Péter Nádas (Aussprache [ˈpeːtɛr ˈnaːdɒʃ]; * 14. Oktober 1942 in Budapest; † 26. August 2026 in Gombosszeg) war ein ungarischer Schriftsteller und Fotograf.
Nádas entstammte einer jüdischen Familie. Die Vorfahren seines Großvaters mütterlicherseits Arnold Tauber waren über zehn Generationen mährische Rabbiner gewesen. Da seine Eltern während des Holocaust in der Illegalität lebten, wurde ein falscher Name in der Geburtsurkunde eingetragen. Seine Mutter starb noch vor der ungarischen Revolution von 1956 an Krebs, sein Vater, der von Beruf Telefontechniker war und es bis zum Leiter der technischen Abteilung im Ministerium für Verkehr und Postwesen gebracht hatte, wählte 1958 den Freitod.
Den Tod seiner Mutter und den Suizid seines Vaters thematisierte er in seinem Roman Buch der Erinnerung von 1986. Den väterlichen Freitod erwähnte er in dem Werk Aufleuchtende Details. Memoiren eines Erzählers aus dem Jahr 2018. Die Vollwaise studierte zunächst Chemie und arbeitete lange Jahre als Fotograf und Fotoreporter. 1965 veröffentlichte er seine erste Erzählung in einer Zeitschrift, danach erschienen bis 1969 zwei Sammelbände mit Erzählungen. In der Folge wurde ein siebenjähriges Publikationsverbot über ihn verhängt. In einem Literaturgespräch über seine Arbeit am Buch der Erinnerung, das er am 15. April 1985 beendete, und an den Parallelgeschichten, die er nebenher schon entworfen hatte, gab Nádas auch Auskunft über seinen Wechsel von der Fotografie zur Literatur. Als er als Fotograf für eine Zeitung arbeitete, habe es genaue Vorschriften gegeben, was man durfte und was nicht. Es habe Verbote und Anweisungen gegeben, er habe aber nicht gewusst, warum. Er habe ihnen entsprechen wollen, es aber nicht gekonnt. Er habe als Fotograf versagt, seine Lust am Schauen und am Fotografieren aber nicht verloren. Insofern bedeute Literatur für ihn Rückzug und Exil.
Von Januar 1981 bis Februar 1982 lebte er auf Einladung des DAAD in West-Berlin. Seit dem Jahr 2006 war Péter Nádas Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, Sektion Literatur. Von 1997 bis 2026 erschienen Beiträge von ihm in der von der Akademie der Künste herausgegebenen Literaturzeitschrift Sinn und Form. Darüber hinaus war er Mitglied der Académie Européenne des Sciences, des Arts et des Lettres in Paris sowie der Széchenyi Akademie für Literatur und Kunst in Budapest.
Nádas war ab 1990 mit Magda Salamon verheiratet, mit der er seit 1962 zusammenlebte. Zuletzt wohnte und arbeitete er in Budapest und in Gombosszeg, einem Dorf im Komitat Zala. Er starb am 26. August 2026 in seinem Haus im westungarischen Gombosszeg im Alter von 83 Jahren.
Seine Bücher beschäftigten sich hauptsächlich mit der Situation im kommunistischen Ungarn. Seine erste Erzählung Die Bibel erschien 1965 in Budapest und zeige Nádas, so Dirk Schümer, bereits als „veritables Junggenie.“ „In fortlaufend nüchternem und gefühlsarmen Tonfall, der bei aller Detailgenauigkeit sichtlich an Hemingway geschult ist“, lege Nádas schon in seinem Frühwerk „unmerklich Lebenslügen der kommunistischen Oberschicht“ bloß. Die Veröffentlichung seines ersten Romans Ende eines Familienromans wurde in Ungarn über mehrere Jahre von der Zensur verhindert, bevor das Buch schließlich 1977 erschien. 1985 dann wurde der 1.300 Seiten umfassende Roman Buch der Erinnerung veröffentlicht. Péter Nádas hatte seit 1973 an dem Buch gearbeitet. Die Handlung besteht aus drei ineinander verwobenen Erzählsträngen, von denen einer in der DDR der 1970er Jahre, einer im Ostseebad Heiligendamm um die Jahrhundertwende und ein weiterer im Ungarn zur Zeit des Volksaufstands von 1956 spielt. 2005 erschien der dreibändige Roman Parallelgeschichten, an dessen Entstehung Péter Nádas insgesamt achtzehn Jahre gearbeitet hatte, und der die Geschichte einer ungarischen und einer deutschen Familie anhand scheinbar zusammenhangloser Episoden durch das 20. Jahrhundert nachzeichnet. Nach fünfjähriger Übersetzungsarbeit erschien der Roman 2012 auf Deutsch. Er enthält „den wohl längsten Geschlechtsverkehr der Literaturgeschichte“.
