An diesem Tag

Otto Gross

Österreichischer Psychiater, Psychoanalytiker und Anarchist (1877-1920)

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Otto Hans Adolf Gross (* 17. März 1877 in Gniebing bei Feldbach, Steiermark; † 13. Februar 1920 in Berlin) war ein österreichischer Mediziner, Psychiater, Psychoanalytiker und Revolutionär.

Otto Gross war das einzige Kind des namhaften österreichischen Juristen Hans Gross und seiner Ehefrau Adele, geborene Raymann. Seine ersten vier Lebensjahre verbrachte er in seinem Geburtsort. Ab 1881 wuchs er in Graz auf, wo sein Vater an der Universität wirkte. Otto besuchte Privatschulen und erhielt Unterricht durch Privatlehrer.

Nach der Matura 1894 am 2. k.u.k. Staatsgymnasium in Graz studierte Otto Gross an der Universität Graz zunächst Zoologie und Botanik, bald aber, auf Wunsch seines Vaters, Medizin. Im Sommersemester 1897 wechselte er an die Universität München. Anschließend studierte er gleichzeitig an den Universitäten Straßburg und Graz. In Graz wurde er 1899 zum Dr. med. promoviert. 1905 reichte Gross dort seine Habilitationsschrift ein. Als Privatdozent für das Fach Psychopathologie hielt er im Wintersemester 1906/07 eine Vorlesung Über die Freud’sche Ideogenitätslehre, die er zu einem Buch ausarbeitete.

1900 heuerte er als Schiffsarzt bei der Hamburger Deutschen Dampfschiffahrtsgesellschaft Kosmos an, deren Schiffe nach Südamerika fuhren. Auf diesen Fahrten nahm Otto Gross zum ersten Mal Kokain – seine Abhängigkeit begann. Nach der Rückkehr arbeitete er von 1901 bis 1902 als psychiatrischer Volontär- und Assistenzarzt bei von Gudden in München und bei Gabriel Anton in Graz. Wegen seiner Drogenabhängigkeit ließ er sich 1902 in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich von Eugen Bleuler behandeln.

Am 23. Februar 1903 heiratete Otto Gross Frieda Schloffer (1876–1950), eine Tochter des Chirurgen Hermann Schloffer und Nichte des Philosophen Alois Riehl. Das Ehepaar reiste 1906 nach Ascona, wo Otto Gross in der Naturheilanstalt auf dem Monte Verità einen erneuten Entzug versuchte. Dort stellte er jenes Gift bereit, mit dem sich die Siedlerin Paulette Charlotte Hattemer das Leben nahm. In Ascona lernte er auch Erich Mühsam und Johannes Nohl kennen, die seine weitere Entwicklung beeinflussten. Am 1. September 1906 zog das Ehepaar nach München, und Otto Gross arbeitete als Assistenzarzt bei Emil Kraepelin. Hier kam es zur Bekanntschaft mit Johannes R. Becher als Patient.

Während der Zeit in München hatte Gross intensive Kontakte zur Münchner Anarchistenszene und zur Schwabinger Bohème. Über Einladungen seiner Frau kamen auch Else Jaffé, geb. von Richthofen, mit der sie gemeinsam im Internat gewesen war, und ihre Schwester Frieda Weekley, geb. von Richthofen nach München. Mit beiden Richthofen-Schwestern unterhielt Gross intime Beziehungen. Anfang 1907 wurde der eheliche Sohn Wolfgang Peter von Frieda Gross geboren und am Jahresende der außereheliche Sohn Peter. Die Mutter Else Jaffé und ihr damaliger Ehemann Edgar Jaffé adoptierten das Kind. 1908 wurde in München von Regina Ullmann Gross’ außereheliche Tochter Camilla Ullmann geboren.

Am 26. und 27. April 1908 fand in Salzburg der 1. Psychoanalytische Kongress statt. Hier kam es zu einem wenig beachteten, aber folgenschweren Konflikt: Otto Gross, der sich als einer von wenigen Psychiatern schon seit Jahren öffentlich für Sigmund Freuds Lehre eingesetzt hatte, wollte in einem Vortrag gesellschaftspolitische Schlussfolgerungen aus ihr ziehen. Freud, der sich kurz zuvor in seiner Schrift Die ‚kulturelle‘ Sexualmoral und die moderne Nervosität konträr geäußert hatte, setzte dem entgegen, dass dies nicht Aufgabe von Ärzten sei, und sorgte dafür, dass Gross aus der Psychoanalyse gedrängt und aus ihren Annalen getilgt wurde. Einen ähnlich gelagerten Fall gab es in der Psychoanalyse nur noch einmal: den Ausschluss Wilhelm Reichs 1934.

Am 6. Mai 1908 begab sich Gross in eine Behandlung am „Burghölzli“ in Zürich, die aus einer Entziehungskur und einer Analyse bei Carl Gustav Jung bestehen sollte. Am 17. Juni 1908 brach er sie ab, indem er aus der Klinik floh. Jung diagnostizierte im Nachhinein eine Dementia praecox.

