Otto Muehl (* 16. Juni 1925 geboren als Otto Mühl in Grodnau (Mariasdorf), Burgenland; † 26. Mai 2013 in Moncarapacho, Olhão, Portugal) war ein Aktionskünstler und Vertreter des Wiener Aktionismus sowie ein österreichischer Sexualstraftäter.
Ab 1970 machte er durch die Gründung einer reichianisch inspirierten Kommune, der Aktionsanalytischen Organisation (AAO), von sich reden, in der Zweierbeziehungen und Kleinfamilien abgeschafft wurden. Sie hatte bis zu 600 Mitglieder. Wegen Muehls autoritärem Auftreten verließen jedoch immer mehr Kommunarden die Gruppe.
1991 wurde Otto Muehl in Österreich wegen Unzucht mit Minderjährigen und Verstoßes gegen das Suchtgiftgesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung lebte er in der Algarve in Portugal.
1943 wurde Muehl nach dem Anschluss Österreichs als 18-Jähriger zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Dort meldete er sich für eine Offiziersausbildung, wurde zum Leutnant befördert und nahm 1944 an verlustreichen Infanterieschlachten im Zuge der Ardennenoffensive teil.
Nach dem Krieg absolvierte er ein Lehramtsstudium in Deutsch und Geschichte, danach auch Kunstpädagogik an der Akademie der bildenden Künste Wien. Schon während seines Studiums arbeitete er als Maltherapeut.
Anfang der 1960er Jahre gelangte er von einer stark an Proportion und Komposition orientierten Malerei zur „Überwindung der Tafelmalerei durch die Darstellung ihres Vernichtungsprozesses“, zu rhizomatischen, oft hängenden und ganze Räume durchziehenden Gebilden aus Schrott, die er „Gerümpelskulpturen“ nannte, und schließlich zur „Materialaktion“.
1962 fand in Muehls Kelleratelier die erste aktionsähnliche Veranstaltung „Die Blutorgel“ statt, an der Muehl sowie Adolf Frohner und Hermann Nitsch beteiligt waren. Die Idee wurde im Frühjahr 1963 zusammen mit Nitsch im „Fest des psycho-physischen Naturalismus“ radikalisiert. In einem programmatischen Aufsatz zum „psycho-physischen Naturalismus“ heißt es u. a.: „Manchmal [habe ich] das Bedürfnis, mich wie eine Sau im Schlamm zu wälzen. Mich provoziert jede glatte Fläche, sie mit intensivem Leben zu beschmutzen. Ich krieche auf allen Vieren darauf herum und schleudere den Dreck nach allen Richtungen.“
Im Herbst führte Muehl in seinem Wohnatelier vor der Kamera seine erste Materialaktion, „Versumpfung eines weiblichen Körpers“, durch. Die Aktion „Versumpfung einer Venus“ war im Rahmen des „Festes des psycho-physischen Naturalismus“, das Muehl zusammen mit Hermann Nitsch veranstaltet hatte, geplant gewesen, konnte aber wegen polizeilicher Intervention nicht stattfinden.
Von 1964 bis 1966 führte Muehl zahlreiche sogenannte „Materialaktionen“ durch, die zum Teil vom Filmemacher Kurt Kren, zum Teil vom Fotografen Ludwig Hoffenreich festgehalten wurden. 1966 entwickelte er in enger Zusammenarbeit mit Günter Brus einen neuen Aktionstyp, bei dem der Körper selbst und seine Funktionen als das eigentliche Material begriffen werden. Diese Aktionsform war stark politisiert, Muehl formulierte dazu das „aktions-politische“ Programm „Zock“.
Beim ZOCK-Fest am 17. April 1967 zertrümmerte Muehl eine Kücheneinrichtung auf der Bühne, danach wurde ein Lammkadaver mit roter Farbe übergossen, es entstand ein Chaos. Im Juni 1968 organisierten Muehl, Brus und Oswald Wiener zunächst im Hörsaal 1 des NIG (Neues Institutsgebäude) der Wiener Universität die Aktionsveranstaltung „Kunst und Revolution“, die als „Uniferkelei“ bekannt wurde. Dazu gehörte die Pissaktion Muehls, wobei drei nackte Männer um die Wette urinieren. Die erreichten Weiten wurden gemessen und an der Tafel notiert.
