Otto Johann Maximilian Strasser, auch Straßer (* 10. September 1897 in Windsheim, Mittelfranken; † 27. August 1974 in München), war ein deutscher nationalsozialistischer Politiker. Er benutzte auch die Pseudonyme „Otto Bostrum“, „Ulrich von Hutten“, „Michael Geismaier“ sowie die Kürzel „D. G.“ und „G. D.“ Nach kurzer Mitgliedschaft in der SPD um 1920 gehörte er von 1925 bis 1930 der NSDAP und von 1956 bis 1962 der Deutsch-Sozialen Union an und führte von 1931 bis 1938 die politische Kampforganisation „Schwarze Front“.
Otto Strasser war das mittlere von fünf Kindern des bayerischen Juristen und Staatsbeamten Peter Strasser (1855–1928) und seiner Ehefrau Pauline Strobel (1873–1943). Zu Ottos Geschwistern zählen der Benediktinermönch Bernhard Strasser (eigentlich Paul, 1895–1981) sowie der nationalsozialistische Politiker Gregor Strasser (1892–1934), der beim sogenannten Röhm-Putsch im Zuge der Ausschaltung vermeintlicher oder tatsächlicher Gegenspieler Hitlers ermordet wurde. Strassers Schwester Olga (* 1899) und der jüngste Bruder Anton („Toni“, 1906–1943), der Notar wurde und im Zweiten Weltkrieg in Russland umkam, spielten dagegen politisch keine Rolle.
Er trat im August 1914 als 17-jähriger Kriegsfreiwilliger in die Bayerische Armee ein und wurde von der Münchner Illustrierten als „jüngster Kriegsfreiwilliger Bayerns“ vorgestellt. Im Ersten Weltkrieg wurde er einige Male verwundet und im November 1917 zum Leutnant der Reserve befördert und mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. In seiner Armeezeit trug er wegen des Abonnements einer sozialdemokratischen Zeitschrift den Spitznamen „der rote Leutnant“. 1919 soll er wie sein fünf Jahre älterer Bruder Gregor Strasser als Mitglied des Freikorps Epp an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik mitgewirkt haben. Armin Nolzen hat 2013 in seinem NDB-Artikel über Gregor Strasser darauf hingewiesen, dass es für die Mitgliedschaft der Brüder in dem Freikorps über ihre späteren Selbstdarstellungen hinaus keine belastbaren Nachweise gibt. Im gleichen Jahr ging Otto zum Studium der Wirtschaftswissenschaften nach Berlin.
Wohl 1919 oder 1920 wurde er Mitglied der MSPD. Im Widerstand gegen den Kapp-Putsch führte er 1920 eine paramilitärische Gruppe („Rote Hundertschaft“) und trat aus Unzufriedenheit mit dem Verhalten der sozialdemokratischen Parteiführung im Zusammenhang mit dem Bruch des Bielefelder Abkommens im gleichen Jahr wieder aus der Partei aus. Nach seiner Promotion in Staatswissenschaften 1921 an der Universität Würzburg trat er als Hilfsreferent ins Reichsernährungsministerium in Berlin ein, wo er bis 1922 oder 1923 tätig war und anschließend in die Privatwirtschaft wechselte.
Nationalsozialistischer Aktivist
Schon als Kolumnist, der im sozialdemokratischen Vorwärts, in der Zentrumszeitung Germania und in der jungkonservativen Zeitschrift Das Gewissen veröffentlichte, setzte sich Strasser für das Denken von Arthur Moeller van den Bruck und dessen „mitteleuropäische Reichsidee“ ein. Nach dem Einzug seines Bruders Gregor für die NSDAP-Ersatzorganisation Völkischer Block in den bayerischen Landtag im Frühjahr 1924 engagierte er sich in der völkischen Bewegung und verfasste zahlreiche politische Artikel. So schrieb er unter dem Pseudonym Ulrich von Hutten für den Kurier für Niederbayern. Im gleichen Jahr kam aus seiner ersten Ehe mit einer Frau namens Maria sein Sohn Paul zur Welt, und er heiratete in zweiter Ehe die Engländerin Ella Young geb. Fassbender.
Otto Strasser trat am 20. November 1925 in die NSDAP (Mitgliedsnummer 23.918) ein und baute zusammen mit seinem Bruder und Joseph Goebbels einen „linken“ Parteiflügel auf. Die Brüder Strasser beherrschten die Berliner Parteiorganisation und entwickelten ein eigenständiges ideologisches Profil gegenüber dem süddeutschen Parteiflügel um Adolf Hitler. Sie konzipierten – zunächst gemeinsam mit Goebbels, der als enger Mitarbeiter Gregor Strassers im Rheinland und in Westfalen agierte – einen antikapitalistischen, sozialrevolutionären Kurs für die Partei. Dieser Flügel der NSDAP unterstützte teilweise auch Streiks der sozialdemokratischen Gewerkschaften und trat für eine Anlehnung Deutschlands an die Sowjetunion ein. Trotzdem war der Strasser-Flügel antimarxistisch geprägt. Er betrachtete Marxismus und Kapitalismus gleichermaßen als „Kinder des Liberalismus“ und wandte sich gegen die „Halbheit“ der Parteiführung unter Hitler, nur den Marxismus zu bekämpfen und sich dem rechtsnationalen bürgerlichen Milieu etwa der DNVP und damit den „führenden Kreisen der Unternehmer- und Kapitalistenschaft“ anzunähern. Gleichzeitig beklagte man die „Verbonzung“ der nationalsozialistischen Führungselite, die man als Folge dieser Annäherung begriff.
