Pascal Lissouba (* 15. November 1931 in Tsinguidi, Französisch-Kongo; † 24. August 2020 in Perpignan, Frankreich) war ein kongolesischer Politiker und Biologe. Er war von 1963 bis 1966 Premierminister und – nach langen Jahren des Exils – von 1992 bis 1997 Präsident der Republik Kongo.
Lissouba stammt aus dem Südwesten der damaligen französischen Kolonie und gehört zur Volksgruppe der Banzabi. Von 1948 bis 1952 besuchte er das Lycée Félix Faure in Nizza und danach die Hochschule für Landwirtschaft in Tunis (Tunesien war damals französisches Protektorat), wo er 1956 als Diplom-Agraringenieur abschloss.
Anschließend ging er zum weiteren Studium der Naturwissenschaften nach Frankreich und schloss 1961 an der Universität Paris (Sorbonne) mit einem Doktorat in Genetik ab. Seine Thèse d’État wurde mit der Bestnote (très honorable avec félicitations du jury) bewertet. Er arbeitete am französischen Übersee-Forschungsbüro (Office de la recherche scientifique et technique d’outre-mer; ORSTOM) und wurde im selben Jahr zum Maître de conférences für Pflanzenbiologie ernannt.
Politische Laufbahn in den 1960er- und 1970er-Jahren
Zwei Jahre nach der Unabhängigkeit der Republik Kongo (Brazzaville) von Frankreich kehrte Lissouba 1962 in sein Heimatland zurück, wo er für das Landwirtschaftsministerium arbeitete und 1963 Landwirtschaftsminister wurde. Am 24. Dezember 1963 – im Alter von 32 Jahren – wurde er Premierminister unter dem neuen Präsidenten Alphonse Massemba-Débat, der im August die Nachfolge des durch einen Putsch gestürzten ersten Präsidenten Fulbert Youlou angetreten hatte. In dieser Zeit begann die Republik Kongo einen sozialistischen Kurs einzuschlagen. Seine Amtszeit als Regierungschef endete am 15. April 1966.
Von 1966 bis 1977 lehrte und forschte er am Centre d'Études Supérieures de Brazzaville bzw. der 1971 daraus hervorgegangenen Universität Brazzaville. Im Jahr 1968 kehrte er als Planungsminister in die Regierung zurück. Nach dem Sturz des Präsidenten Massemba-Débat im selben Jahr wurde er unter dem neuen Staatschef Marien Ngouabi erneut Minister für Landwirtschaft, Wasser und Forsten. Nach der ideologischen Ausrichtung am Realsozialismus nach sowjetischem Vorbild und der Umbenennung des Staats in Volksrepublik Kongo schied er aus der Regierung aus.
In den Jahren 1969 bis 1971 war Lissouba jegliche politische Betätigung untersagt, aber 1973 wurde er Mitglied des Zentralkomitees der Einheitspartei Parti Congolais du Travail (PCT). Im selben Jahr wurde er wegen angeblicher Verwicklung in einen gescheiterten Putsch zeitweise inhaftiert. Nach der Ermordung Ngouabis am 18. März 1977 geriet auch er unter Verdacht einer Beteiligung und er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Der ebenfalls beschuldigte Massemba-Débat wurde hingerichtet.
Nach rund zwei Jahren Haft wurde Lissouba begnadigt und ging ins Exil nach Frankreich. Dort widmete er sich wieder seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Pflanzengenetiker und lehrte als assoziierter Professor an der Universität Paris XII (Université Paris-Est Créteil). Von 1985 bis 1991 war er für die UNESCO in Paris und Nairobi tätig.
Nach der langen Phase als Einparteienstaat, zuletzt unter dem seit 1979 regierenden Präsidenten Denis Sassou-Nguesso, wurden 1990 weitere Parteien legalisiert. Lissouba kehrte 1991 nach Kongo zurück und wurde Vorsitzender der Mitte-links-Partei Union panafricaine pour la démocratie sociale (UPADS).
