Als Pariser Kommune (französisch La Commune de Paris) wird der während des Deutsch-Französischen Krieges spontan gebildete revolutionäre Pariser Stadtrat vom 18. März 1871 bis 28. Mai 1871 bezeichnet, der gegen den Willen der konservativen Zentralregierung versuchte, Paris nach sozialistischen Vorstellungen zu verwalten. Ihre Mitglieder werden Kommunarden (frz. communards, Sg. communard) genannt. Die Pariser Kommune gilt als Vorbild der Rätedemokratie.
Der Deutsch-Französische Krieg
Die Ereignisse um die Pariser Kommune spielten sich während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871 ab. Am 1. September 1870 verlor die französische Armée de Châlons, welche die Belagerung der seit dem 20. August bei Metz eingeschlossenen Armée du Rhin aufbrechen sollte, die Schlacht bei Sedan und wurde selbst eingeschlossen. Sie musste tags darauf kapitulieren, wobei auch Kaiser Napoleon III. gefangen genommen wurde. Nur das neugebildete 13. Korps hatte sich der Einkesselung bei Sedan entziehen können und war damit der letzte einsatzfähige Rest des französischen Feldheeres.
Die Nachricht von diesen Ereignissen erreichte Paris am Nachmittag des 3. September und sorgte für Empörung. Am 4. September wurde die Deputiertenkammer von Volksmassen gestürmt, kurz danach wurde die im Parlament bereits in der vorhergehenden Nacht beantragte Absetzung des Kaisers verkündet und die Republik ausgerufen. Noch am Nachmittag des 4. verließ die Kaiserin Paris und floh nach England. In Paris wurde aus den in dieser Stadt gewählten Abgeordneten der letzten napoleonischen Deputiertenkammer eine Regierung der nationalen Verteidigung gebildet. Ihre führenden Köpfe waren Jules Favre (Äußeres) und Léon Gambetta (Inneres), ihr Chef der von Napoleon zum Gouverneur von Paris ernannte General Trochu, der auch zeitweise als Kriegsminister fungierte. Weitere Mitglieder waren Emmanuel Arago (Justiz), Jules Ferry, Louis-Antoine Garnier-Pagès, Alexandre Glais-Bizoin, Adolphe Crémieux, Eugène Pelletan, Ernest Picard (Finanzen), Henri Rochefort und Jules Simon (Unterricht). Die neue Regierung setzte den Krieg trotz der ungünstigen strategischen Lage entschlossen fort.
Vom 19. September 1870 bis zum Abschluss des Waffenstillstandes am 28. Januar 1871 wurde die französische Hauptstadt von den Deutschen belagert. Bereits in dieser Zeit radikalisierten sich Teile der Nationalgarde, was sich in Demonstrationen, Unruhen und Putschversuchen am 22. und 27. September, am 7./8. Oktober sowie am 31. Oktober 1870 (nach dem Eintreffen der Nachricht von der Kapitulation der Armee Bazaine) und am 22. Januar 1871 niederschlug. Mit dem Zentralkomitee der 20 Stadtbezirke hatte sich unter maßgeblichem Einfluss von Louis-Auguste Blanqui, Jules Vallès, Gustave Flourens, E. Razoua, Eugène Varlin, Jean-Baptiste Millière, Dominique Régère u. a. bereits am 11. September eine inoffizielle Gegenregierung gebildet, welche erstmals am 17. September die Bildung einer Kommune forderte.
Durch den gewährten Tagessold von 1,50 Franc nebst Zulagen für Familienangehörige (0,75 Franc für Frauen, 0,25 Franc pro Kind) entstand eine Situation, in der der Dienst in der Nationalgarde für viele Arbeiter wesentlich attraktiver war als die Arbeit im Beruf. So entstanden bereits am 30. September zu den seit langem bestehenden 60 Bataillonen, die nur aus wahlberechtigten, d. h. wohlhabenden Bürgern rekrutiert waren, nicht nur, wie von der Regierung beschlossen, 60 neue, vorwiegend aus Arbeitern bestehende Bataillone, sondern es kamen 194 hinzu, allerdings nur selten in der vorgeschriebenen Stärke. Jules Ferry berichtete am 16. September in einer Sitzung der Regierung: „Die Bataillone, die sich eben bilden, sind ohne Soldaten; die Bataillonschefs ernennen sich selbst oder lassen sich von einer Handvoll Freunde ernennen.“ Für die militärische Auseinandersetzung mit dem äußeren Feind waren diese Truppenteile mangels jeglicher Ausbildung weitgehend unbrauchbar, dagegen stellten sie eine für die Regierung gefährliche Bürgerkriegsarmee dar, die verbal für die guerre à outrance (Krieg bis zum Äußersten) und gegen jeden Waffenstillstand, aber auch gegen die Wahl einer Nationalversammlung eintrat, mit einem Zitat Blanquis aus dessen Zeitung La Patrie en danger vom 28. September 1871 ausgedrückt: „die Abgeordnetenversammlungen sind eine verbrauchte, verdammte, schlechte Mode, nicht bloß in Zeiten der Krisis, in Zeiten des Krieges, sondern zu allen Zeiten“.
