Othmar Spann (* 1. Oktober 1878 in Altmannsdorf; † 8. Juli 1950 in Neustift bei Schlaining) war ein österreichischer Nationalökonom, Soziologe und Philosoph. Mit seiner autoritären Ständestaatslehre des Universalismus gilt er als Wegbereiter des Austrofaschismus und damit der österreichischen Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur (1933–1938), außerdem diente er auch der Staatsideologie des Slowakischen Staates (1939–1945) als Inspiration. Spann wurde von Armin Mohler als ein österreichischer Vertreter der sogenannten Konservativen Revolution eingeordnet.
1878–1914: Kindheit und Werdegang
Othmar Spann war der Sohn des kleinen Fabrikanten, Erfinders und überzeugten Sozialdemokraten Josef Spann, der marmoriertes Papier herstellte, und wuchs in Altmannsdorf auf, einem damaligen Vorort von Wien. Er hatte drei Geschwister und nach dem frühen Tod seiner Mutter konnte sein Vater die Familie nicht mehr versorgen. Ab dem 12. Lebensjahr wuchs Spann daher bei seiner Großmutter mütterlicherseits auf, deren Mann ehemaliger Feldwebel war und dessen militärisch ausgerichtete Lebensweise im Gegensatz zu der seines Vaters stand. Er besuchte von 1884 bis 1889 die Volksschule Altmannsdorf und von 1889 bis 1892 die Bürgerschule in Wien und absolvierte von 1892 bis 1894 den Handelskurs einer privaten Handelsschule. Daneben arbeitete er im Geschäft seines Vaters mit. Von 1894 bis 1896 besuchte er eine Gewerbeschule, deren Abschlusszeugnis in Österreich nicht als vollwertige Reifeprüfung galt. Dies war letztendlich auch der Grund, warum Spann zum Studium ins Ausland ging. Von 1896 bis 1897 diente Spann als Einjährig-Freiwilliger zu einer Hälfte beim Tiroler Kaiserjägerregiment stationiert in Wien, zur anderen Hälfte im Szekler Regiment in Ungarn, wo er Ungarisch lernte. Das Freiwilligen-Jahr sicherte ihm ein Matura-Kurs.
Zunächst war Spann 1898 und 1899 zwei Semester Gasthörer für Philosophie an der Universität Wien. 1900/1901 studierte er ein Semester Staats- und Kameralwissenschaften an der Universität Zürich, wo sein Abschluss anerkannt wurde, sowie anschließend ein Semester Staatswissenschaften an der Universität Basel. Bei seinem Aufenthalt in Zürich erlitt Spann einen Schädelbasisbruch, an dessen Folgen, unter anderem immer wiederkehrende Lähmungserscheinungen, er bis zu seinem Tode litt. Nach dem Semester in Basel studierte er an der Universität Tübingen, wo er schließlich am 16. Juli 1903 mit seiner Arbeit „Zur Kritik des Gesellschaftsbegriffes der modernen Soziologie“ bei Heinrich Triepel zum Doktor der Staatswissenschaften (Dr. sc. pol.) promoviert wurde.
Von 1903 bis 1907 arbeitete er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (Statistiker) für die Centrale für private Fürsorge (in Frankfurt am Main) des Sozialfürsorgers Christian Jasper Klumker. Dort war er verantwortlich für die Durchführung empirischer Studien über die uneheliche Bevölkerung. Ende 1904 gründete er zusammen mit Hermann Beck und Hanns Dorn die Zeitschrift Kritische Blätter für die gesamten Sozialwissenschaften.
Spann heiratete am 17. Oktober 1906 die Lyrikerin Erika Spann-Rheinsch (1880–1967), mit der er die Söhne Adalbert Spann (1907–1942) und Rafael Spann (1909–1983) hatte. Die Grabstätte von Othmar Spann und seiner Frau ist am Ortsfriedhof von Bergwerk erhalten.
1907 wurde Spann an der Technischen Hochschule in Brünn für Statistik bei Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld mit seiner Arbeit „Wirtschaft und Gesellschaft. Eine dogmenkritische Untersuchung“ habilitiert, die Habilitation im Mai 1908 um Statistik und Nationalökonomie erweitert. Von 1907 bis 1909 war er als Privatdozent tätig. Ab September 1908 war Spann hauptberuflich kaiserlich-königlicher Vizesekretär der Statistischen Zentralkommission in Wien. Von 1909 bis 1910 war er mit der wissenschaftlichen Organisation und Leitung der österreichischen Volkszählung von 1910 beauftragt.
1909 folgte die Berufung an die Deutsche Technische Hochschule Brünn als außerordentlicher, von 1911 bis 1919 als ordentlicher Professor der Volkswirtschaftslehre und Statistik.
