Peter Altenberg (* 9. März 1859 in Wien; † 8. Jänner 1919 ebenda; eigentlich Richard Engländer) war ein österreichischer Schriftsteller, der besonders für seine impressionistischen Prosaskizzen bekannt wurde. Er zählt zu den Wiener Originalen. Zunehmend kritisch diskutiert werden Altenbergs pädophile Neigungen, die er in seinen Texten und einer Sammlung von Porträtfotografien junger Frauen und Mädchen offen zur Schau gestellt hat.
Richard Engländer war Sohn von Moritz Engländer, einem jüdischen Kaufmann, und seiner Gattin Pauline, geb. Schweinburg. Sein Pseudonym wählte er nach der 13-jährigen Bertha Lecher, die Engländer in Altenberg an der Donau kennenlernte und die von ihren Brüdern „Peter“ gerufen wurde.
Er studierte erst Jus, dann Medizin, brach die Studien aber ab und nahm eine Buchhändlerlehre bei der Hofbuchhandlung Julius Weise in Stuttgart auf. Diese brach er ebenso ab wie einen erneuten Versuch des Jus-Studiums. 1895 verfasste er erste literarische Arbeiten, durch den Kontakt mit Karl Kraus kam es ab 1896 zu Veröffentlichungen (Skizzenband Wie ich es sehe). Im März bzw. April 1900 trat er „aus der israelitischen Religionsgemeinschaft“ aus, blieb dann zehn Jahre konfessionslos und ließ sich schließlich im Jahr 1910 in der Karlskirche taufen. Sein Taufpate war der Architekt Adolf Loos. Altenberg, der nach einer kurzen Zeit in München wieder nach Wien zurückgekehrt war, war dort schon zu Lebzeiten eine stadtbekannte Figur, um die sich Legenden rankten. 1904 riet er Marie Langs achtzehnjährigem Sohn Heinz, der sich an ihn gewandt hatte, weil seine Geliebte Lina Loos ihre gemeinsame Affäre beendet hatte, er solle sich umbringen, was dieser dann tat. Arthur Schnitzler verarbeitete den Vorfall in dem unvollendet gebliebenen „P.A.-Stück“ Das Wort.
Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, ein normales Berufsleben zu beginnen, attestierte ihm ein Arzt wegen einer „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben. Seither führte er das Leben eines Bohemiens und verbrachte die meiste Zeit in Kaffeehäusern.
Trotz Erfolges blieb Altenberg von Spenden abhängig, zu denen seine Freunde – darunter Karl Kraus und Adolf Loos – aufriefen. Seine letzten sechs Lebensjahre wohnte er in einem Zimmer im Graben-Hotel in der Dorotheergasse im Stadtzentrum. Nachdem er in den letzten zehn Lebensjahren häufig in Alkoholentzugs- und Nervenheilanstalten gewesen war, starb er an den Folgen einer Lungenentzündung am 8. Jänner 1919 in der III. Medizinischen Klinik (siehe: Franz Chvostek junior) des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Er wurde am 11. Jänner 1919 auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem später von der Stadtverwaltung ehrenhalber gewidmeten Grab bestattet (Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 84). Karl Kraus schloss seine Grabrede mit den Worten: „Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!“
In der Forschungsliteratur wird Altenbergs Neigung zu jungen Mädchen wiederholt offen benannt. Andrew Barker schreibt von „seinem offen zur Schau getragenen Gefallen an jungen Mädchen“ und von „Altenbergs schamlose[r] Leidenschaft für knabenhafte Mädchen“. Für Barker und Leo A. Lensing ist er ein „ewiger Anbeter von pubertären Mädchen mit ‚Gazellenbeinen‘“. Evelyne Polt-Heinzl hat 2008 erstmals und 2011 in einer Wiener Vorlesung umfangreich auf die „bedenkliche Neigung zur Pädophilie“ hingewiesen und kritisierte, dass „in der Forschung Altenbergs problematische Nähe zum Kindesmissbrauch ein Tabu oder zumindest eine Quanité négligeable“ darstelle. Im Nachlass von Peter Altenberg finden sich mehrere Aktbilder junger Mädchen. In seinem Zimmer im Graben-Hotel hingen „zahlreiche Photos halbwüchsiger Mädchen“. Weitere Bilder von Mädchen finden sich in seinen Postkartenalben. Heinz Lunzer zitiert Altenberg:
