Patrick Victor Martindale White (* 28. Mai 1912 in London; † 30. September 1990 in Sydney) war ein australischer Schriftsteller. Er erhielt 1973 als bislang einziger Schriftsteller seines Kontinents den Nobelpreis für Literatur und gilt als einer der wichtigsten englischsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein Gesamtwerk umfasst zwölf Romane, dazu Gedichte, Kurzgeschichten, Dramen, Essays und eine Autobiografie.
Whites Eltern Victor White und Ruth Withycombe waren Australier, deren kleinbäuerliche Vorfahren von Somerset in England nach Australien ausgewandert waren. Die White-Familie hatte es dort als Viehzüchter zu beträchtlichem Grundbesitz gebracht, und das Ehepaar bereiste nach der Hochzeit etwa zwei Jahre Europa und Länder des Nahen Ostens, so dass Patrick White 1912 im Londoner Knightsbridge-Distrikt geboren wurde. Als er sechs Monate alt war, kehrte die Familie nach Australien zurück und ließ sich in Sydney nieder. Man lebte in zwei benachbarten Wohnungen, einer für die Eltern und einer für Patrick, seine jüngere Schwester Sue und die Kindermädchen und Dienstboten; eine Distanz, die bezeichnend wurde für Whites Beziehung zu seinen Eltern.
Nachdem die Familie 1916 ein großes Anwesen in Sydney gekauft hatte, erkrankte Patrick mit vier Jahren an Asthma, woran bereits sein Großvater mütterlicherseits gestorben war. Die angegriffene Gesundheit, die ihn von sportlichen Aktivitäten und „Jungenspielen“ abhielt, dürfte ihren Beitrag zu eher geistigen Beschäftigungen geleistet haben: Patrick las viel, besuchte mit seiner Mutter das Theater und gab eigene kleine Tanzvorstellungen im Freundeskreis der Mutter. Beim Spiel in den weitläufigen Gartenanlagen entwickelte er seine eigenen kindlichen Geheimrituale, aber auch eine tiefgehende Beziehung zur Natur.
Im Alter von zehn Jahren wurde Patrick auf ein Jungen-Internat in Moss Vale in New South Wales geschickt, wo man sich wegen des Hochland-Klimas Besserung für seine Gesundheit erhoffte. Obwohl er eine Weile brauchte, um sich an das Zusammenleben mit anderen Kindern zu gewöhnen, akklimatisierte er sich schließlich und begann mit dem Schreiben eigener Theaterstücke – wobei die durchaus „erwachsenen“ Themen der Umgebung und dem Alter des pubertierenden Jungen geschuldet sein dürften. 1924 geriet die Schule jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, und Whites Eltern schickten den Jungen auf Vorschlag der Internatsleitung auf das Cheltenham College in England, wo er vier Jahre seiner Jugend verbrachte, eine Zeit, die er später als „vierjährige Gefängnisstrafe“ bezeichnete.
White zog sich in sich selbst zurück und hatte wenige Freunde im College. Früh war er sich seiner Homosexualität bewusst, was seine Introvertiertheit in der schulischen Umgebung noch verstärkte. In den Schulferien bereiste er mit seinen Eltern Europa; die innerliche Entfernung zu seinen Eltern ließ sich jedoch nicht überbrücken. Sein engster Freund wurde Ronald Waterall, ein älterer Schüler, mit dem er die Leidenschaft fürs Theater teilte. Sie besuchten gemeinsam Theater- und Tanzvorstellungen in London und schwärmten für ihre Lieblingstänzerinnen. Als Waterall die Schule nach seinem Abschluss verließ, war White wieder allein mit sich.
Patrick White überredete seine Eltern, das College früher verlassen zu dürfen, um Schauspieler zu werden. Sie willigten unter der Bedingung ein, dass er zunächst nach Hause nach Australien käme, um ein Leben auf dem Land zu versuchen. Patrick und sein Cousin Alf waren die einzigen männlichen Erben der White’schen Viehzuchtbetriebe.
White arbeitete zwei Jahre als Farmgehilfe, zunächst auf Monaro, einer Farm am Rand der Snowy Mountains in New South Wales, dann auf einem Anwesen eines der Whitycombs bei Walgett im Norden des Landes. Seine Eltern hofften immer noch, dass seine künstlerischen Ambitionen verschwinden würden, wenn er einmal das harte Leben auf der Farm kennengelernt hätte. White entwickelte zwar eine enge Beziehung zur ihn umgebenden Natur, begann jedoch parallel wieder zu schreiben.