Von 1914 bis 1918 nahm er aktiv am Ersten Weltkrieg teil, zuletzt im Rang eines Oberleutnants der Reserve. Am 27. August 1914 wurde Spann bei der Schlacht bei Lemberg verwundet. Nach seiner Genesung war er unter anderem Kompaniekommandant in einem Lager für russische Kriegsgefangene bei Mauthausen (1915/16) und danach bis 1918 im Wissenschaftlichen Komitee für Kriegswirtschaft des Kriegsministeriums in Wien tätig.
1918–1938: Erste Republik und Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur
1919 wurde er auf Betreiben des österreichischen Unterrichtsministers Emerich Czermak als ordentlicher Professor für Nationalökonomie und Gesellschaftslehre an die Universität Wien berufen, wo er erklärtermaßen eine philosophische Gegenposition zum Austromarxismus bilden sollte. Die Stadt Wien galt als Hochburg austromarxistischer Positionen, und an der juristischen Fakultät stellten sie die dominierende Universitätsphilosophie dar. Mit der Berufung Spann strebte die christlichsoziale Unterrichtsverwaltung die Schaffung eines ideologischen Bollwerks gegen die österreichische Sozialdemokratie sowie gegen den Bolschewismus an. Mit seiner im Jahr 1920 gehaltenen Vortragsreihe unter dem Titel Der wahre Staat begann Spann die Richtung für seine korporatistische Theorie, den Universalismus, vorzugeben. 1921 erschienen die Vorträge unter dem gleichen Titel in Buchform. In seinem Werk Der wahre Staat entwickelte er eine auf Adam Heinrich Müller fußende Ganzheitslehre. Die darin propagierten antidemokratischen, antimarxistischen und antisemitischen Grundsätze ließen Spann insbesondere in den deutschnationalistischen und konservativ-katholischen Studentenkreisen Österreichs und im Sudetenland schnell zu einer Kultfigur aufsteigen.
Ab 1928 gewann Spann als Ideologe der faschistischen österreichischen Heimwehr politischen Einfluss, welche Spanns Ideen zur geistigen Grundlage ihrer Bewegung machten.
1928 wurde er auch Vorstandsmitglied im Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK), einer von Alfred Rosenberg gegründeten und von Hans Hinkel geleiteten nationalsozialistischen Kultur-Organisation. Die erste öffentliche Veranstaltung des Kampfbundes fand am 23. Februar 1929 im Auditorium maximum der Universität München statt, wo er als Hauptreferent eine in den damaligen Medien vielbeachtete Rede über Die Kulturkrise der Gegenwart hielt. In Anwesenheit Adolf Hitlers forderte Spann als „dritten Weg“ zwischen Demokratie und Marxismus den autoritären Ständestaat. Aufgrund von Differenzen mit Rosenberg wurde er jedoch 1931 aus dem Kampfbund ausgeschlossen.
Ende der 1920er Jahre trat Spann in die NSDAP ein und erhielt eine geheime, nicht nummerierte Mitgliedskarte. Die Schulungsabende des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes fanden in den Räumen seines Seminars statt, gestaltet von seinem Schüler Franz Seuchter.
Ab 1933 war er Herausgeber der Zeitschrift Ständisches Leben, die dem Nationalsozialismus nahestand. Die Bücherverbrennungen befürwortete er, nicht jedoch das Ausmaß des Antisemitismus. Spann und seine Anhänger schlugen vor, die Juden auf deutschem Territorium in „Reservaten“ zu konzentrieren, wo sie weitgehend ohne Rechte leben sollten. Ab 1935 wurden seine Vorstellungen zunehmend auch von NS-Organen angegriffen. Zwischen 1936 und 1938, als die NSDAP in Österreich verboten war, befand sich in seinem Schlösschen in Bergwerk eine illegale Druckerei.
1938–1945: NS-Regime in Österreich
Im Zuge der nationalsozialistischen Säuberungen des Lehrkörpers der Universität Wien nach dem „Anschluss Österreichs“ wurde 1938 auch Spann zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Der Grund lag jedoch nicht in einer antinationalsozialistischen Haltung, sondern in dem Lavieren zwischen „autoritären Standpunkten des Ständestaates“, dem deutschen Nationalsozialismus und der „sudetendeutschen Bewegung“.
1938 wurde er verhaftet und angeblich vier Monate im KZ Dachau interniert, wo er sich infolge der Misshandlungen ein schweres Augenleiden zugezogen haben soll. Eine Haft im KZ Dachau konnte in den Archiven aber nicht nachgewiesen werden.