Paulus Manker (* 25. Jänner 1958 in Wien) ist ein österreichischer Schauspieler, Film- und Theaterregisseur sowie Autor und Drehbuchautor.
Manker ist der Sohn der Schauspielerin Hilde Sochor und des Regisseurs und Theaterdirektors Gustav Manker. Er wuchs im ersten Wiener Gemeindebezirk auf und hat darüber in der ORF-Doku Meine Innere Stadt (2017) berichtet. Manker wurde am Max-Reinhardt-Seminar in Wien in Regie und Schauspiel (bei Susi Nicoletti und Erni Mangold) unterrichtet.
Erste Engagements führten Manker schon während der Ausbildungszeit ans Burgtheater (1979, Komödie der Verführung von Arthur Schnitzler, Regie: Horst Zankl, Bühnenbild: Hans Hollein, Kostüme: Karl Lagerfeld), zu den Wiener Festwochen (1980, Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus, Regie: Hans Hollmann) und danach an das Mitbestimmungsmodell am Schauspiel Frankfurt (1980/1981, Intendanz Johannes Schaaf und Wilfried Minks), ans Hamburger Thalia Theater (1982, Jean Genet: Unter Aufsicht mit Sven-Eric Bechtolf) sowie 1983 ans Residenztheater in München, wo er erstmals mit dem Regisseur Peter Zadek zusammenarbeitete (Ibsens Baumeister Solness mit Barbara Sukowa und Hans-Michael Rehberg), dessen Stammensemble er von da an viele Jahre lang angehörte.
„Zadek-Schauspieler“ und Regiearbeiten
Peter Zadek holte Manker 1986 in das Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, dem Manker dann von 1986 bis 1989 angehörte. Hier sah man ihn 1986 erstmals in der Hauptrolle des antisemitischen jüdischen Philosophen Otto Weininger in dem Furore machenden Stück Weiningers Nacht von Joshua Sobol. Danach stand er als Octavius Caesar in Shakespeares Julius Cäsar mit Ulrich Tukur, als Journalist Lindekuh in Wedekinds Musik mit Susanne Lothar und als Mädchenhändler Casti-Piani in Peter Zadeks legendärer Inszenierung von Frank Wedekinds Lulu auf der Bühne.
Als Filmregisseur trat Manker erstmals 1985 in Erscheinung, sein Film Schmutz erlebte auf dem Filmfestival in Cannes 1985 in der „Quinzaine des Realisateurs“ seine Uraufführung. Auf weiteren Festivals erhielt er mehrere Auszeichnungen und wurde von Thorsten Becker zu einem Roman verarbeitet. 1988 folgte Weiningers Nacht, 1992 Das Auge des Taifun mit den Einstürzenden Neubauten, 1995 Der Kopf des Mohren nach einem Drehbuch von Michael Haneke mit Gert Voss in seiner ersten Filmrolle, 1996 der Dokumentarfilm Hans Hollein – alles ist Architektur und verschiedene Kurzfilme, darunter 2004 das Porträt seiner 80-jährigen Mutter, der Schauspielerin Hilde Sochor.
Theaterregie führte Manker erstmals 1988 am Wiener Volkstheater bei Weiningers Nacht von Joshua Sobol, wobei er selbst auch die Hauptrolle spielte, die zu seiner Paraderolle wurde. Die Aufführung wurde zu Mankers bis dahin größtem „Triumph“ und das Stück wurde anschließend auch von ihm selbst verfilmt.
Ensemblemitglied am Burgtheater
1990 wechselte Manker zurück ans Wiener Burgtheater unter Claus Peymann und spielte in Peymanns Inszenierung von Goethes Clavigo den Carlos (mit Ulrich Mühe als Clavigo), in Peter Zadeks Inszenierung von Shakespeares Der Kaufmann von Venedig den Bassanio (mit Gert Voss als Shylock und Eva Mattes als Portia) und in Becketts Warten auf Godot den Pozzo (Regie: Cesare Lievi). 1993 inszenierte er am Burgtheater Ferenc Molnárs Liliom (mit Karlheinz Hackl in der Titelrolle, Andrea Clausen, Gertraud Jesserer und Hanno Pöschl) und 1996 Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht (mit Fritz Schediwy und Ingrid Caven und mit Kostümen von Vivienne Westwood).
