Paul Ehrlich (geboren am 14. März 1854 in Strehlen, Provinz Schlesien; gestorben am 20. August 1915 in Bad Homburg vor der Höhe) war ein deutscher Mediziner und Forscher. Er wirkte vor allem als Bakteriologe und Serologe in Berlin und Frankfurt am Main und entdeckte 1909 das erste Antibiotikum.
Durch seine Färbemethoden unterschied er verschiedene Arten von Blutzellen, wodurch die Diagnose zahlreicher Blutkrankheiten ermöglicht wurde. Mit seiner Entwicklung einer medikamentösen Behandlung der Syphilis gehört er zu den Mitbegründern der modernen Chemotherapie. Außerdem war er entscheidend an der Entwicklung des Heilserums gegen Diphtherie beteiligt, die häufig allein Emil von Behring zugeschrieben wird. Als Direktor des Instituts für experimentelle Therapie arbeitete Ehrlich bis 1897 die Methoden für die Standardisierung („Wertbemessung“ bzw. Wertbestimmung) von Sera aus.
1908 erhielt er zusammen mit Ilja Metschnikow für seine auf dem Gebiet der Serumsforschung entwickelten Beiträge zur Immunologie den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
Paul Ehrlich wurde als zweites Kind jüdischer Eltern geboren. Sein Vater Ismar Ehrlich war mit Rosa geborene Weigert verheiratet und Likörfabrikant und königlicher Lotterie-Einnehmer in Strehlen, einem etwa 5000 Einwohner zählenden Ort in der Provinz Niederschlesien. Bereits der Großvater, Heymann Ehrlich, war dort Destillateur und Schankpächter gewesen und hatte es zu einigem Wohlstand gebracht. Ismar Ehrlich war Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Paul Ehrlich konvertierte später nicht zum Protestantismus – wozu sich viele jüdische Kollegen aus Karrieregründen genötigt sahen –, pflegte jedoch die jüdischen Gebräuche eher nachlässig. Mütterlicherseits war Paul Ehrlich mit dem Pathologen Carl Weigert verwandt.
Nach dem Besuch der Volksschule in Strehlen ging Ehrlich von 1864 bis 1872 auf das traditionsreiche Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau, wo er Albert Neisser kennenlernte. Berichte über seine Kindheit und Jugend bleiben spekulativ. Die Schule hat Ehrlich im Rückblick „immer als drückende Last empfunden“. Militärdienst leistete er nicht.
Ehrlich studierte ab 1872 Medizin in Breslau und Straßburg mit einem kurzen Aufenthalt in Freiburg und wurde 1878 in Leipzig promoviert, wohin sein Doktorvater, Julius Cohnheim, gewechselt war.
Nach dem Studium arbeitete Ehrlich als Assistent und Oberarzt unter Theodor Frerichs, dem Begründer der experimentellen Klinischen Medizin, an der Charité in Berlin. Eine Weile war er dort auch unter Frerichs Nachfolger, Carl Gerhardt, tätig. Die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit lagen in dieser Zeit auf Histologie, Hämatologie und Farbenchemie. 1882 wurde ihm der Professorentitel verliehen.
Am 14. August 1883 heiratete Ehrlich in der Synagoge von Neustadt in Oberschlesien Hedwig Pinkus (1864–1948), die Tochter eines schlesischen Textilfabrikanten. Mit ihr ließ er sich in der Villa der Familie Fränkel in Neustadt in der Wiesenerstraße nieder. Seine Frau behandelte er in einem für damals ungewöhnlichen Maß als gleichberechtigte Lebenspartnerin. (Später setzte er sich in seinem Institut für eine Lohnerhöhung für die weiblichen Angestellten ein, die er im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen als zu niedrig entlohnt empfand.) 1884 kam ihre gemeinsame Tochter Stefanie, 1886 ihre zweite Tochter Marianne zur Welt. Die Mitgift seiner Frau enthob Ehrlich aller finanziellen Schwierigkeiten, sodass er auch Perioden der Arbeitslosigkeit überbrücken konnte. Alle Zeugen beschreiben Ehrlich in seiner persönlichen Lebensführung als bescheiden, als seine einzige große Schwäche galten Zigarren.
Ehrlich geriet in eine berufliche Krise, weil er sich mit Frerichs’ Nachfolger, Carl Gerhardt, nicht verstand; überdies erkrankte er an Lungentuberkulose, die er in Ägypten auskurierte. 1889 war er schließlich ohne Aussicht auf eine Anstellung und richtete sich eine eigene Praxis und ein kleines Labor in Berlin ein. 1890 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität ernannt. 1891 holte ihn Robert Koch an sein Institut für Infektionskrankheiten, wo Ehrlich von 1892 bis 1896 als Nachfolger von Emil Behring besonders an immunologischen Fragen arbeitete. Für das neue Arbeitsfeld wurde 1896 das Institut für Serumforschung und Serumprüfung in Steglitz bei Berlin gegründet, dessen Direktor Ehrlich wurde. Im selben Jahr wurde Ehrlich auch zum Geheimen Medizinalrat ernannt.
