Oscar Collins Pettiford (* 30. September 1922 in Okmulgee, Oklahoma; † 8. September 1960 in Kopenhagen) war ein Jazz-Musiker, Arrangeur und Komponist, der Kontrabass und Cello spielte und als einer der bedeutenden Musiker des Modern Jazz gilt. Oscar Pettiford, von seinen Kollegen O.P. genannt, war mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie ein Wegbereiter des Bebop. Ebenso wie Jimmy Blanton (als dessen legitimer Nachfolger er in den 1950er Jahren in New York betrachtet wurde) und wie Charles Mingus trug er dazu bei, dass der Kontrabass im Jazz zum Soloinstrument wurde. Außerdem führte er 1950 das Cello, auf das er das Pizzicatospiel des Basses übertrug, als Soloinstrument in den Jazz ein.
Oscar Pettiford, dessen Familie sowohl afroamerikanische als auch indianische Wurzeln hat wurde als Sohn des Tierarztes Harry „Doc“ Pettiford und einer Musiklehrerin in einem Indianerreservat geboren. Seine Mutter war eine Choctaw, sein Vater halb Cherokee und halb Afroamerikaner.
Die Familie zog jedoch nach Minneapolis, als Pettiford drei Jahre alt war. Sein Vater gab damals seine Tätigkeit als Tierarzt auf und gründete ein Orchester, zu dem im Lauf der Zeit seine Frau und alle seine elf Kinder gehörten. Pettiford sang in dieser Band, spielte ab 1933 Klavier, ab 1936 Bass und war mit diesem Familienorchester bis 1941 auf Tourneen in den US-Staaten des Mittleren Westens unterwegs, bis sich das Ensemble durch Heirat der Töchter auflöste. Das Magazin Down Beat erwähnte 1938 die Swing City und Pettiford-Familienband, welche eine Attraktion des Highschool-Schüler war. Seine Brüder Ira und Alonzo spielten später bei Jay McShann; seine Schwester Marjorie (1916–1986) Altsaxophon bei den International Sweethearts of Rhythm. Eine wichtige Rolle nahm in dieser Gruppe Oscars ältere Schwester Leontine ein, die Piano und Holzblasinstrumente spielte und die meisten Arrangements schrieb. An eine frühe Begegnung mit Duke Ellington erinnerte sich der Bassist später:
Im März 1937 wurden zwei Musiker des Cab-Calloway-Orchesters, Milt Hinton und Ben Webster, auf den jungen Pettiford aufmerksam, als sie nach ihrer Show bei einer Session den vierzehnjährigen Bassisten hörten. Sie luden Pettiford sogleich ein, mit ins Theater zu kommen, damit die anderen Musiker ihn hören könnten.
Oscar spielte in seiner Freizeit im Boogie-Woogie-Club der Minnesota-University. Im September 1939 wirkte er bei einer Jam-Session im Harlem Breakfast Club in Minneapolis mit und spielte mit Jerry Jerome, Charlie Christian und dem Pianisten Frankie Hines („I Got Rhythm“). 1942 trat er in einem Trio bei einem Konzert auf, das Dimitri Mitropoulos, Dirigent des Minneapolis Symphony Orchestra organisiert hatte. Die drei Musiker schrieben dafür ein Stück namens „Beat Me, Dimitri“. In diesem Jahr lernte er auch Coleman Hawkins kennen, zu dessen Gastspiel in Duluth er mit seinem Bass gereist war. Während des Soundchecks traf er den Saxophonisten, der ihn aufforderte ihm vorzuspielen. Beeindruckt lud Hawkins den jungen Bassisten ein, an dem Abend mitzuspielen. Seitdem waren Pettiford und er befreundet.
Nach einiger Zeit der Arbeit in lokalen Orchestern in Minneapolis – wie dem Quartett von Bob Benham und der Band seines Bruders Ira – wurde er Anfang 1943 von Charlie Barnet bei einem Besuch in Minnesota entdeckt und hatte sein erstes professionelles Engagement in dessen Orchester als zweiter Bassist neben Chubby Jackson. Mit ihm komponierte er das „Concerto for Two Basses“.
Im Februar 1943 hatte er im Chicagoer Savoy Hotel Gelegenheit zu einer Jam-Session mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie („Sweet Georgia Brown“). Noch im selben Jahr ging Pettiford mit dem Barnet-Orchester nach New York, wo er im Mai die Band verließ und Nick Fenton als Hausbassisten im Minton’s Playhouse ersetzte, dem Jazzlokal, das in der Entstehungszeit des Bebop der Kristallisationspunkt der neuen, damals als revolutionär empfundenen Musik war. Danach spielte er im Quintett von Roy Eldridge im Onyx Club.
Im Dezember wirkte er dann bei drei Aufnahmesitzungen von Coleman Hawkins für das Label Signature mit; er spielte in einer Rhythmusgruppe mit Eddie Heywood bzw. Ellis Larkins am Piano und Shelly Manne am Schlagzeug. Solistisch tat sich Pettiford vor allem bei der Sitzung am 23. Dezember in „Crazy Rhythm“ und der Gershwin Ballade „The Man I Love“ hervor.
Nach den ersten Sessions in Minton’s Playhouse leitete Pettiford zusammen mit Dizzy Gillespie 1944 das erste Bebop-Quintett der Jazzclubs der 52. Straße – mit Gillespie, Don Byas bzw. Budd Johnson, George Wallington und Max Roach und er war auch an Coleman Hawkins’ Aufnahmen mit den jungen Bebop-Musikern zugegen („Rainbow Mist“).
