Panafrikanismus (griechische Vorsilbe πᾶν pan ‚alles‘) bedeutet „die Einheit aller afrikanischen Menschen weltweit, unabhängig von ihrer Ethnie oder Nationalität“, d. h. der Menschen, deren Vorfahren durch die atlantische und die arabische Versklavung mit Gewalt aus Afrika verschleppt wurden und nun in den USA, in der Karibik und Lateinamerika und auch in Teilen des Mittleren Ostens und Südasiens leben.
Die bedeutendsten Zentren des Panafrikanismus waren London, New York und Paris. Von hier aus wurden „Colonial Bulletins“ an afrikanische Zeitungen lanciert, um dort über aktuelle europäische, seltener amerikanische Geschehnisse und Gesetze aufzuklären.
Für den Panafrikanismus existiert keine eindeutige und präzise Definition und es ist wie z. B. bei dem Begriff Soziologie, schwer und vielleicht unmöglich, ihn überhaupt in einer Kurzform zu definieren. Begründet ist dies vor allem in seinen verschiedenartigen Manifestationen, weswegen sich der ganze Komplex des Panafrikanismus am ehesten durch eine differenzierte Beschreibung des historischen Phänomens bewältigen lässt. Dies wird durch zwei Faktoren erheblich erschwert, welche auf der Komplexität der Geschichte des Panafrikanismus beruhen: Zum einen ist es der Fakt, dass sich die Entwicklung des Panafrikanismus auf drei Kontinenten vollzog – im nördlichen Amerika (USA und auf den Westindischen Inseln), in Afrika (vor allem in Westafrika) und in Europa (England), manchmal mit, manchmal ohne gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Strömungen. Zum anderen sind die Entwicklungen des Panafrikanismus auch im Kontext der Weltgeschichte zu betrachten. Aus diesen Gründen hat der im deutschsprachigen Raum bekannte Historiker Imanuel Geiss versucht, eine vorläufige Definition weit zu fassen. Nach ihm wird folgendes unter dem Panafrikanismus verstanden:
„Intellektuelle oder politische Strömungen unter Afrikanern oder Afro-Amerikanern, die Afrika, die Afrikaner und die Menschen afrikanischer Abstammung als zusammengehörig sahen. Daraus entstand ein Gefühl der Rassensolidarität und ein neues Selbstbewußtsein, das die Afro-Amerikaner auf Afrika als ihr eigentliches ‚Vaterland‘ zurückverwies, ohne daß sie deswegen unbedingt an die physische Rückkehr nach Afrika dachten.“
„Alle Ideen, die die kulturelle Einheit und die politische Unabhängigkeit Afrikas betonten oder erstrebten. Hinzu tritt der Wunsch, für Afrika den Anschluß an die moderne Entwicklung auf der Grundlage der Gleichberechtigung zu finden. Für solche Bestrebungen ist die Erlösung (‚Redemption‘) Afrikas das eine, ‚Africa for the Africans‘ das andere Schlüsselwort.“
„Ideen oder politische Bewegungen, die die politische Einheit Afrikas oder wenigstens eine enge politische Zusammenarbeit in der einen oder der anderen Form befürworteten.“
Nach der Berliner Konferenz von 1884 bis 1885 entstand die wichtigste afrikanische Bewegung der Dekolonialisierungsgeschichte: der Panafrikanismus als Bindeglied vieler afrikanischer Befreiungsbewegungen. Die Basis dafür war der Widerstand schwarzer Arbeiter und Soldaten der afrikanischen Diaspora in Europa und Übersee, die gegen Rassenhierarchien und Ausbeutung aufbegehrten.
Die Ziele des Panafrikanismus waren die Dekolonialisierung der afrikanischen Länder und nach dem Ende der Kolonialzeit die Vereinigung der durch die willkürlichen Grenzen auseinandergerissenen Völker. Das von den Kolonialmächten oktroyierte Modell der Nationalstaaten sollte durch einen afrikanischen Kontinentalstaat ersetzt werden. 1893 veranstalteten die Panafrikanisten in Chicago ihren ersten Kongress.
Zum anderen existierte der Traum der Panafrikanisten, geopolitisch -sozial und -kulturell mitwirken zu können.
Als politische Bewegung begann der Panafrikanismus nicht in Afrika, sondern auf den Westindischen Inseln. Henry Sylvester Williams aus Trinidad prägte den Begriff mit seiner ersten panafrikanischen Konferenz 1900. E. Chinenyengozi Ejiogu vom Centre for Africa Studies an der University of the Free State verweist auf eine bereits Ende des 19. Jahrhunderts in diesem Kontext aufkommende Forderung „Africa for Africans“ (deutsch etwa: Afrika den Afrikanern).
Westindische und amerikanische Schwarze spielten im Prozess des „Sich-selbst-bewußt-Werdens“ eine maßgebliche Rolle; es waren die „Sierra Leonians“, die am frühen Modernisierungsprozess Westafrikas aktiv mitwirkten, ja am Vordringen der Briten ins Hinterland nicht unbeteiligt waren; eine ansehnliche Zahl afrikanischer Führer studierte in Amerika.
