Peter Sloterdijk (Aussprache [ˈsloːtɐˌdaɪk]; * 26. Juni 1947 in Karlsruhe) ist ein deutscher Philosoph, Kulturwissenschaftler und Publizist, der mit seinen Beiträgen und Büchern in Deutschland zahlreiche Debatten ausgelöst hat. Er lehrte bis 2017 an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Philosophie und Ästhetik. Sein thematisch weit ausgreifendes publizistisches Schaffen ist mit verschiedenen Preisen geehrt worden.
Peter Sloterdijks deutsche Mutter, Jahrgang 1915, hatte auf dem Luisen-Gymnasium in München um das Jahr 1934 ihr Abitur gemacht. Während des Zweiten Weltkrieges war sie als Radarüberwacherin der Wehrmacht in den Niederlanden stationiert. Nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt, verschlug es sie zunächst nach Karlsruhe, wo sie ihren niederländischen Ehemann kennenlernte, von dem sie bald ihr erstes Kind erwartete. Der Vater, ein desertierter Marinesoldat, arbeitete als Fernfahrer. Peter Sloterdijks Geburt war kompliziert, gefolgt von einer schweren Gelbsucht aufgrund einer Rhesus-Inkompatibilität bei den Eltern. Die Ehe der Eltern hielt nicht lange, so dass Peter und seine Schwester zunächst in der Obhut ihrer Mutter aufwuchsen, später auch in der ihrer Münchener Großeltern.
Sloterdijk erklärte später, er habe Bemutterung erfahren, aber keine „Bevaterung“. Deshalb habe er sich seine „Väter oder Instruktoren“ selbst „zusammensuchen“ müssen. An anderer Stelle führte er aus: „In Autoritätsfragen war ich sozusagen zur Autodidaktik verurteilt. Und wer aus einer solchen Perspektive heraus seine Vorbilder sucht, der greift wahrscheinlich hoch.“ In einem drastischen Text aus dem Jahr 1980 beschrieb er die fatalen emotionalen Prägungen aus seiner Kindheit, von denen er sich als Erwachsener zu lösen versuchte: die emotionale Treue zu seiner unglücklichen Mutter, die zu seinem traurigen Lebensgefühl geführt hatte, und der vergebliche Versuch, sich innerlich auf die Seite des abwesenden Vaters zu stellen, um endlich dessen Anerkennung zu bekommen.
Als Sloterdijk fünf Jahre alt war, zog die Familie von Karlsruhe in einen Münchener Vorort. Dort besuchte er das Wittelsbacher-Gymnasium bis zum Abitur, mit einer kurzen Unterbrechung um das Jahr 1957, als er in ein Internat am Ammersee kam, aus dem er mit Freunden floh. Bereits als 16-Jähriger hatte Sloterdijk Kants Kritik der reinen Vernunft und noch vor dem Abitur „praktisch alles von Nietzsche“ gelesen.
Von 1968 bis 1974 studierte Sloterdijk in München und Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. Bereits 1971 erstellte er seine Magisterarbeit mit dem Titel Strukturalismus als poetische Hermeneutik. In den Jahren 1972/73 folgten ein Essay über Michel Foucaults strukturale Theorie der Geschichte sowie eine Studie mit dem Titel Die Ökonomie der Sprachspiele. Zur Kritik der linguistischen Gegenstandskonstitution. Sloterdijk war Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.
Während des Studiums hatte Sloterdijk, um sich den Inhalt des Gelesenen noch gründlicher anzueignen, die Angewohnheit, nach der Lektüre eines Buches dessen Inhalt in sauberer Handschrift oder mithilfe der Schreibmaschine und mit Zitaten gespickt wiederzugeben; "zahlreiche verstaubte Ordner und Mappen voller Exzerpte" aus seiner Studienzeit um 1970 "zeugen von einem ungewöhnlichen Lesehunger und einer beeindruckenden Arbeitsdisziplin."