Oliver Pfohlmann schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung: „Die schamlose Begeisterung, mit der Altenberg in seinen Skizzen und Briefen seiner Pädophilie freien Lauf lässt und stolz berichtet, wie er eine auf seinem Schoss sitzende Siebenjährige auf den Mund geküsst habe, verschlägt einem schlicht die Sprache.“
Das Werk Peter Altenbergs besteht ausschließlich aus kurzen Prosatexten, die meistens als Prosaskizzen oder Prosagedichte kategorisiert werden. Es handelt sich dabei um Momentaufnahmen eines Gelegenheitskünstlers – flüchtige Eindrücke und Begegnungen sowie zufällig mitgehörte Gespräche, die das gesellschaftliche Leben der Wiener Moderne als sogenannte Kaffeehausliteratur skizzieren.
Altenberg selbst beschrieb den Prozess der Entstehung dieser Texte in einem Brief an Arthur Schnitzler folgendermaßen:
Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel schreibe ich so hin und hoffe, es wird sich schon etwas machen, was mit dem Titel in Zusammenhang steht.
Man muß sich auf sich verlassen, sich nicht Gewalt anthun, sich entsetzlich frei ausleben lassen, hinfliegen –. Was dabei herauskommt, ist sicher das was wirklich u. tief in mir war. Kommt nichts heraus, so war eben nichts wirklich und tief darin und das macht dann auch nichts.“
Die Kunst Peter Altenbergs besteht darin, mit wenigen „literarischen Pinselstrichen“ und teilweise „zwischen den Zeilen“ ein ganzes Netz von Beziehungen anzudeuten. Dabei versucht er nicht, das Leben auf einen Nenner zu bringen, sondern zeigt es in seiner oft widersprüchlichen Vielfalt. Eine wichtige Rolle in den Skizzen spielen sinnliche Eindrücke wie Farben und Gerüche. Altenberg gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Impressionismus.
Manche der kurzen Texte sind für die Bühne geeignet. Die nur zwei Buchseiten umfassende Szene „Masken“ für neun Sprecherinnen und deren Chor widmete Altenberg dem Architekten Josef Hoffmann; sie wurde 1907 im Kabarett Fledermaus aufgeführt, die Entwürfe für Bühnenbild und Kostüme stammten von Carl Otto Czeschka. Der mit Altenberg befreundete Schriftsteller Egon Friedell, der sich auch als Kabarettist und Conférencier betätigte, trug immer wieder auch Texte von Altenberg vor. Teile aus Friedells Gesprächen mit Altenberg erschienen später als Anekdoten, wobei Friedell die alleinige Autorenschaft beanspruchte. Friedell gab auch Das Altenbergbuch mit Texten von Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Polgar u. a. sowie Korrespondenzen von, an und über Altenberg heraus.
Einige von Altenbergs Texten wurden von Alban Berg und Hanns Eisler vertont.
Das Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek erwarb 2024 einen bedeutenden Teilnachlass von Peter Altenberg.
Im Jahr 1929 wurde in Wien in Döbling (19. Gemeindebezirk) die Peter-Altenberg-Gasse nach ihm benannt.
Im Wiener Café Central wurde er als lebensgroße, an einem Kaffeehaustisch sitzende Figur aufgestellt. (Die Figur wurde einst für die Wiener Festwochen angefertigt.) Im Büro des Wiener Bürgermeisters befindet sich eine ähnliche Figur: Peter Altenberg liest Zeitung.
Peter Altenberg: Wie ich es sehe. S. Fischer, Berlin 1896.