Peter Petersen (* 26. Juni 1884 in Großenwiehe bei Flensburg; † 21. März 1952 in Jena) war ein deutscher Reformpädagoge und Professor an der Universität Jena sowie der Begründer der Jenaplan-Reformpädagogik. Er prägte den Begriff Frontalunterricht für den Klassenunterricht, den sein Konzept in Frage stellte. Nachdem er sich zunächst für die Pädagogik Maria Montessoris begeisterte, wandte er sich in den Jahren um 1930 von ihr ab und besann sich nun auf die Ideen Fröbels.
Wegen restaurativer Äußerungen nach dem Zweiten Weltkrieg und weil seine Veröffentlichungen während der Zeit des Nationalsozialismus auch rassistische und antisemitische Ansichten enthielten, ist er in die Kritik geraten.
Peter Petersen wurde am 26. Juni 1884 in Großenwiehe in der Nähe von Flensburg geboren. Seine Familie bewirtschaftete einen eigenen Bauernhof. Petersen wuchs in einer bäuerlichen Lebensgemeinschaft als ältestes von insgesamt sieben Geschwistern auf. Das großfamiliäre Zusammenleben formte seinen Charakter und prägte seine pädagogische Arbeit. Petersens gesamte Pädagogik dreht sich um die Lebensgemeinschaft. Auch der religiöse Charakter von Petersens Werk geht wesentlich auf den Einfluss seines evangelisch-lutherischen Elternhauses zurück. Die Einbindung des Menschen in die Gemeinschaft hat für den erzieherischen Erfolg, worunter Petersen die Vergeistigung versteht, höchste Priorität.
Petersens familiärer Hintergrund hat auf unterschiedliche Weise Niederschlag in seinem Erziehungskonzept gefunden. Familie ist für ihn die erste Zelle, aus der sich das von ihm angestrebte „Humane“ entwickeln kann. Dabei geht es ihm weniger um die „heile“ Familienwelt als um das Erleben einer „lebensechten“ und mit ihren Konflikten auch „lebensharten“ Familie. Er formuliert dies in der Führungslehre so:
Als förderlich für das Aufwachsen und Lernen junger Menschen erkennt Petersen auch das selbstverständliche und natürliche Miteinander von Jung und Alt, Erfahren und Unerfahren. Dies setzt er in der Jenaplan-Schule in den Stammgruppen um.
Weiter erlebte Petersen auf dem Hof seiner Familie sinnerfüllte Arbeit, die lebensnotwendig für die Gemeinschaft ist. Ihm wurde bewusst, dass Menschen dadurch Selbstbewusstsein und Selbstwert entwickeln. Ähnlich wie auf einem Bauernhof sieht Petersen die kindgerechte Schule als eine Lebensstätte, die ein überschaubarer und verstehbarer Ort sein kann und sollte, der von den Kindern als „Heimat“ empfunden werden darf.
In seinem Heimatort beeinflussten ihn seine beiden „begnadeten Dorfschulmeister“ am intensivsten. Er schrieb selbst von ihnen, dass sie ihm die allerbeste, grundlegende Bildung für sein Leben mitgegeben hätten. Mit ihrer Hilfe bewältigte er die Lerninhalte von acht in nur fünf Schuljahren. Ihr Unterricht war jahrgangsübergreifend (von sechs bis 14 Jahren) und so konnte er an den Diskussionen der Älteren teilnehmen und in den Pausen weiterarbeiten. Seine Lehrer gaben der unmittelbaren und tätigen Erfahrung mit Umwelt und Kultur den Vorrang vor Belehrung. Sie ließen den Schülern genug Zeit, um sich mit den für sie bedeutsamen und noch fragwürdigen Inhalten zu beschäftigen. Diese Erfahrungen bewogen ihn später, in der Führungslehre zu schreiben:
Außerdem machte Petersen in der Dorfschule die Erfahrung, dass sachliches Arbeiten und ehrliche Leistung nur dann möglich sind, wenn einem Kind genügend Zeit und Ruhe gelassen werden, so dass es sich der Sache mit Muße und Hingabe widmen kann. Er schrieb später:
Petersen hebt hervor, bei den Kindern entdeckendes Lernen zu fördern, ihnen den Freiraum zu geben, um zu gestalten, zu leben und darzustellen. Gleichzeitig warnt er davor, dass in Schulen „Papageienwissen“ eintrainiert wird, das zwar den Vorteil der einfachen Überprüfbarkeit habe, aber keinen Beitrag zur Humanisierung des Kindes leiste.
