Paolo Giovio (latinisiert Paulus Iovius; * 21. April 1483 oder 1486 in Como; † 11. Dezember 1552 in Florenz) war ein italienischer Geschichtsschreiber, Biograph, Sammler, katholischer Bischof und Arzt. Sein Bruder Benedetto Giovio (1471–1545) war ebenfalls Geschichtsschreiber.
Paolo Giovio wurde in Como als Sohn des Notars Luigi Zobio, der einer patrizischen Familie entstammte, und Elisabetta Benzi geboren. Paolo selbst latinisierte später seinen Nachnamen zu „Iovius“, woraus, re-italianisiert, „Giovio“ entstand. Sein allgemein akzeptiertes Geburtsdatum ist der 21. April 1483, obwohl dies lediglich durch die Inschrift auf seinem provisorischen Grab belegt ist. Schenkt man jedoch Giovios eigener Aussage in einem Brief Glauben, müsste sein Geburtsjahr 1486 gewesen sein. Nach dem frühen Tod seines Vaters um 1500 wurde er von seinem über zehn Jahre älteren Bruder Benedetto aufgezogen. Benedettos historische, philologische und archäologische Studien weckten das Interesse Paolos an diesen Themen.
Seine literarischen Studien setzte er vermutlich in Mailand bei Demetrios Chalkokondyles und Aulo Giano Parrasio fort. Ab 1506 studierte Giovio in Padua Medizin und bei Pietro Pomponazzi Philosophie. 1507 wechselte er nach Pavia und schloss dort 1511 sein Medizinstudium beim nur wenige Jahre älteren Anatom Marcantonio della Torre ab.
Von seinem Bruder animiert zog er 1512 nach Rom, um dort als Arzt zu praktizieren. Zunächst war er beim Kardinal Bandinello Sauli angestellt, ab 1514 war er auch Dozent für Moralphilosophie an der Universität von Rom. Während er dort lehrte und als Arzt arbeitete, begann Giovio um das Jahr 1515 sein ambitioniertestes Projekt, nämlich die Niederschrift einer Geschichte seiner Zeit (Historiae sui temporis). Aus diesen Jahren sind die ersten Briefe Giovios erhalten. Seine Korrespondenz diente nicht nur rein offiziellen oder privaten Zwecken, sondern immer wieder auch Recherchen für seine Bücher. So versuchte er z. B. für sein Geschichtswerk möglichst aus erster Hand Informationen über wichtige Ereignisse zu erhalten. Seine Kontakte zur Accademia Romana ermöglichten es ihm inzwischen, seinen lateinischen Stil zu verfeinern, wobei er sich am strengen Klassizismus orientierte, der von Vorbildern wie Caesar, Sallust und Livius inspiriert war.
Nach der Absetzung Saulis wegen dessen vermeintlicher Verwicklung in die angebliche Verschwörung Alfonso Petruccis trat Giovio in den Dienst von Kardinal Giulio de’ Medici, des späteren Papstes Clemens VII. Ab 1517 war Giovio dauerhaft an der Seite Giulios und lebte im Umfeld der römischen Kurie, wo er engen Kontakt zu vielen der historischen Persönlichkeiten hatte, über die er schrieb. In den letzten Jahren des Pontifikats von Leo X. war Giulio de’ Medici Statthalter in Florenz. In seinem Gefolge verbrachte auch Giovio viel Zeit dort, arbeitete an seinen Historiae und nahm aktiv am intellektuellen Leben der Stadt teil. Unter anderem besuchte er die Gesprächsrunden in den Orti Oricellari und vertiefte sein Wissen über die florentinische Geschichtsschreibung, einschließlich des De bello Italico von Bernardo Rucellai. Gleichzeitig übernahm Giovio auch Aufgaben am Hof seiner Gönner: So war er beispielsweise für die Themenwahl des berühmten Freskenzyklus in der Medici-Villa von Poggio a Caiano verantwortlich.
Politisch unterstützte Giovio die von Leo X. geführte Kampagne gegen die Franzosen mit dem Ziel, die libertas Italiae (Freiheit Italiens) wiederherzustellen. Die Franzosen sollten von der Halbinsel vertrieben und die Sforza in Mailand wieder eingesetzt werden. 1521 erlebte Giovio die Auswirkungen diesen Konflikt hautnah, als er Zeuge der Plünderung seiner Heimatstadt Como durch die kaiserlich-spanischen Truppen unter dem Kommando des Marchese von Pescara, Ferdinando Francesco d’Avalos, wurde. Seine Bemühungen um die Freiheit Mailands setzte er auch unter dem Pontifikat von Hadrian VI. fort, indem er Giulio de’ Medici bei dessen Unternehmungen unterstützte, das Bündnis mit dem Kaiserreich aufrechtzuerhalten. In den Jahren 1522–1523 begleitete Giovio den kaiserlichen Gesandten Gerolamo Adorno auf einer Mission nach Venedig mit der Absicht, die Serenissima von Frankreich zu lösen und in das habsburgische Lager zu ziehen.
