An diesem Tag

Otto Weidt

Besitzer einer Blindenwerkstatt, Gerechter unter den Völkern

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Otto Max August Weidt (* 2. Mai 1883 in Rostock; † 22. Dezember 1947 in Berlin) war Besitzer einer Berliner Blindenwerkstatt. Als junger Mann engagierte sich Weidt in der anarchistischen Arbeiterbewegung. Während des Holocaust stellte sich Weidt schützend vor seine jüdischen Mitarbeiter und rettete mehreren Juden das Leben. Postum wurde er 1971 als Gerechter unter den Völkern geehrt.

Otto Weidt, Sohn des Tapezierers Max Joachim Johann Weidt (1855–1918) und der Auguste Henriette Christiane Grell (* 1857), war eins von insgesamt neun Geschwistern, von denen die meisten bereits im Säuglings- oder Kleinkindalter starben. Nur die jüngere Schwester Wilhelmine (1886–1967) und der ältere Bruder Martin (* 1879) erreichten das Erwachsenenalter. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen zunächst in Rostock und nach dem Umzug der Familie im Juli 1888 in Berlin auf. Otto Weidt entwickelte schon in seiner Jugend ein ausgeprägtes Gespür für soziale Ungerechtigkeiten. Nach Ende der Schulzeit erlernte er das Handwerk des Malers und Vergolders. Ab seinem 17. Geburtstag musste er Wehrdienst leisten, kam seinem Dienst beim Landsturm allerdings nicht immer nach.

Engagement in der anarchistischen Bewegung

Im Sommer 1903 ging Otto Weidt für ein Jahr nach Hamburg, wo er erste Kontakte zu den dortigen Vertretern der anarchistischen Bewegung aufnahm und ab Juli 1903 rege am Vereinsleben des Hamburger anarchistischen „Club Simplicissimus“ teilnahm. Dies führte zu seiner Überwachung durch die Politische Polizei. Zurück in Berlin übernahm Weidt im Frühjahr 1905 als „Sitzredakteur“ die Herausgabe der Zeitung Der Anarchist. Er lernte unter anderem Erich Mühsam (1878–1934), Fritz Oerter (1869–1935), Josef Oerter (1870–1928), Rudolf Lange (1873–1914) sowie Werner (Daya) Karfunkelstein (1881–1941) kennen. Zwischen 1907 und 1908 kam es zum Bruch der Berliner Anarchisten mit Weidt, weil er unter anderem Gelder anarchistischer Zeitungen unterschlug, um seinen Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Auf der Suche nach einem neuen anarchistischen Betätigungsfeld bereiste er 1908 die Schweiz, Italien und Österreich-Ungarn, ohne dort Anschluss zu finden. Zurück in Berlin, wohnte er bei seinen Eltern in Berlin-Wilmersdorf und arbeitete als Tapetenkleber auf Baustellen. Er zog sich schließlich aus dem organisierten politischen Anarchismus zurück, blieb aber der Idee verbunden. Seine polizeiliche Beobachtung wurde 1912 eingestellt.

Ab 1912 arbeitete Otto Weidt als Tapezierer. Im Jahr 1913 heiratete er die Schneiderin Martha Karoline Gustava Konieczny (* 1887). Mit dem Dekorateur Arnold Gerhardt gründete Weidt 1914 die Firma „Raumkunst Weidt & Gerhardt, Tapezierer u. Dekorateure“, die allerdings nur kurz nachweisbar war. Das Ehepaar Weidt wohnte ab 1914 in Steglitz und danach in der Sedanstraße 41 in Schöneberg und bekam die Söhne Werner (* 1914) und Hans (* 1915). Da Weidt sich nur wenig um seine Familie kümmerte, wurde die Ehe Anfang 1916 geschieden. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte er sich als überzeugter Pazifist dem Fronteinsatz dank eines Ohrenleidens entziehen. Stattdessen leistete er seinen Kriegsdienst von November 1916 bis Oktober 1918 als Militärkrankenwärter in einem Reservelazarett in Küstrin. In zweiter Ehe war er von 1919 bis zur Scheidung 1928 mit der Pförtnerin Johanna Stoll (* 1884) verheiratet und wohnte in der Kronenstraße 36 in Berlin-Mitte. Zu Beginn der 1920er Jahre gründete Otto Weidt in Berlin die Firma „Vereinigte Werkstätten für Innenausbau Otto Weidt“ und trat als selbständiger Innenarchitekt – die Berufsbezeichnung war damals noch nicht geschützt – auf. Um 1922/1923 zog er mit seiner Frau in die Friedrichstraße 32 in Berlin-Kreuzberg. Obwohl er finanziell nicht gut gestellt war und den Unterhaltsverpflichtungen gegenüber seinen Söhnen aus erster Ehe nur selten nachkam, suchte er regelmäßig die Treffpunkte der Intellektuellen und Künstler in den Berliner Caféhäusern auf, um sich auszutauschen. Mit vielen Gästen des Romanischen Cafés war er gut bekannt.

