Paul Lendvai [ˈlɛndvɒ.i] (* 24. August 1929 in Budapest) ist ein österreichischer Publizist und Moderator. Er ist politischer Kommentator der österreichischen Tageszeitung Der Standard sowie in ungarischen und englischsprachigen Medien. Von 1982 bis 1987 war Lendvai Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF. Von 1980 bis 2024 war er Moderator der Diskussionssendung Europastudio (Oststudio). Lendvai gilt als Kenner Ost- und Südosteuropas.
Als Sohn jüdischer Eltern wurde er mit seinem Vater 1944 verschleppt. Nachdem ihnen Carl Lutz einen Schweizer Schutzpass besorgt hatte, konnten sie in Budapest überleben (siehe dazu auch Geschichte der Juden in Ungarn unter deutscher Besatzung).
Nach dem Krieg und einem anschließenden Jusstudium schrieb er als Journalist bei sozialdemokratischen Zeitungen in der nunmehr realsozialistischen Volksrepublik Ungarn. Lendvai wurde 1953 verhaftet und erhielt drei Jahre Berufsverbot. Im Zuge des Ungarn-Aufstandes floh er aus Ungarn über Prag und Warschau 1957 nach Wien, obwohl der Eiserne Vorhang schon schwer überwindbar war. Einer seiner ersten Freunde in Österreich wurde Hugo Portisch.
In Wien begann er zuerst als Übersetzer ungarischer Nachrichten und verfasste später eigene Artikel für Die Presse und die Neue Zürcher Zeitung – zum Schutz seiner Mutter, die in Budapest geblieben war, unter verschiedenen Pseudonymen.
1959 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. Von 1960 bis 1987 war er Auslandskorrespondent für die Londoner Financial Times in Wien. Er gründete 1973 die Zeitschrift Europäische Rundschau (2020 eingestellt) und wurde 1982 Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF und später Intendant von Radio Österreich International.
Von März 1980 bis April 2024 fungierte er als Leiter der Diskussionssendung Europastudio.
Als österreichischer Patriot und Mitteleuropäer versuchte er, sowohl bei der Waldheim-Affäre als auch bei den Sanktionen der EU-XIV nach der Regierungsbeteiligung der FPÖ durch Vorträge und Artikel seine neue Heimat Österreich objektiv zu beleuchten und gegen Pauschalurteile anzukämpfen.
Als Peter Handke 2019 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, kritisierte er die Entscheidung vehement. Sie sei trotz Handkes großer Begabung ein „moralischer und politischer Skandal“. Handke habe sich bis heute „von seinen unfassbaren und empörenden Aussagen aus den letzten Jahrzehnten über den Zerfall Jugoslawiens nicht distanziert“.
2022 wurde von der Universität für Weiterbildung Krems und dem Europa-Forum Wachau erstmals der Prof. Paul Lendvai-Preis verliehen; erster Preisträger war Christoph Zotter von der Tageszeitung Die Presse.
Lendvai ist in dritter Ehe mit der ungarischen Verlegerin Zsóka Lendvai verheiratet. 1962 hatte er die geschiedene Britin Margaret Kidel geheiratet, mit der er bis zu deren Tod 2003 zusammenlebte. Er besitzt seit Jahrzehnten ein Feriendomizil in Altaussee, wo er sich im Sommer gerne aufhält.
Der rote Balkan. Zwischen Nationalismus und Kommunismus. Fischer, Frankfurt am Main 1969.
Antisemitismus ohne Juden. Europaverlag, Wien 1972, ISBN 3-203-50417-0.
Kreisky. Portrait eines Staatsmannes. Zsolnay/Econ, Wien/Hamburg/Düsseldorf 1972, ISBN 3-430-17808-8.
Die Grenzen des Wandels. Spielarten des Kommunismus im Donauraum. Europaverlag, Wien 1977, ISBN 3-203-50611-4
Der Medienkrieg. Wie kommunistische Regierungen mit Nachrichten Politik machen. Ullstein, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-548-34515-8
Religionsfreiheit und Menschenrechte. Bilanz und Aussicht. Styria, Graz 1983, ISBN 3-222-11476-5.
Das einsame Albanien. Reportage aus dem Land der Skipetaren. Edition Interfrom, Zürich 1985, ISBN 3-7201-5177-8.
Das eigenwillige Ungarn. Von Kádár zu Grosz. Edition Interfrom, Zürich 1986, ISBN 3-7201-5195-6.