Otmar Reinhold Ralph Ernst Freiherr von Verschuer ([veɐˈʃyə]; * 16. Juli 1896 in Richelsdorfer Hütte; † 8. August 1969 in Münster in Westfalen) war ein deutscher Mediziner, Humangenetiker, Rassenforscher und Zwillingsforscher sowie Eugeniker.
Otmar von Verschuer und seine Schüler begründeten ab 1927 methodisch-systematisch den Ausbau der Zwillingsforschung als Methode der Humangenetik. Von Verschuer war einer der führenden Rassenbiologen bzw. sogenannter Rassenhygieniker in der Zeit des Nationalsozialismus, ab 1942 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik und ab 1951 Inhaber des ersten bundesdeutschen Lehrstuhls für Humangenetik. Er war Herausgeber der Zeitschrift Der Erbarzt. Einer seiner Assistenten war Josef Mengele.
Elternhaus, Schule, Aufnahme des Studiums
Otmar von Verschuer war Kind des Grubenunternehmers und Kaufmanns Hans von Verschuer sowie seiner Frau Charlotte, geboren von Arnold. Nach 1873 hatte Hans von Verschuer mit einem Geschäftspartner die Richelsdorfer Hütte in Wildeck erworben, 1913 wurde sie verkauft. Nach dem Besuch der Bürgerschule in Wolfach bis 1909 und der Oberrealschule in Karlsruhe (heute Helmholtz-Gymnasium Karlsruhe) legte er dort 1914 sein Abitur ab. In der Schulzeit hatte er ein Interesse an „exakten Naturwissenschaften“ entwickelt. Er schrieb sich für das Wintersemester 1914/15 im Fach Rechtswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ein. Die Mitgliedschaft im Wandervogel, die adlige Herkunft und die Lektüre der Schriften von Arthur de Gobineaus und Houston Stewart Chamberlains führten ihn zu Fragen der Vererbungs- und Rassenlehre.
Verschuer trat im August 1914 als Fahnenjunker in das Füsilier-Regiment 80 ein, in dem sein Vater Offizier gewesen war. Im Laufe des Krieges diente er an der West- und Ostfront, wurde dreimal verwundet und mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse, dem Ritterkreuz II. Klasse mit Schwertern des Ordens vom Zähringer Löwen sowie dem Verwundetenabzeichen in mattweiß ausgezeichnet. Bei Kriegsende war Verschuer Oberleutnant. Weihnachten 1918 kehrte er zu seiner Familie zurück.
Ab 1919 studierte Verschuer Medizin an der Philipps-Universität Marburg. Er war im dortigen VDSt korporiert. Er organisierte sich außerdem im Studentenkorps Marburg (StuKoMa) von Bogislav von Selchow. Als rechte Hand und erster Adjutant von Selchow führte Verschuer im März 1920 im Rahmen des Kapp-Putsches das Bataillon des StuKoMa zu einem Einsatz vor Ort in Thüringen.
In Mechterstädt wurden aus einer Liste von 40 Verdächtigen am Morgen des 25. März 1920 fünfzehn Personen – darunter vier Gemeinderäte – durch das Studentenkorps ausgewählt und verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen, sie seien „rote“ Aufständische gegen die nach dem Kapp-Putsch sukzessiv wiederhergestellte staatliche Ordnung. Die 15 Verhafteten wurden angeblich bei einem Fluchtversuch erschossen. Diese Ereignisse gingen als Morde von Mechterstädt in die Geschichte ein. Aufgrund der damaligen öffentlichen Empörung über die Morde wurden die unmittelbar tatbeteiligten Studenten wegen Mordes angeklagt und vor Militärgerichte gestellt. Zwei unterschiedliche Hauptverfahren endeten jeweils mit einem Freispruch.
In Marburg wurde für Verschuer „der Boden unter den Füßen zu heiß“, so dass er gemeinsam mit seinem Freund Karl Diehl an die Universität Hamburg wechselte und von dort aus nach München, wo er sein Studium beendete. Hier wurde er Mitglied beim Verein Deutscher Studenten München. Im Wintersemester 1921/1922 war er Gast an der Universität Freiburg, wo er seinen zukünftigen Mentor Eugen Fischer kennenlernte. Verschuer wurde 1923 in München zum Dr. med. promoviert.
1923 begann Verschuer an der medizinischen Poliklinik der Universität Tübingen als Assistent von Wilhelm Weitz, der ihm sein Spezialgebiet nahebrachte, die erbbiologische Forschung mit Zwillingen. Er habilitierte sich Anfang 1927 in Tübingen für Vererbungslehre mit der Schrift Die vererbungsbiologische Zwillingsforschung und wirkte dort als Privatdozent. Anfang Oktober 1927 ging er an das mit Eugen Fischer als Direktor neugegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI) in Berlin-Dahlem, wo er unter Fischer als Leiter der Abteilung für menschliche Erblehre tätig wurde. 1929/30 hielt er zusammen mit den beiden weiteren Abteilungsleitern des KWI für Anthropologie Fischer (Anthropologie) und Hermann Muckermann (Eugenik) mehr als 200 Vorträge über Rassenhygiene.