1992 bewarb er sich als deren Kandidat um die Nachfolge Sassou-Nguessos. Im ersten Wahlgang am 8. August 1992 lag er mit 35,89 % der Stimmen an erster Stelle. Am 16. August 1992 siegte er mit 61,32 % über den verbliebenen Kandidaten Bernard Kolélas und trat am 31. August 1992 sein Amt an. Bei den Parlamentswahlen am 2. und 6. Mai 1992 erreichte seine UPADS alleine 47 der 125 Sitze, die ihn unterstützende Koalition 65. Die unterlegene Opposition warf der Regierung Wahlfälschung vor. Seit seinem Amtsantritt war es öfters zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der verschiedenen Parteien gekommen. Durch die Vermittlung Gabuns und der Organisation für Afrikanische Einheit konnte ein Bürgerkrieg verhindert werden, bis Anfang 1995 kam es weiterhin zu sporadischen Kämpfen.
Kurz vor Ende seiner Amtszeit war Lissouba im Mai 1997 kurzzeitig Gastgeber für seinen gerade gestürzten Amtskollegen aus der benachbarten Demokratischen Republik Kongo, Mobutu Sese Seko, der auf seinem Weg ins Exil in Pointe-Noire Station machte. Im Frühjahr 1997 kehrte Ex-Präsident Sassou-Nguesso aus seinem Exil in Frankreich mit der Absicht zurück, wieder bei Präsidentschaftswahlen anzutreten. Als die Armee auf Anweisung Lissoubas am 5. Juni 1997 Sassou-Nguessos Haus umstellte, kam es zu Kämpfen mit dessen Milizionären. Die Kämpfe, bei denen Sassou-Nguesso von Angola militärisch unterstützt wurde, endeten mit Lissoubas Sturz am 15. Oktober 1997. Zehn Tage später wurde Sassou-Nguesso zum neuen Präsidenten erklärt und regiert seitdem. Der Bürgerkrieg soll zwischen Mai und Oktober bis zu 10.000 Todesopfer gefordert haben. Anhänger Lissoubas leisteten noch eine Zeit lang Widerstand, 1999 wurden sie von Sassou-Nguesso amnestiert.
Lissouba floh aus dem Land und ging diesmal nach London. Für seinen Sturz machte er auch Frankreich und den Konzern Elf Aquitaine verantwortlich, denen er die Unterstützung Sassou-Nguessos vorwarf. Zunächst wollte er an den Präsidentschaftswahlen 2002 teilnehmen. Ein im Dezember 2001 in Brazzaville in seiner Abwesenheit eröffnetes Verfahren wegen Hochverrat und Unterschlagung veranlasste ihn, im Exil zu bleiben. Das Gericht verurteilte ihn zu dreißig Jahren Haft. Der Korruptionsvorwurf bezog sich auf ein Geschäft mit dem amerikanischen Ölkonzern Occidental Petroleum im Jahr 1993. Lissouba wurde 2001 in Abwesenheit von einem Gericht in Brazzaville der Korruption für schuldig befunden und zu 30 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die 150 Millionen US-Dollar aus dem Deal mit der US-Ölfirma tauchten 2013 im Rahmen der Aufdeckung des Gladio-Skandals in Luxemburg wieder auf. Im Herbst 2004 verließ er London und zog nach Paris ins 17. Arrondissement. Er litt an Alzheimer und starb am 24. August 2020 im Alter von 88 Jahren in Perpignan.
Elections in Congo-Brazzaville [Republic of the Congo]. In: African Elections Database. 15. Oktober 2012; abgerufen am 24. August 2020 (englisch).
Ex Congo-Brazzaville president to sue ELF. In: BBC World Service. 27. November 1997; abgerufen am 24. August 2020 (englisch).
Congolese ex-leader guilty of treason. In: BBC News. 29. Dezember 2001; abgerufen am 24. August 2020 (englisch).
Pascal Lissouba s’installe définitivement à Paris. In: Afriqu’Echos. 21. Oktober 2004, archiviert vom Original am 25. September 2008; abgerufen am 24. August 2020 (französisch).
Ian Biddle, Spyros Demetriou, Robert Muggah: Small Arms Availability, Trade and Impacts in the Republic of Congo. (pdf; 727 kB) hrsg. von Small Arms Survey am Graduate Institute of International Studies. In: ethz.ch. April 2002, archiviert vom Original am 4. März 2016; abgerufen am 24. August 2020.