Paulus von Tarsus (griechisch Παῦλος Paûlos, hebräischer Name שָׁאוּל Scha’ul [Saul, umgangssprachlich (bzw. latinisiert) Saulus] lateinisch Paulus; * vermutlich vor dem Jahr 10 in Tarsus/Kilikien; † nach 60 nach Christus, vermutlich in Rom) war nach dem Neuen Testament (NT) der bedeutendste Missionar des Urchristentums und einer der ersten christlichen Theologen. Er trug entscheidend dazu bei, den neuen Glauben auch für Nichtjuden zu öffnen. Wegen seines großen theologischen Einflusses auf die Urgemeinde und die daraus hervorgegangene Bewegung sehen manche Gelehrte Paulus als den eigentlichen Gründer des Christentums.
Als griechisch gebildeter Jude und radikaler Pharisäer mit römischem Bürgerrecht war Paulus zunächst ein Christenverfolger der frühen Anhänger Jesu Christi, dem er jedoch zu dessen Lebenszeit nie begegnet war. Seit seiner Bekehrung jedoch, bei der ihm der auferstandene Jesus begegnet sein soll, verstand er sich als von Gott berufener Apostel des Evangeliums für die Heidenvölker (Gal 1,15 f. ). Als solcher verkündete er vor allem Nichtjuden den auferstandenen Jesus Christus. Dazu bereiste er den östlichen Mittelmeerraum und gründete dort einige christliche Gemeinden. Durch seine Briefe blieb er mit ihnen in Kontakt. Diese ältesten erhaltenen urchristlichen Schriften bilden als sogenannte Paulusbriefe einen wesentlichen Teil des späteren NT.
Wesentliches Kennzeichen der paulinischen Theologie ist die Konzentration des christlichen Glaubens auf die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi mit ständigem Bezug auf die Verheißungen des Tanach. Durch die stellvertretende Erfüllung der Tora durch Jesus Christus, den Sohn Gottes, fand Paulus die Rechtfertigung des Menschen und seine Versöhnung mit Gott aus Gnade begründet. Diese Themen wurden in unterschiedlichen Interpretationen Grundbausteine für die Lehren vieler christlicher Konfessionen.
Orthodoxe Kirchen, die römisch-katholische Kirche, die koptisch-orthodoxe Kirche, die Armenische Apostolische Kirche und die Anglikanische Gemeinschaft verehren Paulus als Heiligen. Die evangelischen Kirchen erinnern mit Gedenktagen an ihn. Seine Briefe haben Kirchenväter und führende christliche Theologen geprägt und damit die europäische Geistesgeschichte stark beeinflusst.
Alle historischen Quellen zu Paulus sind christlichen Ursprungs. Die frühsten und wichtigsten Quellen finden sich im Neuen Testament. Außerchristliche Quellen zu Leben und Werk des Paulus sind nicht bekannt.
Das Neue Testament überliefert eine Sammlung paulinischer Episteln, das sogenannte Corpus Paulinum, welches aus 14 Schriften besteht. Den ältesten handschriftlichen Zeugen dafür bildet Papyrus 46, welches zwischen 175 und 225 n. Chr. datiert wird. Die älteste vollständige Bezeugung aller vierzehn Schriften des Corpus Paulinum findet sich erst im Codex Sinaiticus, welcher auf das 4. Jhd. n. Chr. datiert wird und zeitgleich die älteste vollständige Handschrift des Neuen Testaments ist.
Vom Corpus Paulinum werden Paulus dreizehn Briefe namentlich zugeschrieben. Für sieben davon – Röm, 1 Kor, 2 Kor, Gal, Phil, 1 Thess, Phlm – gilt auch in der aktuellen historisch-kritischen Forschung seine Autorenschaft als unstrittig. Sie wurden in den Jahren zwischen 50 und 60 n. Chr. verfasst und sind die Hauptquelle für Biografie, Theologie und Missionstätigkeit des Paulus. Als „Quellen von einmaligem Rang“ machen seine Briefe Paulus zur „greifbarsten Gestalt im Urchristentum“.
Eph, Kol, 2 Thess sowie die Pastoralbriefe (1 Tim, 2 Tim und Tit) erheben ebenfalls den Anspruch, von Paulus verfasst worden zu sein, sind aber nach Mehrheitsmeinung der historisch-kritischen Forschung später entstandene Pseudepigraphen, möglicherweise von seinen Schülern. Als Pseudepigraphen bezeugen sie, dass Paulus in den Regionen, wo diese Schriften entstanden, als besonders autoritativer Apostel galt.
Die vierzehnte Schrift des Corpus Paulinum ist der Brief an die Hebräer. Er nennt im Text keinen Verfasser, und es gibt kein gesichertes Wissen über seinen Autor. Die Zuschreibung an Paulus ist jedoch alt und durch Papyrus 46 bereits für den Anfang des 3. Jhd. bezeugt; durchsetzen konnte sich die paulinische Zuschreibung erst im 4. Jhd., wird aber heute aufgrund großer Unterschiede in Theologie und Stil weitgehend abgelehnt.
Von den paulinischen Missionsreisen berichtet außerdem die Apostelgeschichte des Lukas (Apg), die üblicherweise auf etwa 80–90 n. Chr. datiert wird, wenngleich auch deutlich frühere und deutlich spätere Daten vorgeschlagen worden sind. Ihre Angaben müssen laut dem evangelischen Theologen Jürgen Roloff kritisch bewertet werden, um die Selbstaussagen aus den Briefen zu ergänzen und so einen chronologischen Rahmen der Biographie des Paulus zu rekonstruieren. Laut dem evangelischen Theologen Udo Schnelle lassen sich die Angaben der Apostelgeschichte in ihren Grundzügen durch die Briefe bestätigen.
Weitere biographische Angaben über Paulus finden sich (mit variierender Zuverlässigkeit) auch in späteren, außerbiblischen Schriften des frühen Christentums. Hierzu gehören u. a.:
Der 1. Clemensbrief (kurz vor 100 n. Chr.)
Die Paulusakten (160–180 n. Chr.)
Die Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica) von Eusebius von Caesarea (ca. 324 n. Chr.)
Die Paulusbriefe nennen die Orte ihrer Abfassung nicht und geben auch kaum Hinweise auf die Zeit ihrer Abfassung. Dagegen finden sich einige spärliche biografische Angaben. Die Apostelgeschichte beschreibt die Aufenthaltsorte und Reisewege des Paulus dagegen ausführlich, aber ebenfalls ohne genaue Daten. Zu den wenigen wichtigen Hinweisen für eine Datierung gehören:
die Erwähnung einer Hungersnot unter dem Römischen Kaiser Claudius, die sich grob 45–47 n. Chr. datieren lässt (Apg 11,28 )
andere grobe Datierungen auf die Amtszeit von Claudius, der 41–54 n. Chr. regierte (Apg 18,1; 23,26)
die Erwähnung des Todes von Herodes Agrippa I., der 44 n. Chr. starb (Apg 12,18–23 )