Im Jahr 1928 publizierte er, laut eigenen Angaben auf Aufforderung der Zeitschrift für Nationalwirtschaft, zu deren Mitherausgebern Erich Jung, Friedrich Lent oder Max Wundt gehörten, einen Artikel über die Beziehung zwischen Sozialpolitik und Rassenhygiene, aufbauend auf Ideen des österreichischen Rechtsextremisten Othmar Spann.
Bereits 1931 behauptete Verschuer, dass die „Bedeutung der erblichen Veranlagung für die Entstehung des Verbrechertums […] an kriminellen Zwillingen in einwandfreier Weise bewiesen worden“ sei und berief sich dabei auf Studien des Psychiaters Johannes Lange. Mit seinem Freund Diehl erbrachte er ab 1931 vermeintliche Belege für die Erblichkeit der Tuberkulose, was zur Sterilisierung zahlreicher Menschen führte. An der Universität Berlin wurde Verschuer 1933 nebenamtlicher außerordentlicher Professor für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Im Juni 1933 wurde die Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene verstaatlicht, Verschuer wie auch die andern Vorstandsmitglieder aus dem KWI in Berlin mussten zurücktreten und wurden durch Ernst Rüdin als von Wilhelm Frick ernannten Reichskommissar der Gesellschaft ersetzt. Im Mai 1933 wurde ein „Sachverständigenbeirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik beim Reichsinnenminister“ gegründet, dessen Aufgabe auch der Entwurf eines Sterilisationsgesetzes war. Für die Durchführung des daraus resultierenden Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 wurde neben Fischer und Fritz Lenz auch Verschuer aufgefordert, seinen Sachverstand beizutragen. Die Wissenssoziologen Kurt Bayertz, Jürgen Kroll und Peter Weingart beschreiben die neue Situation so: Die Machtergreifung bot die Verheißung der Professionalisierung der Rassenhygiene zum Preis der Abhängigkeit von politischer Kontrolle, was angesichts der ideologischen Affinität kein hoher Preis war. Im August 1933 war von Verschuer einer der Referenten bei den von Karl Astel durchgeführten Schulungen in der Staatsschule für Führertum und Politik in Egendorf bei Blankenhain. 1936 wurde er Richter am Erbgesundheitsgericht Charlottenburg.
Ab 1934 erschien, bis 1939 als Beilage zum Deutschen Ärzteblatt, seine Zeitschrift Der Erbarzt. Darin wurden „Ergebnisse der Erbforschung“ an die frei praktizierende deutsche Ärzteschaft vermittelt. Im Mai 1939 hatte Verschuer auf der Hauptversammlung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Breslau verkündet „Ein neuer Arzttyp hat sich herausgebildet, der Erbarzt“.
Professur in Frankfurt (1935–1942)
1935 wechselte Verschuer vom KWI an das neugegründete und von ihm geleitete Universitäts-Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene Frankfurt am Main, was ihn zu folgendem Beitrag in seiner Zeitschrift Der Erbarzt, deren Schriftwalter er war, veranlasste: Er huldige dem „Führer des Deutschen Reiches“, der als erster Staatsmann „die Erkenntnisse der Erbbiologie und Rassenhygiene zu einem leitenden Prinzip der Staatsführung“ gemacht habe. Verschuers Abteilung für „Menschliche Erblehre“ am KWI wurde nach seinem Weggang aufgelöst, in Teilen von Fischer und Fritz Lenz übernommen, er zum externen Mitglied ernannt. Verschuer wirkte mit bei der von Günther Just und Karl Heinrich Bauer ab 1935 herausgegebenen Zeitschrift für menschliche Vererbungs- und Konstitutionslehre.
Im Jahr 1936 wurde Verschuer zum Professor an der Universität Frankfurt am Main ernannt.
Von 1936 bis 1938 war Gerhart Stein, ein in der SA aktiver Student, einer von Verschuers Doktoranden. Er promovierte über Roma, die er vor allem im Zwangslager für „Zigeuner“ in Berlin-Marzahn untersuchte. Noch vor Abgabe der Arbeit arbeitete Stein für die Rassenhygienische Forschungsstelle. Josef Mengele, der seit Januar 1937 zu Verschuers Institut gehörte, wurde 1938 mit Sippenuntersuchungen bei der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte promoviert. Er versuchte, deren Erblichkeit statistisch nachzuweisen.