Gerne reiste Otto Gross in diesen Jahren mit seiner Ehefrau Frieda, aber auch mit anderen Frauen auf verschiedenste kroatische Inseln, am liebsten nach Rab. Hier, wo sich seit etwa 1900 die Freikörperkultur entwickelte und sich Künstler und Freigeister niederließen, konnte er sich ungestört seiner Drogensucht widmen und ein extrem freizügiges, ungezähmtes Leben führen. 1910 kam er mehrmals auch mit seiner neuen Lebensgefährtin Sophie Benz nach Rab.

Gross’ Geliebte und Patientin Sophie Benz, die auch eine enge Beziehung zu Leonhard Frank hatte, wurde im Oktober 1909 von Gross schwanger, erkrankte 1910 an einer Psychose und nahm sich am 3. März 1911 in Ascona das Leben. Frank hat diese Dreiecksgeschichte im Kontext der Münchener Bohème ausführlich im zweiten Teil seines autobiografischen Romans Links, wo das Herz ist verarbeitet. Anders als Sophie, die im Roman unter diesem Namen auftritt, wird Otto Gross als „Dr. Kreuz“ dargestellt und Frank selber nannte sich Michael Vierkant. Von Frank, der erst am 3. Oktober 1911 von Sophies Tod erfuhr, „existiert eine […] Lithografie mit einer Person am Kreuz, die sowohl Otto Gross als auch Leonhard Frank darstellen könnte. Sie gibt Anlass zu der Überlegung, dass Leonhard Frank den Namen „Dr. Kreuz“ in seinem Roman ganz bewusst für den Mann ausgewählt hat, der ihm in seinen jungen Künstlerjahren das größte Leid zugefügt hat.“

Nach dem Tod von Sophie Benz begab sich Otto Gross am 6. März 1911 zur Behandlung in die Anstalt Casvegno in Mendrisio (Schweiz). Am 28. März 1911 wechselte er mit einer Überweisung in die Wiener Anstalt „Am Steinhof“. 1912 erfolgte eine steckbriefliche Fahndung wegen Mordes und Beihilfe zum Selbstmord, weil er zwei Damen der Berliner Gesellschaft, die Suizid verüben wollten, Gift verschafft hatte. Im Februar 1913 ging Gross nach Berlin, wo er sich der Gruppe um Franz Pfemfert, den Herausgeber der Aktion, anschloss und Quartier bei Franz Jung in Wilmersdorf fand. Am 9. November 1913 wurde er hier mit der Beschuldigung, ein gefährlicher Anarchist zu sein, verhaftet und aus dem preußischen Staatsgebiet ausgewiesen. An der österreichischen Grenze nahm der Vater Hans Gross seinen Sohn in Empfang und veranlasste dessen Einweisung in die Privat-Irrenanstalt Tulln bei Wien. Verhaftung, Abschiebung und anschließende Einweisung in die Anstalt veranlassten Jung, Pfemfert und Mühsam zu einer internationalen Pressekampagne mit dem Ziel, Gross zu befreien.

1914 wurde gegen ihn wegen Wahnsinns mit Genehmigung des k.u.k. Landesgerichtes vom Bezirksgericht Graz eine Kuratel beschlossen und der Vater zum Kurator eingesetzt. Er sorgte sogleich dafür, dass sein Sohn in die Landesirrenanstalt Troppau in Schlesien verlegt wurde. Hier begann Otto Gross gegen seine Entmündigung anzukämpfen, verfasste mehrere Gesuche um neuerliche Untersuchung und Begutachtung seines Geisteszustandes und erreichte schließlich, dass er am 8. Juli 1914 als genesen entlassen wurde. Am nächsten Tag übernahm Wilhelm Stekel in einem Sanatorium in Bad Ischl die Nachbehandlung. In der Klinik lernte Gross die Pflegerin Nina Kuh (1897–1955) kennen und in Wien auch Marianne Kuh (1893–1948), die Schwestern des Schriftstellers Anton Kuh.

1915 konnte er kurz am Epidemie- und Barackenspital des Komitats Ungvar tätig werden, arbeitete danach als landsturmwilliger Zivilarzt und anschließend als Landsturmassistenzarzt am k.u.k. Epidemiespital Vinkovci in Slawonien. Nachdem 1915 Gross’ Vater gestorben war, wurde Anton Rintelen zu seinem Vormund bestellt, wogegen sich Gross juristisch wehrte.

Ab 1915 war Gross Mitarbeiter der Zeitschrift Die freie Straße, zu der auch Max Herrmann-Neiße, Franz Jung, Richard Oehring, Georg Schrimpf, Oskar Maria Graf und Elsa Schiemann beitrugen.

1916 wurde seine nichteheliche Tochter Sophie Kuh († 2021) von Marianne Kuh geboren. Wegen seiner wiederholten Rückfälle in die Drogenabhängigkeit stellte das Militär im Mai 1917 Otto Gross schließlich dienst- und landsturmuntauglich. 1917 war er in Prag – gemeinsam mit Franz Kafka, Franz Werfel und Anton Kuh – zu Gast bei Max Brod. Sie diskutierten die Herausgabe einer Zeitschrift mit dem Titel Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens. Im September 1917 wurde auch die Kuratel (die wegen Verschwendung und gewohnheitsmäßigen Gebrauchs von Nervengiften angeordnet worden war) aufgehoben, aber ab Dezember desselben Jahres in beschränkter Form erneut eingerichtet.

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