Im Zusammenhang mit seinen Veranstaltungen kam es zu Protesten und gerichtlichen Auseinandersetzungen. So wurde eine geplante Aktion in Bremen, bei der ein Schwein geschlachtet werden sollte, von Tierschützern vereitelt, worauf gegen den Retter des Schweins ein Gerichtsverfahren eröffnet wurde, bei dem es allerdings hauptsächlich darum ging, wer rechtmäßiger Eigentümer des Tieres war. Am 17. Dezember 1969 wurden bei einer Aktion mit Hermann Nitsch in der Kunsthochschule Braunschweig auf Einladung des AStA ein Schwein im Bett mit einer Axt geschlachtet und dabei Blut, diverse Materialien, Urin und Kot über eine nackte Frau geschüttet, dazu Weihnachtslieder über Lautsprecher gespielt. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Braunschweig gegen Otto Muehl, der bei dem „Schweinerei-Happening“ selbst auch nackt mitgewirkt hatte, wurde am 6. März 1970 eingestellt.
Die Aktionen wurden von der Presse als Skandal dargestellt und führten schließlich zu Haftstrafen für Brus, Muehl und Wiener. Brus wurde wegen „Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole“ verurteilt und emigrierte nach Berlin.
Muehl führte einige psychodramatische Aktionen mit sexueller Dynamik durch und begann in einem Reflexionsprozess, seine Idee der „Aktion“ von der sich als Kunstform etablierenden Happening- und Fluxus-Kunst abzugrenzen. Er folgte einer Reihe von Einladungen, u. a. in die USA, an Universitäten und in Ausstellungen Aktionen durchzuführen. Er sah im „Happening eine durchaus bürgerliche Kunst, eben Kunst. Wir wollen diese blödsinnige Kunst überwinden“.
Die lose organisierten Aktivitäten dieser Zeit wurden in der Kunstgeschichte später unter dem Begriff Wiener Aktionismus als eigene Form behandelt. Aktionen in diesem Sinne führte Muehl bis auf eine Ausnahme nach 1970 in der Öffentlichkeit nicht mehr durch, wohl aber in seiner Kommune auf dem Friedrichshof.
1970 suchte Otto Muehl nach alternativen Lebensformen. Nachdem seine Ehe geschieden worden war und engere Freunde der Einladung, eine Künstlerwohngemeinschaft zu gründen, nicht gefolgt waren, ließ er junge Leute, die er von seinen Aktionen kannte, bei sich wohnen. Seine 120 m² große Wohnung auf der Wiener Praterstraße 32 verwandelte sich in ein Auffanglager für junge Künstler, Studenten und skurrile Existenzen am Rande der Gesellschaft. 1971 hatte sich ein fester Kern von etwa zehn Personen gebildet, die Gelegenheitsjobs nachgingen. Otto Muehl verdiente nach wie vor sein Geld durch Nachhilfestunden.
Aktionsanalyse und Selbstdarstellung
Nachdem in der Kommune die ersten Gruppenanalysen unter Anleitung des Therapeuten Josef Dvorak, den Muehl aus der Zeit seiner eigenen Gesprächsanalyse Anfang der 1960er Jahre gut kannte, misslungen waren, begann Muehl, sich selbst als Therapeut anzusehen. Die Kommune experimentierte unter seiner Anleitung mit Psychoanalyse und reichianischer Körperarbeit. Daraus, angeregt durch Schriften Wilhelm Reichs, vor allem aber durch die Therapiemethoden von Fritz Perls Gestalttherapie, Alexander Lowen (Bioenergetische Analyse) und Arthur Janov (Urschreitherapie), entwickelte sich die „Aktionsanalyse“. Diese wurde ein wesentlicher Bestandteil des auf „freier Sexualität“, „gemeinsamem Eigentum“, „gemeinsamem Kinderaufwachsen“ und „Förderung der gestalterischen Kreativität“ aufgebauten Kommunenlebens. Es gab auch den Slogan von der „Entpanzerung des Ichs“. Dabei wurde auch physische Gewalt ausgeübt, wie etwa als Experiment in einigen Einzelfällen die sogenannte „Watschenanalyse“, bei der Ohrfeigen zum Wiedererleben der Kindheit und dadurch zur Brechung der „Körperpanzerung“ nach Wilhelm Reich führen sollten.
Später wurde die „Aktionsanalyse“ zur sogenannten „Selbstdarstellung“ weiterentwickelt, die vor der im Kreis versammelten Gruppe, begleitet durch Musik und Trommeln, praktiziert wurde. Sie wurde zu einem wesentlichen Mittel der Kommunikation und Organisation innerhalb der größer werdenden Kommune. Dadurch bestand für die Mitglieder der Gruppe stets ein gewisser Druck, ihre kreativen Fähigkeiten, etwa in Theater, Musik, auch als Koch, als Modedesigner oder auch nur als integrative, charmante Person zu entwickeln.