Paul Schäfer (* 4. Dezember 1921 in Bonn; † 24. April 2010 in Santiago de Chile) war ein deutscher Pädokrimineller und Gründer der Sekte und totalitären religiösen Gemeinschaft Colonia Dignidad in Chile. Am 24. Mai 2006 wurde Schäfer von einem chilenischen Gericht des sexuellen Missbrauchs von Kindern in 25 Fällen für schuldig befunden und zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren und Zahlungen von insgesamt 770 Millionen Pesos (über 1 Mio. Euro) an elf Jugendliche verurteilt. Der Politikwissenschaftler Jan Stehle vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika bezeichnete die Verbrechen der Sekte als „eines der größten Menschenrechtsverbrechen unter deutscher Beteiligung“.
Paul Schäfer wurde als Sohn des Fabrikarbeiters Jakob Schäfer und dessen Frau Anna, geb. Schneider, in Bonn geboren und wuchs zusammen mit seinen beiden älteren Brüdern Walter und Johannes in Spich und Troisdorf auf. Er wiederholte zwei Schuljahre. In seiner Kindheit verlor er beim Versuch, einen Knoten in einem Schnürsenkel mit der Gabel zu lösen, ein Auge, das durch ein Glasauge ersetzt wurde und Grund für die Ausmusterung beim Heer war. Er war Mitglied in einer christlichen CVJM-„Eichenkreuz“-Gruppe. Entgegen Medien- und Eigendarstellungen war Schäfer nie Offizier in der Wehrmacht oder Mitglied in nationalsozialistischen Organisationen, sondern Pfleger und nahm als Sanitäter in Frankreich am Zweiten Weltkrieg teil. Schäfer hasste seine Mutter abgrundtief und verachtete Frauen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Paul Schäfer zunächst als Hilfsarbeiter auf Jahrmärkten, bevor er als Jugendbetreuer sowohl katholischer als auch evangelischer Organisationen und zuletzt als CVJM-Jugendleiter in Troisdorf Anstellung fand. Als Leiter eines Zeltlagers zeigte Paul Schäfer laut Zeugen bereits 1947 seine Neigung zu sadistischen Praktiken. Von einem jugendlichen Teilnehmer, der anstelle des angebrannten Essens ein Stück Fallobst aß, wird Folgendes berichtet:
Eine Zeit lang arbeitete Schäfer beim Diakoniewerk Bethel als Jugenderzieher. 1947 wurde er wegen homosexueller Beziehungen zu seinen minderjährigen Schützlingen fristlos entlassen.
Als sich die Gerüchte mehrten, dass Schäfer ihm anvertraute Kinder und Jugendliche misshandle und sexuell missbrauche, erfolgte um 1949/50 seine diskrete Entlassung aus dem kirchlichen Dienst, sodass es nicht zu einem gerichtlichen Strafverfahren kam.
Schäfer machte sich nach seiner Entlassung als Laienprediger selbstständig. Sein Wirkungsfeld waren zunächst separierte protestantische Kreise, die sich ihm weitgehend kritiklos öffneten. Dabei traf er auch auf Hugo Baar, der zu dieser Zeit Prediger einer Baptistengemeinde war. In Schäfer und Baar fanden eine starke Führungspersönlichkeit und ein rhetorisch gewandter Prediger zusammen, die bei ihren gemeinsamen Auftritten viele Menschen an sich zu binden wussten. Dabei geriet Baar, der sich in den letzten Jahren seines Lebens von Schäfer lossagte, immer stärker unter den – so Baar – „dämonischen Einfluss“ des ehemaligen Jugendpflegers und wurde ihm hörig. Ende 1959 wurde er seines Predigeramtes enthoben und trat aus der Baptistenkirche aus.
Schäfer und Baar gaben vor, der Idee einer an die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde angelehnten urchristlichen Lebensweise zu dienen. Mit endzeitlichen Lehren verbreiteten sie unter ihren Hörern Schreckensszenarien. Sicherheit vor den kommenden Katastrophen gebe es nur in der Geborgenheit ihrer Gemeinschaft und unter der Leitung des von Gott eingesetzten Paul Schäfer. Zunächst erwarteten sie von ihren Anhängern nur den zehnten Teil ihres Einkommens. Später – als sich aus dem Anhängerkreis eine geschlossene Gesellschaft formierte – forderten sie das gesamte Vermögen ihrer Mitglieder. Erbschaften, Lebensversicherungen und Rentenansprüche mussten auf Schäfer übertragen werden. Das Geld investierten Schäfer und Baar in verschiedene Wohn- und Geschäftsprojekte.