1976 wurde er aufgrund seiner von Klaus Briegleb betreuten Doktorarbeit zum Thema Literatur und Organisation von Lebenserfahrung, Gattungstheorie und Gattungsgeschichte der Autobiographie der Weimarer Republik 1918–1933 durch den Fachbereich Sprachwissenschaften der Universität Hamburg promoviert. Retrospektiv äußerte er über jene Lebensphase: „Ich selbst war um 1975 nahe daran, ein Öko-Apokalyptiker zu werden, fest überzeugt, dass im globalen Massstab sofort etwas geschehen müsse: «Aufschub ist Verbrechen.»“
Zwischen 1978 und 1980 hielt sich Sloterdijk im Aschram von Bhagwan Shree Rajneesh (später Osho) im indischen Poona auf. Nach seiner Rückkehr nach München trug er noch etwa zwei Jahre lang die orangefarbene Tracht der Bhagwan-Anhänger.
1997 sagte er, diese Reise nach Indien sei für ihn lebenswichtig gewesen, und er lebe noch immer „von den Metamorphosen dieser Impulse“. In einem Interview beschrieb er die „Umstimmungserfahrung“, die er in Indien erlebt hatte, als irreversibel und erklärte: „Wer sie gemacht hat, wird unempfänglich für Theorien, in denen die Depression immer Recht hat. […] Man lebt unter einem helleren Himmel.“ In einem anderen Interview drückte er es so aus: „Nach Poona war ich psychisch nicht mehr unter meiner deutschen Adresse erreichbar. Es begann etwas, was ich einmal die Osterweiterung der Vernunft genannt habe. Mit diesem Impuls kam eine tiefe Aufheiterung in mein Dasein. Ich war plötzlich befreit von dem psychosozialen Tiefdruckgebiet, das über meinem Leben und dem meiner Generation gehangen hatte.“
Seit den 1980er Jahren arbeitet Sloterdijk als freier Schriftsteller, als „philosophierender Schriftsteller“, wie er selbst sagt. In seinen Schriften hat er eine „populärphilosophische Anthropologie“ vorgelegt. Sein kulturkritisch-essayistisches Denken hat seinen Ursprung in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, die er später für „tot“ erklärte. Er begründete dies damit, dass die Kritische Theorie ihre Aufgabe, „als Ziviltheologie der Bundesrepublik zu fungieren“, nicht mehr überzeugend wahrnehmen könne.
Sein erster großer Erfolg gelang ihm mit der Kritik der zynischen Vernunft aus dem Jahr 1983. Sloterdijk äußerte hierzu: „Bis dahin hatte ich ein Leben im Aufschub geführt, ich habe prokrastiniert, wie die jungen Leute heute so schön sagen.“ 1999 wurde Sloterdijk zusammen mit Ulrich Beck und Jürgen Habermas Programmberater des Suhrkamp Verlags.
Die Regeln für den Menschenpark erregten 1999 eine heftige öffentliche Debatte. Sloterdijk wurde vorgeworfen, für eine faschistoide Züchtungsideologie plädiert zu haben. Um die Jahrtausendwende entstand sein „Opus magnum“, die Sphären-Trilogie (1998, 1999, 2004). 2012 erweiterte er seinen Tätigkeitsbereich als Autor, als er das Libretto der Oper Babylon von Jörg Widmann schrieb.
Laut einem Interview aus dem Jahr 2014 notiert Sloterdijk seit 1972 jeden Tag seine Gedanken in DIN-A4-Notizbüchern mit jeweils 192 Seiten Umfang. Er hatte damals bereits 124 Notizbücher gefüllt.
Im Jahr 1988 hielt Sloterdijk die Frankfurter Poetik-Vorlesungen im Rahmen der Stiftungsgastdozentur für Poetik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Von 1992 bis 2017 hatte er den Lehrstuhl für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe inne. Zudem wurde er 1993 Leiter des Instituts für Kulturphilosophie an der Akademie der bildenden Künste in Wien, bis er 2001 eine Vertragsprofessur am Ordinariat für Kulturphilosophie und Medientheorie in Wien übernahm. Von 2001 bis 2015 war er als Nachfolger von Heinrich Klotz Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der er zusätzlich zur administrativen Leitung auch weiterhin lehrte.
Daneben war er Gastdozent am Bard College im US-Bundesstaat New York, am Collège international de philosophie in Paris, am Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich.
Im Sommersemester 2024 übernahm Sloterdijk eine Gastprofessur am Collège de France.
Kontroverse um seinen ehemaligen Assistenten Marc Jongen