Um 1924 ließ sein Augenlicht stark nach und er galt als „praktisch erblindet“. Bald darauf schulte er zum Bürstenmacher im Blindenhandwerk um und war nach Abschluss der Ausbildung ab 1931 selbständig tätig. Im Oktober 1935 wurde er von der Handwerkskammer in ihre Rolle der Berliner Handwerker aufgenommen und sein Einzelunternehmen Mitglied im Reichsinnungsverband des Bürsten- und Pinselmacher-Handwerks. Im Jahr 1936 heiratete er Else Erna Nast (1902–1974) aus Breslau, die er 1935 kennengelernt hatte, und arbeitete zusammen mit ihr als Bürstenmacher in der damaligen Wohnung am Halleschen Ufer 58.

Im Frühjahr 1939 gründete Otto Weidt mit seinem langjährigen Freund Gustav Kremmert (* 1899) in der Großbeerenstraße 92 in Berlin-Kreuzberg die Firma „Blinden-Werkstätte Otto Weidt“, in der die blinde Belegschaft „Besen und Bürsten für Industrie und Haushalt“ sowie Korbwaren, Matten und Seilerwaren fertigte. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs kam die Lieferung der benötigten Rohstoffe aus dem Ausland nahezu zum Erliegen und die Werkstatt war auf die Zuteilungen der zuständigen Reichsstellen angewiesen. Da Weidt sich um Aufträge der Wehrmacht bemühte, galt die Blindenwerkstatt als „wehrwichtiger Betrieb“, der bevorzugt mit Rohstoffen beliefert wurde. 1940 zog die Werkstatt in die Rosenthaler Straße 39 in Berlin-Mitte um, wo sie das gesamte erste Stockwerk im Seitenflügel eines Hauses im ersten Hinterhof belegte.

Weidt beschäftigte hauptsächlich blinde, seh- und hörbehinderte Jüdinnen und Juden, die durch die Zentrale Dienststelle für Juden des Arbeitsamtes Berlin im Geschlossenen Arbeitseinsatz zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. Anfang 1941 erhielt er die Erlaubnis der Zentralen Dienststelle für Juden, neben tauben und blinden jüdischen Menschen auch Sehende in seiner Werkstatt zu beschäftigen. Zu ihnen zählten Inge Deutschkron, Hans Israelowicz und Alice Licht. Ende 1941 waren über 30 Menschen bei Weidt beschäftigt, in den Jahren 1942/43 waren es zwischen 40 und 65 Angestellte, die meisten davon blinde jüdische Zwangsarbeiter.

Es gelang Weidt durch gute Beziehungen, Bestechung, Passfälschung und mit Unterstützung anderer Menschen, seine Mitarbeiter zu versorgen und zunächst teilweise vor den ab 1941 einsetzenden Deportationen der Berliner Juden zu schützen. Er intervenierte beim „Judenreferat“ der Berliner Gestapo, bei der „Zentralen Dienststelle für Juden des Arbeitsamtes Berlin“ und bestach Beamte. Im Rahmen der „Fabrikaktion“ wurden im Februar 1943 viele Mitarbeiter Weidts verhaftet, um in der Folge in Vernichtungslagern ermordet zu werden. Weidt gelang es, einen Teil seiner Beschäftigten aus dem Sammellager in der Großen Hamburger Straße zurückzubringen.

Ab Anfang 1943 unterstützte Weidt viele seiner Angestellten und Bekannten bei der Flucht in den Untergrund, organisierte Verstecke, Verpflegung, Kleidung, medizinische Versorgung, falsche Papiere und Arbeit. Unterstützt wurde er von seiner Frau Else und auch von seinem Freund und Teilhaber Gustav Kremmert. Er baute ein weitverzweigtes Netzwerk von Helfern und Unterstützern auf oder konnte auf andere Helferkreise zurückgreifen. Unter anderem konnte er die 1922 geborenen Zwillinge Anneliese und Marianne Bernstein bei seiner guten Bekannten Hedwig Porschütz in der Alexanderstraße 5 unterbringen. Sie nahm beide in ihre kleine Wohnung auf, versorgte sie und sicherte ihr Überleben. Porschütz beherbergte auch noch andere Untergetauchte, wie etwa Greta Seelig und deren Nichte Lucie Ballhorn, eine enge Freundin von Alice Licht. Die Familie Horn versteckte Weidt in einem Hinterraum seiner Werkstatt, bis sie nach neun Monaten von einem Gestapo-Spitzel verraten wurde. Als Alice Licht im Jahr 1943 beschloss, gemeinsam mit ihren Eltern unterzutauchen, konnte sie mit Hilfe und unter dem Namen von Otto Weidt Wertgegenstände und Möbel aus der elterlichen Wohnung bei einer Spedition einlagern. Otto Weidt versteckte die Familie Licht ab 5. Februar in den Kellerräumen eines von ihm angemieteten fingierten Auslieferungslagers in der Neanderstraße 12 (seit 1960 Heinrich-Heine-Straße) in Berlin-Mitte, bis auch sie im Oktober 1943 durch Verrat der Gestapo in die Hände fielen und deportiert wurden.

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