In Lohmar-Heide baute Schäfer für seine beim Siegburger Amtsgericht eingetragene Private Sociale Mission e. V. mit seinen Anhängern ein Gemeinschaftshaus in Eigenregie. Nach außen vermittelte die Sekte den Eindruck, eine glückliche Gemeinschaft zu sein. Ihr Einkommen sicherte sie sich durch den staatlich anerkannten Betrieb eines Kinder- und Jugendheims. Schäfer erwies sich auch in anderen Bereichen als geschäftstüchtig. Er pachtete zum Beispiel Lebensmittel- und Tabakwarengeschäfte. Seinen Sektenmitgliedern verlangte er ab, hart und unentgeltlich zu arbeiten.
Mit der Zeit forderte Schäfer immer eindeutiger, dass seine Anhänger ihre familiären Bindungen nach außerhalb auf das Mindeste zu beschränken hatten. Am besten sei es, diese ganz aufzugeben, denn – so Schäfer – „ein freier Christ kann Gott besser dienen“. Durch Beichtzwang gelang es ihm, seinen Einfluss auf den Einzelnen immer stärker geltend zu machen. Intimste Gedanken und Handlungen mussten vor ihm ausgesprochen werden. Drakonische körperliche Strafen wurden von ihm verhängt. Während Schäfer von seinen Anhängern sexuelle Askese verlangte, verging er sich sexuell an Kindern, und zwar ausschließlich an Jungen.
Als in Siegburg 1961 zwei Fälle von vergewaltigten Jungen bekannt wurden, beantragte die Bonner Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl. Sofort tauchte Schäfer mit Hilfe von Freunden unter und floh nach Chile. Die Zeugen der Anklage, ca. 150 Heimkinder, wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit einem Charterflugzeug nach Chile gebracht. Seine mittlerweile mehr als 200 Anhänger – die meisten kamen aus Hamburg, Gronau und Siegburg, einige aus Graz/Österreich – folgten ihm in den nächsten Monaten. Schäfer lockte sie mit einem „urchristlichen Leben im Gelobten Land“. Zögernden und Ängstlichen drohte er mit der Behauptung, eine sowjetische Invasion apokalyptischen Ausmaßes werde alle Lebensmöglichkeiten in Deutschland zunichtemachen.
Im Zusammenhang des folgenden Exodus wurde das Haus der Sektengemeinschaft in Heide an die Bundeswehr für 900.000 DM verkauft. Der Generalarzt der Luftwaffe erhielt dort seinen Dienstsitz. Mit dem Geld erwarb Schäfer eine heruntergewirtschaftete Finca größeren Ausmaßes nahe der Stadt Parral – etwa 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile. Er nannte sie Colonia Dignidad – Kolonie der Würde (offiziell Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad – Wohltätigkeits- und Bildungsgemeinschaft Würde, seit 1988 Villa Baviera – Dorf Bayern).
Gegenüber den chilenischen Behörden gaben Schäfer und Baar vor, sich dort um chilenische Waisenkinder kümmern zu wollen. Damit war beabsichtigt, der Colonia „familienlosen“ Nachwuchs zuzuführen.
In der Geschlossenheit der Colonia Dignidad gelang es ihm, seine Unterdrückungsmechanismen weiterzuentwickeln. Von seinen Anhängern verlangte er totale Unterwerfung und setzte diese auch mit Gewalt durch. Der Arbeitstag in der „Kolonie der Würde“ hatte 16 Stunden. Die im Christentum wichtigen Ruhetage, Gottesdienste und Gebetszeiten, die es vorher gegeben hatte, wurden als „sinnlos vertane Zeit“ abgeschafft. Die Hörigkeit der Sektenmitglieder wurde so stark, dass jede Kraft zum Widerstand erlosch. Es gab streng getrennte Frauen-, Männer- und Kinderhäuser. Private Gespräche waren nach und nach strikt verboten. Zuwiderhandlungen hatten harte Strafen zur Folge. Jeder musste fürchten, denunziert zu werden, jeder konnte ein Spitzel sein.
Die Kolonie wurde zu einer Art Festung ausgebaut. Palisadenzäune mit Wachtürmen und Stolperfallen sowie bewaffnete Wachposten sorgten dafür, dass eine nach außen hin hermetisch abgeriegelte Diktatur entstand.
Wirtschaftlicher Erfolg und politische Kontakte
In wenigen Jahren entstand durch ständige Zwangsarbeit ein – von Medien als „Mustergut“ bezeichneter – landwirtschaftlicher Großbetrieb mit einer umzäunten Fläche von ca. 15.000 Hektar. Schäfer ließ seine Sektenmitglieder Straßen und Brücken bauen und Bergwerke zum Abbau von Gold, Uran und Titan anlegen. Als Aushängeschild der Kolonie galt das Krankenhaus, in dem die arme Bevölkerung des Umlandes kostenlos behandelt wurde.
Chilenischen Jungen wurde im Internat der Colonia Dignidad Essen und Ausbildung geboten. Auch dieses Internat diente der Rekrutierung neuen Sektennachwuchses. Klagen der Kinder über Misshandlung und Missbrauch wurden von den Eltern anfangs nicht ernst genommen und somit von den staatlichen Behörden nicht verfolgt.