Vor allem seine Mutter unterstützte nach der wenig geglückten Farm-Episode sein Vorhaben, zur Universität Cambridge zu gehen; von 1932 bis 1935 studierte er am King’s College französische und deutsche Literatur. Eine zunächst unglückliche Liebe zu einem Mitstudenten frustrierte ihn; wie viele Homosexuelle seiner Generation wagte er nicht, über seine Gefühle zu sprechen, und fürchtete ein Leben in Einsamkeit. Dennoch mündete seine Freundschaft mit dem Kommilitonen schließlich in einer Liebesbeziehung.
1933 reiste er in den Sommerferien nach Deutschland. Trotz des beginnenden Nationalsozialismus genoss er seinen Aufenthalt und verbrachte bis 1935 fast seine ganze Ferienzeit in Deutschland. Er entwickelte eine Leidenschaft für die deutsche Literatur der Romantik, bereiste das ganze Land und versuchte die politischen Entwicklungen zu ignorieren.
Noch während Whites Studienzeit in Cambridge erschienen 1934 zwei seiner Gedichte in der Zeitung The London Mercury: Meeting Again und The Ploughman, das 1935 auch in das Jahrbuch The Best Poems of 1935 aufgenommen wurde, die bis dahin wichtigste Anerkennung seiner schriftstellerischen Arbeit. Der Druck einer ersten Gedichtsammlung unter dem Titel The Ploughman and Other Poems wurde in Australien von Whites Mutter finanziert; sie organisierte auch die Aufführung eines seiner Theaterstücke durch eine Amateurtruppe.
1935 schloss White die Universität mit dem Bachelor of Arts ab und ließ sich mithilfe einer finanziellen Unterstützung seines Vaters von 400 Pfund im Monat in einem Londoner Künstlerviertel nieder. Er blühte auf, schrieb einiges, das unveröffentlicht blieb, und überarbeitete den während seiner Farmzeit geschriebenen Roman Happy Valley. Er traf seinen alten Schulfreund Ron Waterall wieder, schloss enge Freundschaft mit dem australischen Maler Roy de Maistre und tauchte in die Welt von James Joyce’ Ulysses ein.
Als 1937 sein Vater starb und ihm 10.000 Pfund hinterließ, konnte er sein Schriftstellerleben weiterführen, ohne zu sehr auf materiellen Erfolg Rücksicht nehmen zu müssen. Er schrieb zwei weitere Dramen und fand schließlich 1939 einen Verleger für Happy Valley; der Roman fand wohlwollende Aufnahme in London, so wurde er etwa von Graham Greene, Elizabeth Bowen und Herbert Read gelobt, wenn auch die zu deutlichen Einflüsse des Ulysses bemängelt wurden. Kritiker in Australien waren weniger begeistert von der Beschreibung des australischen Landlebens.
Seinen zweiten Roman Nightside ließ White unvollendet, nachdem er einige negative Meinungen dazu erfahren hatte – später sprach er davon, seine Entscheidung bedauert zu haben.
1939 reiste White in die USA, um einen Verleger für Happy Valley zu finden und einen neuen Roman zu beginnen. Er bereiste Kalifornien und New Mexico und Cape Cod in Massachusetts, wo The Living and the Dead entstand.
Der zweite Roman fand in New York schnell einen Verleger, jedoch keinen in London. Als Großbritannien in den Zweiten Weltkrieg eintrat, kehrte White nach London zurück und wurde als Nachrichtenoffizier in die Royal Air Force aufgenommen. Während des Krieges wurde er im Nahen Osten, in Ägypten, Palästina und Griechenland eingesetzt. In Alexandria lernte er den griechischen Offizier Manoly Lascaris kennen, der sein Lebensgefährte werden sollte.
Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst zogen White und Lascaris 1946 nach Australien und kauften ein altes Haus in Castle Hill, damals außerhalb von Sydney. Sie verbrachten 18 Jahre auf dem Dogwoods getauften Anwesen, züchteten Blumen, Gemüse und Milchvieh, und White veröffentlichte 1955 The Aunt’s Story und The Tree of Man. Ins Deutsche übersetzt wurde The Tree of Man 1957 unter dem Titel Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie von Annemarie und Heinrich Böll. Obwohl in den USA und England erfolgreich, verriss sie jedoch die australische Kritik teilweise als „unaustralisch“ und das Publikum ignorierte die Romane. Erst mit dem Roman Voss kam 1957 der Durchbruch auch in seinem Heimatland; White wurde mit dem ersten Miles Franklin Award ausgezeichnet.