An diesem Tag

Paul Lorenzen

Deutscher Philosoph

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Paul Peter Wilhelm Lorenzen (* 24. März 1915 in Kiel; † 1. Oktober 1994 in Göttingen) war ein deutscher Philosoph, Wissenschaftstheoretiker, Mathematiker und Logiker.

Lorenzen war neben Wilhelm Kamlah der Begründer der Erlanger Schule des methodischen Konstruktivismus. Dabei gestaltete er mit Kamlah eine logische Propädeutik und argumentierte gegen zirkelhaftes Denken. Lorenzen erarbeitete wichtige Beiträge zur Wissenschaftstheorie und begründete eine Protophysik mit Messgerätenormen, die nicht empirisch widerlegt werden können.

Lorenzen entwickelte eine operativ-konstruktive Mathematik und gestaltete mit Kuno Lorenz eine dialogische Logik. Als John Locke Lecturer prägte er eine normative deontische Logik und entfaltete aus mehreren Typen der Modallogik Ansätze zu Fragen der Technik, Ethik und der politischen Philosophie.

Lorenzen wurde 1915 als Sohn des promovierten Rechtsanwalts und Notars Max Rosenkranz und Lisa Rosenkranz geb. Möhlmann in Kiel geboren. Nach dem Abitur, das er Ostern 1933 am Realgymnasium in Bad Pyrmont ablegte, leistete er ein halbes Jahr Arbeitsdienst und studierte dann Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie in Kiel, Berlin und Göttingen. Lorenzen trat 1933 in die SA und in den NSDStB ein, zum 1. Mai 1937 schloss er sich der NSDAP an (Mitgliedsnummer 4.137.844). Vom Herbst 1934 bis 1935 leistete er ein Jahr aktiven Militärdienst. In Göttingen promovierte er 1938 (Rigorosum) bei Helmut Hasse mit einer Arbeit zur Abstrakten Begründung der multiplikativen Idealtheorie. 1939 wurde Lorenzen Assistent von Wolfgang Krull am Mathematischen Seminar in Bonn, was er offiziell bis 1949 blieb, und Anfang 1940 als Soldat eingezogen. Über die Vermittlung von Hasse hat Lorenzen von Juli 1940 bis April 1941 bei Wilhelm Tranow im Dechiffrierungsprojekt der Marine mitgearbeitet. Ab 1942 war er als Lehrer an der Marineschule Wesermünde eingesetzt und wurde im Januar 1945 an die Marineschule Flensburg versetzt. Zurück in Bonn konnte er sich 1946 habilitieren und wurde Privatdozent. Er war 1948/49 kurz Gastdozent in Cambridge und wurde 1949 Diätendozent für Mathematik und Mathematikgeschichte in Bonn, wo er 1952 außerplanmäßiger Professor wurde. 1954 übernahm er dort die Leitung des neu gegründeten Carl-Schurz-Collegs, in dem er auch wohnte.

In Kiel erhielt er 1956 eine ordentliche Professur für Philosophie. 1957/58 war er am Institute for Advanced Studies in Princeton. 1962 nahm er die auf Initiative von Wilhelm Kamlah zustande gekommene Berufung nach Erlangen an: „… allein zu dem Zweck, um mit Kamlah zusammenarbeiten zu können“. Dort lehrten beide zunächst in enger Kooperation, die als Erstes die seinerzeit weithin bekannt gewordene „logische Propädeutik“ hervorbrachte. Dieser Ansatz war derart erfolgreich, dass daraus eine Schule entstand, die heute unter verschiedenen Bezeichnungen (z. B. Erlanger Konstruktivismus) firmiert. Von 1967 bis 1968 war Lorenzen John Locke Lecturer in Oxford. Seit 1967 versah er in der vorlesungsfreien Zeit Gastprofessuren in Austin (Texas) und Boston. 1980 wurde Lorenzen das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Seit seiner Emeritierung 1980 lebte er in Göttingen, wo er 1994 starb.

Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (1960), des Institut de philosophie in Paris und der Académie Internationale de Philosophie des Sciences in Brüssel. Lorenzen war Ehrendoktor der Universität von Rio de Janeiro. Lorenzen begründete 1971 das Interdisziplinäre Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte (IIWW) in Erlangen, das ihm durch einen abgelehnten Ruf ermöglicht wurde.

Sein Nachlass befindet sich im Philosophischen Archiv der Universität Konstanz. Lorenzen war seit 1939 mit Käthe Dalchow verheiratet. Die gemeinsame Tochter Jutta Reinhardt gründete mit ihrem Mann Hans-Wolf Reinhardt 2009 die Paul-Lorenzen-Stiftung, die regelmäßig wissenschaftliche Tagungen zur Philosophie und zu angrenzenden Wissenschaften durchführt.