Manker inspirierte den Autor Werner Kofler 1999 zur Schmähschrift Manker (Invention) und war an einigen veritablen Theaterskandalen beteiligt, wie beispielsweise Zadeks Alice im Wunderland (1996, Münchner Kammerspiele), in der er das weiße Kaninchen spielte. Für heiße Diskussionen sorgte Manker vor allem als Richard III. (1997) von Shakespeare, das an den Münchner Kammerspielen in der Inszenierung von Peter Zadek zur Aufführung kam, und in der es zu Konflikten mit dem Theater und seinem Intendanten Dieter Dorn kam, weil Manker das Ensemble „undiszipliniert, versoffen und bis in die Knochen verrottet“ bezeichnete, worauf die Aufführung trotz des enormen Publikumserfolgs abgesetzt wurde. „Aus Kleinmütigkeit wird hier ein großer Erfolg eingestampft, den man noch jahrelang hätte spielen können.“ (Peter Zadek)
Weitere Theaterarbeiten brachten Paulus Manker mit Luc Bondy zusammen (Horváths Figaro lässt sich scheiden 1998, mit Gert Voss), mit Christoph Schlingensief (Ausländer raus! Schlingensiefs Container, 2000) und immer wieder mit Peter Zadek (Polonius in Hamlet, mit Angela Winkler und Otto Sander, Hamburg, 2000), Der Jude von Malta (mit Gert Voss, Burgtheater, 2001) sowie mit Dieter Giesing in Stücken von Botho Strauß, Pancomedia (Burgtheater, 2001) und Die Zeit und das Zimmer (Schauspielhaus Bochum, 2005).
2010 war Manker nach längerer Abwesenheit von der Bühne bei den Salzburger Festspielen als Theseus in der Aufführung von Jean Racines Phädra an der Seite von Sunnyi Melles zu sehen (Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz), einer Co-Produktion mit dem Wiener Burgtheater. Im selben Jahr veröffentlichte er ein umfassendes Buch über seinen Vater, den Regisseur, Bühnenbildner und Theaterdirektor Gustav Manker.
2010 erhielt Manker den Publikumspreis des österreichischen Theaterpreises „Nestroy“.
2011 publizierte Manker ein Buch über den vergessenen Theatermann Walter Bruno Iltz, dessen Nachlass er entdeckte und dessen angebliche Nähe zum Nationalsozialismus er damit widerlegte.
Am 16. Juli 2013 fand anlässlich von Richard Wagners 200. Geburtstag die Premiere des von Manker inszenierten und geschriebenen Simultan-Dramas Wagnerdämmerung im ehemaligen K. u. k. Post- und Telegrafenamt in Wien statt, das im Sinne des Wagnerschen Gesamtkunstwerks Theater, Raum, Sprache, Musik und Tanz vereinte. Begleitet wurde die Produktion von einer von Manker kuratierten Ausstellung zeitgenössischer Künstler, an der Hermann Nitsch, Hans Hollein, Erwin Wurm, ONA B., Michael Bielický, Michael Kienzer, Mara Mattuschka, Karl Ferdinand Kratzl, Katharina Razumovsky, Josef Trattner, Reinhard Trinkler und 29 weitere Künstler teilnahmen.
Als Filmschauspieler war Manker erstmals 1979 in Lemminge (Regie Michael Haneke) zu sehen, danach folgten Exit – Nur keine Panik (1980) und Die Ausgesperrten (1982, nach dem Roman von Elfriede Jelinek) in der Regie von Franz Novotny, Die Macht der Gefühle von Alexander Kluge (1983) und Wer war Edgar Allan? (1984, ebenfalls in der Regie von Michael Haneke, bei dem Manker 1985 bei dem TV-Film Fraulein auch als Regieassistent arbeitete) und Luc Bondys Das weite Land (1987) an der Seite von Michel Piccoli.
Manker spielte in Joseph Vilsmaiers Schlafes Bruder (1994) den Organisten, in Michael Hanekes Das Schloss (1998) und in Code: unbekannt mit Juliette Binoche (1999), in Jo Baiers Wambo den brutalen Vater von Walter Sedlmayr (2000) und nahm 2006 mit Michael Glawoggers Film Slumming am Wettbewerb der Berlinale teil, in dem Manker mit „hyperplastischer Präsenz“ den obdachlosen Säufer Franz Kallmann im Stile eines Poète maudit darstellte. Manker mischte sich während der Dreharbeiten ins Westbahnhof-Milieu in Wien und spielte eine Szene in voll alkoholisiertem Zustand „nach 17 Whiskys“, um seine Rolle möglichst authentisch interpretieren zu können, und hob „seine Rolle förmlich aus den Angeln“ (ARTE) und „verleiht damit seinen Auftritten die Einmaligkeit, die großes Theater und großer Film nicht zuletzt darum gewinnen: Weil sie ihre Zuschauer in einschüchternder Weise gnadenlos auf Abstand halten“.
Jüngere Vergangenheit und Gegenwart