In dem Bericht Der eigene Tod schildert er sein Erlebnis einer Nahtod-Erfahrung nach einem Herzinfarkt auf offener Straße am 28. April 1993 in Budapest. Das Buch ist eine Kombination aus Textabschnitten und Fotografien. In einem Interview mit dem Fotopublizisten Ralf Hanselle, erschienen in der Zeitschrift Photonews, nennt Nádas das Buch ein „modernes Stundenbuch“: „Es gibt keinen Gott in diesem Buch. Aber es wird doch über etwas nachgedacht, worüber ein moderner oder ein postmoderner Mensch nicht nachdenken darf: sein Tod.“
In einem im März 2012 geführten und von SR2 KulturRadio gesendeten Gespräch mit Ralph Schock über Ordnung und Struktur im Roman und die Vorzüge der ungarischen Sprache gab Nádas Auskunft über seine Arbeit an den Parallelgeschichten, über die Zusammenarbeit mit seinen beiden deutschen Übersetzerinnen Hildegard Grosche (Buch der Erinnerung) und Christina Viragh (Parallelgeschichten), die beide den richtigen Ton und Rhythmus gefunden hätten. Nádas sprach selbst Deutsch und schrieb in seltenen Fällen "notgedrungen" auch auf Deutsch, vermied es aber lieber: "Im Grunde äfft man dabei eine fremde Sprache nach, aber ich bin dafür da, selbst etwas zu schaffen." Poetologisch und als Strukturprinzip interessierte ihn das Chaos: "Ich reflektiere das Chaos, um andere Ordnungsprinzipien zu finden (…) ich bin das Chaos, in mir herrscht Chaos. (…) Aber ich will dieses in mir oder in allen herrschende Chaos nicht verwischen, sondern es gerade zeigen, und damit auch die Ordnungsprinzipien und -wünsche, die in jedem von uns stecken. (…) Ich kann in meinen Romanen keine moralischen Urteile fällen. Das kann ich als Bürger oder Citoyen, aber nicht als Schriftsteller."
Im Jahr 2012 kuratierten Matthias Haldemann und Péter Nádas im Kunsthaus Zug eine Ausstellung von 150 Fotografien Nádas' und 200 weitere Fotografien ungarischer Künstler unter dem Titel In der Dunkelkammer des Schreibens. Übergänge zwischen Text, Bild und Denken.
Im Literaturmuseum der Moderne fand vom 6. Oktober 2015 bis zum 21. Februar 2016 die Ausstellung fluxus 33: Péter Nádas: Düsteres Idyll. Trost der deutschen Romantik statt. Die Ausstellung entstand durch Nádas’ Auseinandersetzung mit den Landschaftsfotografien des Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden H.G. Adler, dessen Fotonachlass sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach befindet.
Ende eines Familienromans. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-03724-2. Im Original: Egy családregény vége, 1977
In Gottes Hand. Zwei Kapitel aus einer Chronik. Literarisches Colloquium, Berlin 1983, ISBN 3-920392-87-6. Im Original: Isten kezében ülünk
Buch der Erinnerung. Rowohlt, Berlin 1991, ISBN 3-87134-023-5. Im Original: Emlékiratok könyve, 1986
Heimkehr. Vom Schreiben am „Buch der Erinnerung“. Rowohlt, Berlin 1992, ISBN 3-87134-951-8.
Zwiesprache. Vier Tage im Jahr 1989. Essay (mit Richard Swartz). Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 1994, ISBN 3-499-13277-X. Im Original: Párbeszéd – négy nap ezerkilencszáznyolcvankilencben
Von der himmlischen und der irdischen Liebe. Rowohlt, Berlin 1994, ISBN 3-87134-068-5. Im Original: Az égi és a földi szerelemröl, 1991
Der Lebensläufer. Ein Jahrbuch. Rowohlt, Berlin 1995, ISBN 3-87134-078-2. Im Original: Évkönyv, 1989
Liebe. Eine Erzählung. Rowohlt, Berlin 1996, ISBN 3-87134-230-0. Im Original: Szerelem