Die Methodische Philosophie von Lorenzen und Kamlah, die Erlanger Schule, suchte einen kritischen Weg zwischen dem kritischen Rationalismus Karl Poppers und der von der Transzendentalpragmatik Karl-Otto Apels intendierten Letztbegründung und fand durch die Gemeinsamkeiten der pragmatischen Begründungskonzeption mit der Universalpragmatik einen Koalitionspartner in der Frankfurter Schule („Große Koalition“) gegen den Szientismus und den logischen Empirismus. Es gab in den späten 1960er Jahren Kongresse, auf denen Jürgen Habermas und Lorenzen als Hauptredner auftraten. Die Erlanger Schule stand in ständiger Fehde mit dem wissenschaftstheoretischen Strukturalismus, wie ihn Wolfgang Stegmüller vertrat. Beide Richtungen wurden zu den Gründungsströmungen der Wissenschaftstheorie in Deutschland.

Zwar hat die Erlanger Schule etliche oberflächliche Gemeinsamkeiten mit der analytischen Philosophie, vor allem die Fokussierung auf die Logik und Wissenschaftsorientierung bei Lorenzen. Allerdings geht der Konstruktivismus dagegen von einem pragmatischen und operationalistischen Einbinden des Handelns im Alltag aus. Er lehnt ein Analysieren bloß vorgefundener Sprache ab und bindet die Behandlung normativer Probleme in die Philosophie ein. Hauptstränge der Erlanger Philosophie sind das zirkelfreie Prinzip der methodischen Ordnung, das die Reihenfolge im wissenschaftlichen Vorgehen thematisiert, und die dialogische und reflexive Vernunft. In diesem Zusammenhang standen auch die Debatten über das Vorgehen in der Sprachphilosophie, der Logik sowie den technischen und ethisch-politischen Wissenschaften:

Aus der Alltagspraxis der Lebenswelt hochstilisierte Theorie soll eine disziplinübergreifende Grundlegung der Wissenschaften ermöglichen.

In den 1970er Jahren bereits erhielten die ersten Mitarbeiter aus dem Erlanger Umfeld Berufungen und entwickelten die Erlanger Philosophie weiter: Jürgen Mittelstraß, Friedrich Kambartel und andere gingen an die Reformuniversität in Konstanz („Konstanzer Schule“ oder „Erlangen-Konstanzer Schule“), Kuno Lorenz entwickelte in Saarbrücken eine dialogische Komponente der Erlanger Philosophie, Peter Janich gestaltete in Marburg einen methodischen Kulturalismus. Carl Friedrich Gethmann, Friedrich Kambartel und andere haben sich den Diskursen um die methodische Philosophie angeschlossen. Etwa 50 Hochschullehrer um Jürgen Mittelstraß, die der Erlanger Schule nahestehen, schreiben seit den 1970er Jahren an einer Enzyklopädie. Diese Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, wurde in der achtbändigen 2. Auflage eines der größten allgemeinen Nachschlagewerke zur Philosophie im deutschsprachigen Raum.

Wie oben erwähnt, erschien als erstes Produkt der Zusammenarbeit mit Kamlah 1967 die Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. In ihr wird ein zirkelfreier Aufbau einer vernünftigen Sprache angestrebt. Dadurch wollten Lorenzen und Kamlah einer Ungenauigkeit der verwendeten Begriffe und Argumentationsstrukturen entgegentreten. Die Unausweichlichkeit eines hermeneutischen Zirkels oder ähnlich zirkelhaften Denkens wird durch Vorführung eines zirkelfreien, schrittweisen Aufbaus der jeweiligen Praxis zu widerlegen versucht.

Das Buch stellt einen handlungstheoretischen und sprachphilosophischen Neuansatz dar, in dem nicht voraussetzungslos von Gegenständen gesprochen, sondern eine Lehre des verständlichen und im Hinblick auf Geltungsansprüche kontrollierbaren Redens und Argumentierens entwickelt wird. Durch Prädikation wird nach Regeln das Sprechen über Gegenstände kontrolliert eingeführt, ohne diese vorsprachlich als gegeben vorzufinden: Die Sprache erschließt die Welt.

Ziel ist, aus der Logik eine Einleitung in das Argumentieren anzubieten, um das vernünftige Begründen grundzulegen. Lorenzen setzte sich für begrifflich deutliches Denken und methodisch geordnetes Vorgehen im philosophischen Diskurs ein. Dabei wird die prinzipielle Bereitschaft hervorgehoben, alle Vororientierungen kritisch in Frage stellen zu lassen. Eine kritische konstruktive Wissenschaftstheorie als Teil des linguistic turn soll durch die Logik vorbereitet werden.

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