Am 28. Januar 1871 wurde schließlich ein Waffenstillstand vereinbart, der auch die Wahl einer Nationalversammlung für den 8. Februar vorsah, welche am 12. in Bordeaux zusammentrat und am 17. Adolphe Thiers zum Ministerpräsidenten („Haupt der vollziehenden Gewalt der französischen Republik“) wählte. Gemäß dem Vorfrieden von Versailles vom 26. Februar, der von Adolphe Thiers und Jules Favre ausgehandelt worden war, rückten kleine Kontingente der deutschen Armee (Teile des VI. und XI. sowie des II. bayerischen Armeekorps, zusammen etwa 30.000 Mann) am 1. März, 10:00 Uhr, in Teile der Stadt rechts der Seine ein und besetzten die dortigen Forts, zogen sich aber bis zum 3. März, 11:00 Uhr, nach der Übergabe der Ratifikationsurkunde für den Vorfrieden am 2. März, wieder zurück.
Während die regulären Truppen in Paris entsprechend dem Waffenstillstandsabkommen (bis auf 12.000 Mann für den inneren Dienst) entwaffnet und aus der Armee entlassen wurden, bestand Jules Favre entgegen dem Rat Bismarcks darauf, die Nationalgarde nicht zu entwaffnen, denn er befürchtete ein Blutbad bei der Ausführung dieser Bestimmung. Weil nach der Unterzeichnung des Vorfriedens viele Angehörige der 60 bürgerlichen Bataillone die Stadt verlassen hatten, erlangte der revolutionsbereite Teil der Nationalgarde das militärische Übergewicht in der Stadt, was unmittelbar nach dem Abzug der Deutschen noch am 3. März zu Plünderungen und in der Nacht vom 3./4. März zu einem Angriff auf Polizeiposten und der Verteilung der dabei erbeuteten weiteren Waffen führte. Außerdem benannte sich das Zentralkomitee der 20 Arrondissements am 3. März in Hauptausschuss des Republikanischen Bundes der Nationalgarde der inzwischen 215 „verbündeten Bataillone“ um, was eine deutliche Kampfansage an die frisch gewählte Nationalversammlung war, deren Mehrheit (450 von 750) aus royalistischen Abgeordneten bestand, allerdings in drei Gruppierungen – zwei große und eine kleine – mit jeweils unterschiedlichem Thronprätendenten (Legitimisten (182 Mandate): Graf von Chambord – Orléanisten (214 Mandate): Graf von Paris – Bonapartisten: Napoleon III., später Napoleon IV.) gespalten und deshalb zwar einig in der Ablehnung der Republik, aber sich gegenseitig neutralisierend bei dem Bestreben, etwas anderes an deren Stelle zu setzen. Deswegen bestimmte die Nationalversammlung auf Vorschlag von Thiers am 10. März nicht Paris, sondern Versailles (welches inzwischen von den deutschen Truppen geräumt worden war) zum vorläufigen Sitz von Regierung und Parlament.
Auch die Führer- und die Anhängerschaft der Kommune bildete keine homogene Masse, sondern es lassen sich mehrere Gruppen unterscheiden: Teile des linksliberalen Bürgertums erstrebten einen Umbau der inneren Ordnung Frankreichs, weg von dem seit Kardinal Richelieu herrschenden Zentralismus und hin zu einer Föderation autonomer französischer Städte, die mit dem Rest des Landes nur noch wenige Angelegenheiten gemeinsam haben sollte. Sie wirkten zusammen mit Anhängern des utopischen Sozialismus Proudhonscher Prägung und revolutionären Verschwörern wie Blanqui.
Auch in Städten wie Le Creusot, Lyon und Marseille hatten sich zuvor aufständische Gruppen gebildet.
Zum Zündfunken des Aufstands wurde der Versuch der Thiers-Regierung, der Nationalgarde zumindest die in der Nacht vom 26./27. Februar aus den Beständen der Armee gestohlene Artillerie (insgesamt 400 Rohre) wieder zu entreißen. Als Vorwand für den Diebstahl hatte gedient, die „Artillerie des Volkes“ vor den Deutschen in Sicherheit zu bringen. Da die neuen Standorte in den damaligen Arbeitervierteln Montmartre, Belleville, Buttes-Chaumont und La Villette teilweise näher an der Einschließungslinie lagen als die bisherigen an der Avenue de Wagram und im Parc Monceau, war der Vorwand ein durchaus durchsichtiger. Am 10. März vereitelte der Hauptausschuss der Nationalgarde den friedlichen Versuch des Arrondissementbürgermeisters von Montmartre, Georges Clemenceau, die dort stationierten 227 Kanonen dem von der Regierung beauftragten General Louis d’Aurelle de Paladines auszuhändigen. Am Morgen des 18. März versuchten die Regierungstruppen einen gewaltsamen Zugriff auf alle Standorte, der jedoch durch organisatorische Mängel (die Pferde zum Abtransport waren nicht rechtzeitig zur Stelle) verzögert wurde und schließlich durch Meuterei des 88. Linienregiments scheiterte, als dieses sich mit der heranziehenden Nationalgarde verbrüderte. Der die Aktion kommandierende General Claude Lecomte wurde von seinen Truppen gefangen genommen, ebenso der frühere Befehlshaber der Nationalgarde, Jacques Léon Clément-Thomas, der während eines Spazierganges in Zivil aufgegriffen wurde. Am Nachmittag des Tages wurden beide erschossen, woraufhin Thiers durch General Joseph Vinoy die wenigen treu gebliebenen Truppen und die Beamtenschaft erst auf das linke Seine-Ufer und dann nach Versailles führen ließ. Als sich am Abend die Nachricht verbreitete, dass das Stadthaus und die Polizeipräfektur geräumt waren, zog der Hauptausschuss in das Stadthaus um. Teilweise wurden schon zu diesem Zeitpunkt Polizeiposten und Ministerien besetzt. Der Führung der Nationalgarde war damit nicht nur die militärische, sondern auch die politische Schlüsselrolle in der Stadt zugefallen.