Der Erste Weltkrieg verlieh dem Panafrikanismus neuen Schwung. Die Kolonialmächte, insbesondere England und Frankreich, griffen in diesem Krieg in großem Maße auf die militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen ihrer Imperien zurück.
In den Vereinigten Staaten erlebten viele schwarze Soldaten nach ihrer Rückkehr von der Front eine große Enttäuschung. Der US-amerikanische Historiker und Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois hatte die jungen Afroamerikaner aufgefordert, sich freiwillig zur Armee zu melden und in Europa für die Freiheit zu kämpfen, damit sie anschließend auch in Nordamerika mit größerem Nachdruck ihre Rechte einfordern konnten.
Für das 20. Jahrhundert maßgeblich waren jedoch die fünf Pan-Afrikanischen Kongresse, die seit 1919 von W. E. B. Du Bois organisiert wurden. Erstmals fanden die Resolutionen der internationalen Delegierten für Chancengleichheit, gegen Rassismus und Imperialismus auch ein Echo in der Presse der Kolonialländer. An den Kongressen nahmen viele später bedeutende Protagonisten späterer afrikanischer Unabhängigkeitsbewegungen teil. Du Bois’ Initiative bot den philosophischen und politischen Nährboden für die beginnende Dekolonisation Afrikas.
Der Jamaikaner Marcus Garvey leitete bis 1928 die größte panafrikanische Vereinigung: die Universal Negro Improvement Association and African Communities League (UNIA-ACL), die er 1912 in Kingston gegründet hatte. Der „Garveyismus“ verbreitete sich rasch auch in den USA. 1914 verlegte Garvey sein Hauptquartier nach Harlem. Wichtigste Publikation war die Wochenzeitung Negro World. Garvey versuchte mit seiner Organisation Anfang der 1920er Jahre in Afrika neue Siedlungen für Afroamerikaner aufzubauen. Er kaufte sogar einen Passagierdampfer und gründete die Schifffahrtsgesellschaft Black Star Line, um monatliche Transportkontingente nach Liberia und Südafrika zu ermöglichen. Seine sozialutopischen Pläne und der Aufbau einer UNIA-Organisation in Liberia wurden von der liberianischen King-Regierung vereitelt.
Am 7. Januar 1961 beschloss die dem radikalen Panafrikanismus zuneigende Staatengruppe in Casablanca eine „Afrikanische Charta“ (Casablanca-Gruppe). Die Mehrheit der inzwischen unabhängig gewordenen Staaten wollte diesem Weg nicht folgen und entwarf auf einer Konferenz vom 8. bis 12. Mai in Monrovia im selben Jahr ein Gegenpapier. Schließlich wurde am 25. Mai 1963 auf einer Konferenz in Addis Abeba eine gemeinsame „Charta der Organisation für Afrikanische Einheit“ verabschiedet und damit die Organisation für Afrikanische Einheit gegründet, die jedoch wenig politische Durchschlagskraft entwickelte.
Die Gründer der OAU bekannten sich zu einer Reihe von Prinzipien: Der Kontinent solle die Solidarität und Zusammenarbeit in allen Bereichen ständig verbessern; er solle die Befreiungskämpfe in den portugiesischen Kolonien, in Südafrika, Südwestafrika (heute Namibia) und Südrhodesien (heute Simbabwe) aktiv unterstützen; und er solle die aus der Kolonialzeit geerbten Grenzen nicht in Frage stellen, „damit wir nicht die Geburt eines schwarzen Imperialismus erleben“, wie der marxistisch orientierte Präsident Malis, Modibo Keita, in Addis Abeba sagte.
Kurz nach der Gründung der OAU entbrannte jedoch ein Richtungsstreit zwischen Radikalen und sogenannten „Gradualisten“ um die künftige politische Ausrichtung der Organisation und des gesamten Kontinents. Während populäre und eher radikalere Vertreter des Panafrikanismus in Afrika, wie Kwame Nkrumah, die sofortige Bildung der „Vereinigten Staaten von Afrika“ einforderten, samt einer Einbindung des arabisch geprägten Nordafrikas, plädierten gemäßigte Vertreter, wie Gamal Abdel Nasser, Julius Nyerere oder Cheikh Anta Diop für eine schrittweise Annäherung an das Konzept der „Vereinigten Staaten von Afrika“ über die Etablierung von Regionalunionen. Der Fokus der gemäßigten Panafrikanisten lag dabei auf der Stärkung und Konsolidierung interner Verwaltungs- und Wachstumsstrukturen. Dadurch sollte später der Grundstein für eine kollektivistische, panafrikanische Union gelegt werden. Zudem sahen damals viele Gradualisten lediglich die Notwendigkeit einer kulturellen Einheit Afrikas, nicht jedoch die einer politischen.