Am 1. März 1926 trat Strasser in den von seinem Bruder gegründeten „Kampfverlag“ ein, den Otto Strasser leitete, während sein Bruder das Gros der publizistischen Beiträge lieferte. Miteigentümer neben den Strasser-Brüdern und zeitweilig Schriftleiter des Verlags war Hans Hinkel. Der Verlag fungierte zunächst als Sprachrohr des linken Flügels der NSDAP und verbreitete die an Rudolf Jung angelehnten Ideen eines „nationalen Sozialismus“ oder „National-Sozialismus“. Er geriet Ende der 1920er Jahre zunehmend in Konflikt mit der Parteiführung, besonders mit dem Berliner Gauleiter Joseph Goebbels, der vor allem die Unabhängigkeit der Plattform beargwöhnte. Auf Hitlers Angebot vom 22. Mai 1930, den Verlag für 120.000 Reichsmark zu kaufen, ging Otto Strasser nicht ein. Infolge des Richtungskampfes in der NSDAP, der Mitte 1930 von Hitler und Goebbels verschärft wurde, sodass zahlreiche Strasser-Anhänger entmachtet wurden, trat er stattdessen am 4. Juli 1930 aus der Partei aus und publizierte seine Kampfschrift Die Sozialisten verlassen die NSDAP. Darin kritisierte er unter anderem die fehlende Unterstützung des Nationalsozialismus für Mahatma Gandhi und den indischen Freiheitskampf und verdeutlichte seine Ablehnung der Münchener Parteiführung. Große Wirkung konnte er damit allerdings nicht erzielen, da sein innerparteilich weit beliebterer Bruder Gregor in der Partei verblieb und seine parteiinterne Machtbasis bis zu seinem Sturz Ende 1932 zielstrebig ausbaute. Gregor Strasser distanzierte sich öffentlich von dem Schritt seines Bruders und versicherte Hitler seiner vollen Loyalität. Nach Einschätzung von Joachim Fest bedeutete die Trennung aber auch für seine Position in der Partei die letztlich entscheidende Schwächung: „Das Ausscheiden Otto Strassers beendete nicht nur ein für allemal den sozialistischen Grundsatzstreit in der NSDAP, es bedeutete auch einen erheblichen Machtverlust für Gregor Strasser, der seither keine Hausmacht und keine Zeitung mehr besaß.“
Otto nutzte den Kampfverlag nun für eigene Zwecke und gründete mit wenigen Anhängern, darunter Bruno Ernst Buchrucker, die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ (KGRNS). Mit der zunächst nur etwa 800 Mitglieder zählenden Organisation versuchte Strasser neben unzufriedenen und enttäuschten Nationalsozialisten, die den Legalitätskurs der Partei nicht mittragen wollten, auch Mitglieder und Sympathisanten der KPD zu gewinnen, und trat auch bei Diskussionsveranstaltungen von Anarchisten auf. Strassers Bemühungen erwiesen sich als kontraproduktiv, denn statt national gesinnte Kommunisten zum Anschluss an seine Kampfgemeinschaft zu bewegen, traten viele Mitglieder, darunter auch Führungskader wie Bodo Uhse, zur KPD über. Im Mai 1931 schlossen sich der Gruppe, die damals rund 6000 Mitglieder hatte, kurzzeitig auch Anhänger des gescheiterten Stennes-Putschs an, die aus der SA ausgeschlossen worden waren.
1929 heiratete Otto Strasser seine dritte Frau Gertrud Schütz (1905–1978). Aus der Ehe gingen die Tochter Hannelore (* 1931) und der Sohn Gregor (1935–2019), den er nach seinem ermordeten Bruder nannte, hervor. Wegen Bedeutungslosigkeit nach der Trennung von der NSDAP musste er den Kampfverlag, in dem insgesamt acht Zeitungen und Zeitschriften erschienen, zum 1. Oktober 1930 schließen. Im September 1931 bildete Strasser aus der KGRNS heraus den nach ihrem Publikationsorgan benannten Kampfbund „Schwarze Front“, wobei er finanziell von dem ehemaligen Freikorpsführer und Kapp-Putschisten Hermann Ehrhardt unterstützt wurde. Er unternahm verschiedene Versuche, seine früheren Verlagspublikationen unter verschiedenen Namen (Der Nationale Sozialist, Die Deutsche Revolution, Die Schwarze Front) neu zu etablieren, die alle ohne jede Wirkung blieben. Die Blätter erreichten nie mehr als 10.000 Abnehmer, trotz zeitweiliger Unterstützung durch andere rechte Splittergruppen.