Paul Parin (* 20. September 1916 vermutlich in Graz; † 18. Mai 2009 in Zürich) war ein Schweizer Psychoanalytiker, Ethnologe und Schriftsteller. Er war Mitbegründer der Ethnopsychoanalyse, die er ab Mitte der 1950er Jahre insbesondere auf seinen ausgedehnten Forschungsreisen nach Westafrika entwickelte. Der Bericht über seine Reise zu den Dogon in Mali wurde in der Studentenbewegung breit rezipiert.
Paul Parin wuchs als Sohn eines Auslandsschweizers in einer großbürgerlichen, jüdisch-assimilierten Familie auf dem elterlichen Gutsbesitz im slowenischen Polzela (im Ortsteil Založe, früher auch Neukloster genannt) auf. Er studierte Medizin an den Universitäten in Graz, Zagreb und Zürich. 1944 wurde Parin bei Guido Fanconi promoviert. Es folgte bis 1946 eine Ausbildung als Chirurg.
Während dieser Zeit ging Parin zusammen mit einer Gruppe von Ärzten im Rahmen einer chirurgischen Mission der Schweizer Ärzte- und Sanitätshilfe (CSS) nach Jugoslawien, um dort bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bei Titos Partisanenarmee medizinische Unterstützung zu leisten. Darüber berichtet er in seinem Buch Es ist Krieg und wir gehen hin.
Am Ende des Jugoslawienkriegs stellte er eine bis dahin nicht bekannte posttraumatische Störung bei bosnischen Männern wie bei Frauen fest, die mit der Waffe in der Hand gekämpft hatten (Partisanenkrankheit): Sie wollten weiterkämpfen und nicht in das Zivilleben zurückkehren: „Die Partisanenkrankheit ist in Slowenien, bei slowenischen Partisanen, nicht aufgetreten – es gab dort kein Sexualverbot. Zu wenig betont habe ich in meinem Artikel darüber, dass die Partisanenkrankheit ideologisch vorgebildet war – in Form von Trancezuständen. In Nordbosnien wurden die Töchter verheiratet. Wenn der Braut der Mann nicht gepaßt hat, dann bekam sie »Zustände«, um der Ehe mit ihm auszuweichen – bis ein Mann ausgesucht wurde, der ihr gepasst hat. Das habe ich nicht gewußt damals. Und wahrscheinlich ist die Partisanenkrankheit dort entstanden. Schließlich waren 80.000 – 120.000 junge Leute praktisch geisteskrank“.
Psychotherapeut und ethnologischer Forscher
Danach schloss Parin in der Schweiz eine Ausbildung zum Neurologen und Psychoanalytiker an. Seit 1952 hatte er eine eigene Praxis als Psychoanalytiker in Zürich.
In den Jahren von 1955 bis 1971 unternahm Parin sechs Forschungsreisen nach Westafrika. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Goldy Parin-Matthèy – das Paar heiratete 1955 – und Fritz Morgenthaler entwickelte er das Fachgebiet Ethnopsychoanalyse: Seit Mitte der 1960er Jahre wurden die Forscherautoren mit dem gelungenen Versuch international bekannt, die Methoden der Psychoanalyse in der Ethnologie anzuwenden. Zwei dieser Reisen sind in großen Forschungsberichten der drei Autoren dokumentiert.
Die erste Reise (1960) führte sie einige Monate lang nach Mali in Westafrika in die Dörfergruppe Sangha (Region Mopti, Kreis Bandiagara). Die dort lebenden Dogon waren schon früher Gegenstand ethnologischer Untersuchungen, die sich jedoch nicht mit einzelnen Individuen beschäftigt hatten: „Wir beschlossen, Afrikaner, die noch in ihrem Stammesverband lebten, mit der in Europa bewohnten „klassischen“ Technik direkt zu analysieren.“
Zum Zeitpunkt der Untersuchung umfasste das Volk der Dogon etwa 250.000 Menschen und befand sich gerade im politischen Umbruch von der bisherigen Kolonie Französisch-Sudan in die Republik Mali. Die Dogon sind patriarchalisch, patrilinear und patrilokal organisiert: Die Familien werden von einem Familienältesten geführt, der alles entscheidet, auch etwa die Frage, ob einer seiner Söhne sich scheiden lassen sollte. Die einflussreichste Familie stellt den Dorfältesten (den Ginna Banna, in der französischen Kolonialtradition: Chef), der vom Ältestenrat beraten wird.