Gymnasium – Studium – Lehrer – Schulleiter
Im Jahre 1896 wechselte er auf das Flensburger Gymnasium. Er erfuhr hier, dass die autoritäre Schule des wilhelminischen Kaiserreiches ausschließlich an der Erziehung des Jugendlichen zu einem gehorsamen Untertanen und am Erhalt der gesellschaftlichen Strukturen interessiert war. Während die Gymnasialzeit eine Zeit der Einsamkeit und materieller Not war, wusste er um die finanziellen Entbehrungen seiner Familie für seine Ausbildung. Mit dem Abitur wechselte er 1904 an die Universität Leipzig, später Kiel, Kopenhagen und Universität Posen. Er studierte evangelische Theologie (Hauptfach), Philologie, Geschichte, Psychologie und Nationalökonomie und wurde in die empirische Forschung durch den Psychologen Wilhelm Wundt eingeführt. 1908 schloss er seine Dissertation bei Rudolf Eucken über die Philosophie Wundts ab. 1909 legte Petersen das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab und durchlief zunächst das Referendariat am Königin-Carola-Gymnasium in Leipzig.
Petersens erziehungswissenschaftliches Interesse und sein Reformgeist wurden geweckt, nachdem er während seines Referendariats an das humanistische Johanneum-Gymnasium in Hamburg wechselte, wo er als Oberlehrer bis 1919 tätig war. Neben seiner schulischen Verpflichtung arbeitete er ab 1912 als Vorstandsmitglied im Bund für Schulreform, in dem er drei Jahre später aufgrund seiner Expertise zu den bestehenden Schulreformvorstellungen zum Schriftführer in der nun umbenannten Arbeitsgruppe „Deutscher Ausschuss für Erziehung und Unterricht“ ernannt wurde. Er übernahm 1919 die Leitung der nach Alfred Lichtwark reformpädagogisch ausgerichteten Lichtwarkschule in Hamburg, in der junge Menschen selbstbestimmt und verantwortlich an der Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens teilhaben sollten. Parallel zu den beiden eben genannten Tätigkeiten wirkte Petersen zusätzlich in einer Hamburger Arbeitsgruppe an Ernst Meumanns „Institut für Jugendkunde“ mit, in dem alle Schul- und Unterrichtsfragen auf der Basis experimenteller Psychologie untersucht werden sollten, um so die neue Pädagogik begründen zu können. Petersens Erfahrungen während dieser Zeit bildeten die Ansatzpunkte für den späteren Jenaplan; es reifte in ihm die Vision einer allen Kindern zugänglichen Einheitsschule, in der Selbständigkeit und -tätigkeit zentral sind.
1920 wurde Petersen, der sich als strenggläubiger Lutheraner verstand, über Aristoteles-Rezeption im protestantischen Deutschland in Hamburg habilitiert. Seine Hoffnung auf den pädagogischen Lehrstuhl an der neu gegründeten Universität Hamburg erfüllte sich aber nicht, als ihm 1923 der unbedeutende, doch politisch genehme Gustaf Deuchler vorgezogen wurde. Petersen galt als nicht genügend demokratisch. In dieser Phase erlitt Petersen einen körperlichen Zusammenbruch mit wochenlangem Klinikaufenthalt.
In der Allgemeinen Erziehungswissenschaft (I. Teil, 1924; II. Teil, 1931; III. Teil 1954 posthum) entwarf er eine eigenständige systematische Erziehungswissenschaft, die aller Pädagogik, Didaktik und Methodik vorausgehen soll. 1925 folgte eine Darstellung zur Philosophie Wundts. Petersens Schwerpunkt verlagerte sich nun stärker auf praktische Fragen der Erziehung und Schule. 1923 berief ihn die Universität Jena auf den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft mit dem politisch unterstützten Auftrag, eine universitäre Volksschullehrerausbildung aufzubauen und das Verhältnis von pädagogischer Theorie und Praxis auf eine neue Grundlage zu stellen. Die angeschlossene Universitätsschule, in der die Theorie praktisch überprüft und umgekehrt die Praxis in die Theorie einfloss, wurde von Petersen in eine „Lebensstätte des Kindes“ umgewandelt. 1924 erschien zuerst in dänischer Sprache die Vortragssammlung zur Reformpädagogik Die Neueuropäische Erziehungsbewegung. Aufgrund der sich verschlechternden politischen Lage nutzte Petersen zum Ende der 1920er Jahre die weltweiten Einladungen, um über seine Pädagogik zu referieren. 1927 in Locarno auf der Tagung des „Weltbundes für Erneuerung der Erziehung“ (New Education Fellowship) wurde der Schulversuch Petersens von den Tagungsteilnehmern als Jenaplan tituliert und ging so in die pädagogische Geschichte ein. Diesem kleinen Jenaplan folgte der ausgearbeitete Große Jenaplan 1930–1934.