Der Aufstieg seines Gönners Giulio de’ Medici zum Papst mit dem Namen Clemens VII. im Jahr 1523 verschaffte Paolo Giovio noch größeren Einfluss und er wurde von Botschaftern und Vertretern fürstlicher Höfe umworben. Seine Gemächer im Vatikan wurden zu einem Treffpunkt für Prälaten und Diplomaten, die auf der Suche nach den neuesten Nachrichten waren. Immer mehr zog Giovio die Informationen für seine Historiae aus einem dichten Netzwerk von Briefkontakten, das er mit großer Sorgfalt pflegte und das ihm bei Historikern des 19. Jahrhunderts den Ruf eines „Protojournalisten“ einbrachte. Zeitgleich erarbeitete Giovio sich den Ruf eines feinsinnigen Kritikers der Künste und der Literatur, vernachlässigte dabei aber seine eigene schriftstellerische Tätigkeit nicht. Sein De Romanis piscibus libellus („Büchlein über die römischen Fische“) ist das Ergebnis seiner Teilnahme an den päpstlichen Festen und Banketten, die er regelmäßig besuchte.
Diesen Erfolgserlebnissen zum Trotz fühlte sich Giovio vom Papst für seine Dienste nicht ausreichend belohnt und war immer wieder auch auf andere Gönner angewiesen. Einer davon war der mächtige päpstliche Diplomat Gian Matteo Giberti. Außerdem gab er seine Tätigkeit als Arzt nicht auf, wie unter anderem sein Traktat De optima victus ratione („Über die beste Ernährungsweise“) zeigt.
Auch das politische Handeln von Clemens VII. machte Giovio zunehmend besorgt, da der Papst sich allmählich vom Bündnis mit Kaiser Karl V. abwandte, das er als Kardinal gefördert hatte. Der im Mai 1526 gegründeten Liga von Cognac zwischen Frankreich, Papst Clemens VII., Francesco Sforza, Venedig und Florenz stand er ablehnend gegenüber. Dennoch blieb Giovio im Jahr darauf während des Sacco di Roma an der Seite seines Förderers in der Engelsburg, bis der Papst aufgrund einer Pestepidemie dazu angehalten war, sein Gefolge zu verkleinern. Immerhin erhielt er als Belohnung für seine Treue das süditalienische Bistum Nocera dei Pagani, das 1527 vakant geworden war. Beim ersten Besuch seiner Diözese, die er bis zu seinem Tod nur wenige Male aufsuchen sollte, fand er diese durch den Krieg verwüstet vor.
Während seines Aufenthalts in Nocera erhielt er eine Einladung von Vittoria Colonna nach Ischia. Dort verbrachte er mehrere Monate und knüpfte nicht nur eine enge Freundschaft mit Vittoria Colonna, sondern auch mit Costanza d’Avalos und ihrem Neffen Alfonso, dem Marchese von Vasto. Auf Ischia widmete Giovio sich literarischen Gesprächen und Reflexionen, die ihn zu seinem bedeutenden Dialog De viris et foeminis aetate nostra florentibus inspirierten. Erst im Spätherbst 1528 reiste er nach Rom zurück, nachdem auch der Papst dorthin zurückgekehrt war.
In Folge war Giovio auch bei der Krönung Karls V. in Bologna im Jahr 1529 zugegen und wurde vom Kaiser als Anerkennung für seine Verdienste um die kaiserliche Sache, seine Haltung gegenüber dem Papst und seinen wachsenden Ruf als zeitgenössischer Historiker mit dem Titel eines Pfalzgrafen geehrt. Zudem erhielt er die Erlaubnis, die Säulen des Herakles in das Familienwappen aufzunehmen. In den letzten Jahren des Pontifikats von Clemens VII. knüpfte Giovio, möglicherweise auf Wunsch des Papstes, eine Verbindung zum jungen Kardinal Ippolito de’ Medici. Als Mitglied von Ippolitos Kreis wurde er Zeuge der enttäuschenden Kreuzzugskampagne Karls V. in Ungarn.
1534 und 1535 starben Giovios Gönner Clemens VII. und Kardinal Ippolito, worauf er sich dem Enkel des neuen Papstes Paul III., Kardinal Alessandro Farnese anschloss. Dem jungen Kardinal war er als erfahrener Höfling ein gut informierter Berater, der ihm Einblicke in die Geschichte zahlreicher Persönlichkeiten und diplomatischer Situationen geben konnte, mit denen dieser konfrontiert war. Diese Beziehung spiegelt sich im vertraulichen Ton der Briefe Giovios an Kardinal Alessandro wider. Giovio war darum bemüht, Alessandro von seiner Vorstellung für Frieden in Europa zu überzeugen. Das bedeutete seiner Ansicht nach erstens ein starkes Bündnis zwischen Papst und Kaiser, um die französischen Ambitionen in Italien einzudämmen. Zweitens brauche es energische Feldzüge gegen das osmanische Reich, um die Freiheit der Meere zu sichern und Ungarn zu befreien. Drittens war er der Meinung, dass das Problem des Protestantismus notfalls militärisch gelöst werden müsse.