Peter Demetz (* 21. Oktober 1922 in Prag; † 29. April 2024 in New Haven, Connecticut) war ein US-amerikanischer Germanist.
Der Vater Hans Demetz (1894–1983), dessen ladinische Familie aus Südtirol nach Prag übersiedelt war, war u. a. Dramaturg am Deutschen Theater in Prag, Theaterdirektor am Deutschen Stadttheater in Brünn und Wien und spielte eine bedeutende Rolle in den Prager Literatenkreisen der Zwischenkriegszeit. Peter Demetz’ jüdische Mutter starb nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch das nationalsozialistische Deutschland im Konzentrationslager, und Demetz selbst musste Zwangsarbeit leisten. Nach Kriegsende studierte er an der Prager Karls-Universität Germanistik und promovierte 1948 zum Dr. phil. 1949 flüchtete er nach dem kommunistischen Putsch mithilfe tschechoslowakischer Pfadfinder über den Böhmerwald nach Bayern, wo er in ein Lager für Displaced Persons kam. Von 1950 bis 1952 arbeitete er als Redakteur bei Radio Freies Europa in München und wohnte zuletzt im Stadtteil Bogenhausen. In der tschechischen Redaktion erstellte er eine täglich Literatursendung mit Lyrik und Musik.
1953 wanderte Demetz in die Vereinigten Staaten aus und erhielt 1958 die US-Staatsbürgerschaft. Dort publizierte er eine der ersten tschechischen Anthologien: Neviditelný domov. Verše exulantú. 1948–1953 (Tschechisch: Die unsichtbare Heimat. Verse von Exilanten. 1948–1953), mit Lyrik, die er in München als Redakteur für Radio Free Europe recherchiert hatte.
Er erlangte 1954 an der Columbia University den Grad eines Master of Arts und 1956 an der Yale University die erneute Promotion zum Ph. D. 1956 wurde Demetz zunächst Dozent an der Yale University, 1958 dann Assistant Professor und 1960 Associate Professor. 1962 wurde er dort zum ordentlichen Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft berufen. Von 1963 bis 1969 war Demetz Direktor des Fachbereichs Germanistik in Yale, von 1972 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991 hatte er an derselben Universität die Sterling-Professur für Germanistik inne.
Bekannt wurde Demetz zunächst mit dem Essay über René Rilkes Prager Jahre, worin er den berühmten Dichter ins rechte Licht rückte. Demetz veröffentlichte Bücher und Aufsätze zu Theodor Fontane, zum Verhältnis von Literatur und Politik, zur deutschen Gegenwartsliteratur und zur Kultur und Geschichte Prags und Böhmens, insbesondere der Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren, die er selbst durchlebte. In Die Süsse Anarchie nahm der die deutsche Literatur ab 1945 kritisch unter die Lupe. Er gab Werke deutschböhmischer und -mährischer Schriftsteller heraus und übersetzte, zum Teil gemeinsam mit seiner ersten Frau, der Schriftstellerin Hanna Demetz (1928–1993), Werke tschechischer Autoren ins Deutsche. Er war neben Jiří Gruša, Peter Kosta, Eckhard Thiele und Hans Dieter Zimmermann einer der fünf Gesamtherausgeber der 33-bändigen Tschechischen Bibliothek, die von 1999 bis 2007 in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen ist. Ab 1974 war Demetz als Rezensent und Autor auch ständiger Mitarbeiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Demetz war darüber hinaus unter anderem von 1986 bis 1996 Mitglied und zeitweise Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Er war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.
Peter Demetz verstarb in der Nacht vom 29. zum 30. April 2024 im Alter von 101 Jahren.
Ehrungen, Preise und Mitgliedschaften (Auswahl)
1971: Goethe-Medaille des Goethe-Instituts, München
1977: Wahl zum Korrespondierenden Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt
1982: Aufnahme in die American Academy of Arts and Sciences
1984: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
1994: Johann-Heinrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt
1998: Wilbur Cross Medal der Yale University
2000: Verdienstmedaille der Tschechischen Republik
2004: Europäischer Kulturpreis Pro Europa
2012: Georg-Dehio-Buchpreis (Hauptpreis) des Deutschen Kulturforums östliches Europa, Potsdam
2014: Ehrendoktor der Philologie der Masaryk-Universität in Brünn (Tschechien)
Auf Deutsch erschienene Schriften