In der Praxis handelt es sich um eine „liberale Gerontokratie “:
Die Männer können mehrere Frauen haben, der Chef von Sangha (Ogobara) hatte in seinem langen Leben acht Frauen und zahlreiche Kinder. Es gibt weder Brautpreis, noch Mitgift, die Frauen ziehen zu ihren Männern. Innerhalb der Machtstruktur des Dorfes haben sie keine direkten Einflussmöglichkeiten: „Die Männergesellschaft der Dogon ist so aufgebaut, „als ob es keine Frauen gäbe““. Unter mehreren Frauen hat die jeweils Älteste oder diejenige das Sagen, die viele und/oder gut entwickelte Kinder hat. Frauen haben als Machtmittel die jederzeitige Möglichkeit, in ihre väterliche Familie zurückzukehren, da dies zum Verlust des Ansehens eines Mannes führt.
Insgesamt wurden 13 Personen interviewt und mit 100 Personen der Rohrschachtest durchgeführt.
Den Autoren war bewusst, dass diese Methode sowohl vonseiten der Ethnologie als auch der Psychoanalyse kritisch gesehen wurde: „Psychoanalytische Auffassungen vertragen es schlecht, aus ihrem Zusammenhang gerissen und zur Deutung von Phänomenen anderer Kategorien herangezogen zu werden. Fehlschlüsse und unzulässige Vereinfachungen sind nur vermeidbar, wenn man eine Erscheinung erst soweit psychoanalytisch erfasst, als es innerhalb dieses Begriffssystems möglich ist, dann das Ergebnis in das umfassendere Bild der anthropologischen Betrachtung einfügt…. Unsere Beobachtung richtete sich auf die Wiederholung typischer Lösungen von Konflikten und auf die dabei beteiligten Triebe. Wir rechneten damit, die gleiche Dynamik der seelischen Vorgänge mitzuerleben wie bei der Analyse von Europäern.“
Im Lauf der Untersuchung stellte sich heraus, dass sich auch in afrikanischen Kulturen Phänomene wie »Übertragung« oder »Verdrängung« nachweisen lassen.
Dabei waren erhebliche Unterschiede zwischen den Kulturen feststellbar. Einer der Dorfältesten:
Insgesamt erlebten die Forscher das Volk der Dogon als wohlorganisierte Gesellschaft, in der die einzelnen Menschen sich in einem dichten Beziehungsgeflecht bei ihren Entscheidungen an einem „Clangewissen“ orientieren und in vielen Fällen die Kooperation der Aggression vorziehen. Angesichts der politischen Entwicklungen innerhalb der letzten 60 Jahre, vor allem aber der Bürgerkriege in Mali haben diese Untersuchungen nur noch historischen Wert.
Reise zu den Anyi in der Elfenbeinküste
Sechs Jahre später untersuchten die Autoren das Volk der Anyi, die sie in französischer Schreibweise als Agni bezeichnen. 1966 lebten sie vier Monate lang im Staat Elfenbeinküste in dem Dorf Bébou an der Grenze zu Ghana in einem Bezirk, der früher das »Königreich Abengourou« umfasste. Die Entscheidung für dieses Gebiet trafen sie deshalb, weil sie nach einer Ethnie suchten, die sich von jener der Dogon hinreichend klar unterscheiden ließe. Bei den Dogon hatten sie eine patriarchalische, patrilineare Großfamilie angetroffen, suchten nun aber nach einer »gegensätzlichen matrilinearen Organisation«. Bei dieser sozialen Struktur stellte sich in psychoanalytischer Hinsicht auch die Frage, ob es auch in matrilinearen Gesellschaften zu ödipalen Konflikten kommt.