1899 wurde sein Institut nach Frankfurt am Main verlegt und in (Königliches) Institut für experimentelle Therapie umbenannt. Ehrlich zog mit dem Institut nach Frankfurt. Ein wichtiger Mitarbeiter dort wurde Max Neisser. Im September 1902 veröffentlichte die Vossische Zeitung eine Chronik Ehrlichs immunologischer Forschungen.
Im Jahr 1904 erhielt Ehrlich eine ordentliche Honorarprofessur in Göttingen. Im selben Jahr wurde er in die National Academy of Sciences der Vereinigten Staaten gewählt. 1906 ermöglichte eine großzügige Spende von Franziska Speyer den Bau des Georg-Speyer-Hauses für Chemotherapie in Frankfurt, das angegliedert an das Institut für Serumforschung und -prüfung dieses erweiterte und dessen Direktor Ehrlich in Personalunion wurde. 1907 erhielt er den nur selten vergebenen Titel eines Geheimen Obermedizinalrats und ging eine Kooperation mit den Farbwerken Hoechst ein, mit der vertraglichen Regelung, dass alle Entdeckungen des staatlichen Instituts den Farbwerken überlassen werde, die 30 Prozent aller Gewinne an die Forscher des Instituts zu entrichten hätten.
1908 wurden Ehrlichs und Metschnikows „Arbeiten über Immunität“ mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Im Georg-Speyer-Haus entwickelte Ehrlich mit Hata Sahachirō 1909 das bezüglich seiner Wirksamkeit umstrittene Medikament „(Ehrlich-Hata) 606“, das ab November 1910 offiziell als „Salvarsan“ bezeichnet wurde und gegen Syphilis und damit als erstes Antibiotikum bzw. erstes chemotherapeutisches Medikament wirkte. 1904 wurde Ehrlich auswärtiges Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und 1907 der Accademia Nazionale dei Lincei sowie 1910 der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Im selben Jahr wurde er auch auswärtiges Mitglied der Royal Society. Bereits seit 1905 war er Ehrenmitglied der Royal Society of Edinburgh.
Im Jahr 1905 heiratete seine Tochter Marianne den Mathematiker Edmund Landau.
Von 1911 bis zu seinem Tod war Ehrlich Mitglied des Senats der neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. 1911 wurde ihm die Liebig-Denkmünze des Vereins Deutscher Chemiker verliehen. Ehrlich, der Vorlesungen immer als lästige Pflicht empfunden hatte, wurde 1914 zum ordentlichen Professor für Pharmakologie an der neu gegründeten Frankfurter Universität berufen. Jedoch verhinderte er erfolgreich, dass das Georg-Speyer-Haus in die Universität eingegliedert wurde.
Ehrlich kooperierte immer gut mit ausländischen Kollegen außer mit denen des Institut Pasteur. Zu den ausländischen Gastwissenschaftlern, die bei ihm arbeiteten, gehörten die späteren Nobelpreisträger Henry H. Dale und Paul Karrer. Im Ersten Weltkrieg unterzeichnete Ehrlich im Oktober 1914 den propagandistischen Aufruf „An die Kulturwelt!“, der in der internationalen Wissenschaftswelt Entsetzen auslöste. Später distanzierte er sich davon. Die Erhebung in den Adelsstand schlug Ehrlich aus, weil er dafür nicht zum Christentum konvertieren wollte.
Am 17. August 1915 erlitt Ehrlich einen Herzinfarkt, dessen Folgen er am 20. August erlag. Kaiser Wilhelm II. schrieb in seinem Beileidstelegramm: „Ich beklage mit der gesamten gebildeten Welt den Tod dieses um die medizinische Wissenschaft und die leidende Menschheit so hochverdienten Forschers, dessen Lebenswerk ihm bei der Mit- und Nachwelt unvergänglichen Ruhm und Dank sichert.“ Paul Ehrlich wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße in Frankfurt am Main begraben (Block 114 N).
Färbemethoden für die Hämatologie
Ehrlichs Cousin Carl Weigert hatte Anfang der 1870er Jahre als Erster Bakterien mit Farbstoffen angefärbt und die Anilinfarbstoffe in die Histologie und die Bakteriendiagnostik eingeführt. Während seines Studiums in Straßburg unter dem Anatomen Heinrich Wilhelm Waldeyer beschäftigte sich Ehrlich weiter mit Farbstoffen und der Färbung von Geweben für die mikroskopische Untersuchung. Für das achte Semester ging Ehrlich nach Freiburg im Breisgau, wo er vor allem mit dem Farbstoff Dahlia arbeitete. Aus dieser Zeit stammt seine erste Veröffentlichung. 1878 wurde Ehrlichs Doktorvater Julius Cohnheim nach Leipzig berufen. Ehrlich folgte ihm und reichte noch im selben Jahr seine Dissertation mit dem Titel Beiträge zur Theorie und Praxis der histologischen Färbung ein.