausstellung „in einem Raum über einer Garage in einer versteckten Seitengasse“ Londons (Little Kinnerton Street).

1936 siedelte die Familie nach geschäftlichen Zerwürfnissen in die nordböhmische Stadt Warnsdorf über. Peter besaß wie der Vater und seine Geschwister die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. „Hier fing das Schreiben wieder an und wurde gleichzeitig mit der Malerei betrieben. Meine ersten Manuskripte sind damals geschrieben und gezeichnet worden.“

In Zusammenhang mit seinem Skruwe-Manuskript stellte Weiss im Januar 1937 Kontakt zu Hermann Hesse her. Dessen Werke waren für ihn Spiegel, „in denen eine sehnsüchtige Identifizierung gebannt ist“. Weiss wurde in seinen künstlerischen Ambitionen von Hesse ermuntert und besuchte den späteren Nobelpreisträger im Sommer desselben Jahres erstmals in Montagnola im Tessin. Zahlreiche Weiss-Texte dieser Zeit schöpfen aus der Dichtung und Bilderwelt Hesses. Hesses Zuspruch bestärkte Weiss in der Entscheidung zu einem Studium an der Kunstakademie Prag, das Weiss im Herbst 1937 bei dem Maler Willi Nowak aufnahm. Für seine Gemälde Das große Welttheater und Das Gartenkonzert wurde er 1938 mit dem Akademiepreis ausgezeichnet.

Nachdem sich NS-Deutschland im Oktober 1938 infolge des Münchner Abkommens das Sudetenland einverleibt hatte, wurde Peter Weiss eine Rückkehr nach Warnsdorf unmöglich. Weiss’ Eltern gelang mit Unterstützung der Söhne aus erster Ehe von Frieda Weiss, die in Deutschland zurückgeblieben waren, die legale Übersiedlung zunächst nach Borås, dann nach Alingsås in Südschweden. Eugen Weiss wurde Geschäftsführer einer neuen Textilfabrik (SILFA) in Alingsås. Peter Weiss selbst ging zunächst in die Schweiz, erlebte ab Februar 1939 in Schweden dann angesichts ungewohnter sprachlicher Probleme das Emigrationsproblem als 22-Jähriger in aller Schärfe. Die Eltern bemühten sich noch, die „Lebenslüge“ aufrechtzuerhalten, sie hätten Deutschland aus wirtschaftlichen und nicht aus politischen Gründen verlassen. Peter verdiente seinen Lebensunterhalt (200 Kronen) unter anderem als Textilmusterzeichner in der väterlichen Fabrik und an privaten Malschulen.

Frühe Prosaarbeiten und Filme in Schweden

Peter Weiss zog Ende 1940 nach Stockholm, wo er seitdem bis zu seinem Tod überwiegend lebte. Außer zu dem Journalisten Max Barth, dem Bildhauer Karl Helbig und dem Sozialmediziner Max Hodann hatte Weiss kaum Kontakte zu anderen Emigranten. Er verblieb „ganz am Rande der politischen Emigration, was er später, als er sich zu ihrem epischen Chronisten machte, mehrfach und bedauernd anmerkt.“ Weiss widmete sich vor allem seiner künstlerischen Arbeit. Es entstanden die Gemälde Jahrmarkt am Stadtrand, Zirkus und Villa mia. Im März 1941 folgte eine erste offizielle Ausstellung von Weiss’ Werken in den Stockholmer Mässhallen. Gegenüber Freunden beklagte sich der junge Maler angesichts von „chauvinistischen, idiotischen Kritiken“ über einen herben Fehlschlag; er geriet in eine erste Schaffenskrise.

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