Im Jahr 1944 war der Bassist bereits ein gefragter Sessionmusiker; er wirkte in diesem Jahr bei Aufnahmen von Earl Hines, Sonny Greer, Tiny Grimes, Billie Holiday, Helen Humes, Louis Armstrong, Clyde Hart, Ike Quebec, dem Art Tatum Trio, Sammy Price sowie bei einer Jam-Session der Esquire All Stars in der Metropolitan Opera mit, bei der auch eine Komposition von ihm gespielt wurde, „For Bass Faces Only“, die später von Ray Brown, Dizzy Gillespie und Gil Fuller übernommen und als „One Bass Hit“ berühmt wurde.
Im Titel „Blue Skies“, den er mit Ben Webster im April ’44 einspielte, schuf der Bassist ein kurzes Statement, das „perfekt ausbalanciert war“. Im Juli entstanden zwei Titel im Duo mit Clyde Hart, „Don’t Blame Me“ und „Dedicated to J.B.“, auf denen der Bassist mit längeren Soli zu hören sei – bis heute gelten diese beiden Aufnahmen leider als verschollen. Im Frühjahr und Sommer 1944 kam es zur Zusammenarbeit mit Billy Eckstine, bei dessen Aufnahmen mit dem Vorläufer der Eckstine-Bigband er Gelegenheit für ein „sensationelles Solo“ im Stück „I Got a Date with Rhythm“ hat.
Im Januar 1945 begleitete er mit einem Orchester unter seiner Leitung den Bluessänger und Tänzer Rubberlegs Williams auf dessen „Empty Bed Blues“;
Danach spielte er bis Frühjahr 1945 bei Boyd Raeburn.
In Kalifornien, nach Filmaufnahmen mit Coleman Hawkins und Howard McGhee (The Crimson Canary), Aufnahmen mit dem Orchester von Johnny Bothwell und Auftritten mit einer All-Star-Formation um Vic Dickenson, Les Paul und Willie Smith, gründete Pettiford Ende 1945 mit dem Pianisten Spaulding Givens und dem Gitarristen Chuck Norris ein eigenes Trio, das in Kalifornien und Nevada auftrat.
Nach Aufnahmen mit Wynonie Harris („Everybody’s Boogie“) und Johnny Otis & The Jubilee All-Stars spielte er ab November 1945 im Duke Ellington Orchestra, in dem er bis März 1948 blieb. So hatte er in den 1940er Jahren die zwei Schlüsselpositionen inne, die ein Bassist damals erreichen konnte: die Gründung der ersten Bebop-Gruppe auf der 52nd Street New Yorks und die Nachfolge des verstorbenen Jimmy Blanton bei Ellington. Außerdem gehörte Pettiford 1943, 1944 und 1945 zu den All Stars der Zeitschriften Esquire und Metronome
„Mit Oscar Pettiford machte Ellington eine seiner berühmtesten Bass-Schallplatten“, schrieb Der Spiegel damals. „Es war eine Art Doppelkonzert: für Klarinette und Baß. Das Stück hieß ‚Air conditioned jungle‘, […] also ein ‚Urwald mit automatischer Kühlluftzufuhr‘“.
Während seiner Mitgliedschaft im Ellington Orchester wirkte Oscar Pettiford auch bei Aufnahmen von Johnny Hodges, Earl Hines und der Rhythm and Bluesband von Ivory Joe Hunter mit. 1948 gehörte er erst Erroll Garners und dann George Shearings Trios an, das im Three Deuces auftrat. Zur Jahreswende 1948/49 spielte er im Club The Clique (der bald Birdland hieß) mit einer kurzlebigen All-Stars-Formation unter seiner Leitung, in der Fats Navarro, Kai Winding, Lucky Thompson, Milt Jackson, Bud Powell und Kenny Clarke spielten. Der Down Beat schrieb zu ihrem Auftritt Ende Januar 1949: „Die Menge feierte den extremen Bop von Pettiford’s All-Stars enthusiastisch.“
Ab Februar 1949 spielte er fünf Monate bei Woody Herman. Bereits hier beschäftigte er sich mit dem Cello-Spiel, das er intensivierte, als er nach einem Armbruch nicht die Kraft hatte, um Bass zu spielen. Nach Auftritten mit den „Serge Chaloff All-Stars“ Mitte 1949 kam es 1950 zur Zusammenarbeit mit der Band von Louie Bellson und Charlie Shavers; mit Duke Ellington entstanden dann Quartett-Aufnahmen, bei denen Cello-Versionen von „Perdido“ und „Blues For Blanton“ eingespielt wurden. Im April 1951 nahm er eine 78er unter eigenem Namen für das französische Label Swing auf („Swingin’ Till The Girls Come Home“); im Sommer 1951 gehörte er dem Trio von Wynton Kelly an und nahm mit ihm einige Titel für Blue Note auf (New Faces, New Sounds) auf. Die United Service Organizations (USO) schickte die Oscar Pettiford Gruppe (mit J. J. Johnson und Howard McGhee) Ende 1951 / Anfang 1952 nach Korea und Japan zu Auftritten im Rahmen der Truppenbetreuung. Seine in Guam mitgeschnittenen Sessions mit McGhee und Johnson erschienen später auf der Savoy-LP South Pacific Jazz.