Origenes (* 185 in Alexandria; † 253 oder 254 wahrscheinlich in Tyros) war ein frühchristlicher Bibelkommentator und Platoniker. Er erreichte als erster Christ das Niveau kaiserzeitlicher Philologie und Philosophie.
Erste Bekanntheit gewann Origenes in seiner Heimatstadt, wo er eine freie Philosophenschule leitete. Sein Leben war asketisch-karg, bis er Ambrosius als Mäzen gewann, der ihm ein komfortables Arbeitsumfeld finanzierte. Ein Konflikt mit dem Bischof von Alexandria veranlasste Origenes, sich in Caesarea Maritima niederzulassen, wo er eine Bibliothek mit angeschlossenem Skriptorium aufbaute und eine Schule leitete. Ein großes Projekt des Skriptoriums von Caesarea war die Hexapla, eine Synopse des hebräischen Bibeltextes mit mehreren griechischen Übersetzungen. Origenes bearbeitete zahlreiche biblische Bücher in Kommentaren, Scholien oder Predigten (Homilien). In jungen Jahren verfasste er die erste christliche Dogmatik (De principiis); ein Alterswerk war die apologetische Schrift Contra Celsum, in der er Argumente des Platonikers Kelsos gegen das Christentum zu entkräften versuchte. Origenes wurde wegen Verweigerung des Opfers für den Kaiser unter Decius gefoltert und starb 69-jährig an den Folgen.
Das Werk des Origenes bewegt sich im Spannungsfeld von Philosophie (Mittel- und Neuplatonismus, der zentrale Freiheitsgedanke entstammt der Stoa), Bibelexegese (auf den Spuren des jüdisch-hellenistischen Gelehrten Philon von Alexandria) und valentinianischer Gnosis. Als Platoniker diskutierte er die Reinkarnationslehre. Als Exeget begründete er die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn, der die christliche Bibelauslegung über Jahrhunderte prägte. Er fand außerdem Formulierungen, die in den christologischen und trinitätstheologischen Diskussionen des 4. Jahrhunderts von allen Parteien herangezogen wurden. Kontrovers waren dagegen seine Präexistenzlehre und die Lehre von der endzeitlichen Rückkehr aller Geistwesen in die Gemeinschaft mit Gott (Apokatastasis).
Mehrere Kirchenväter der Spätantike waren Origenisten. Im frühen Mönchtum wurde Gedankengut des Origenes verbreitet, aber auch eigenständig weiterentwickelt, vor allem durch Euagrios Ponticus. Konflikte im palästinischen Mönchtum zwischen Origenisten und ihren Gegnern führten zur postumen Verurteilung des Origenes durch das Zweite Konzil von Konstantinopel 553. Die Wirkungsgeschichte seiner exegetischen und philosophischen Schriften riss jedoch nicht ab, wenn sie auch als Folge dieser Verurteilung schlecht erhalten sind. Von den Platonikern der italienischen Renaissance, den Cambridge Platonists des 17. Jahrhunderts und in der Nouvelle Théologie (ab den 1930er Jahren) wurde Origenes viel gelesen.
Der alexandrinische Gelehrte trug einen häufigen Namen: Ὠριγένης / Ὡριγένης Ōrigénēs / Hōrigénēs, „der von Horus Geborene“; sowohl die Schreibung mit als auch ohne aspirierten Anlaut kommt vor. Horus wurde mit Apollon gleichgesetzt; der griechisch-ägyptische Name Origenes entspricht damit dem gleichfalls häufigen Namen Apollonios. Die Wahl eines weit verbreiteten paganen Namens für das Kind erlaubt nicht den Schluss, dass die Eltern Heiden waren, als Origenes geboren wurde.
Origenes war auch unter dem Namen Ἀδαμάντιος Adamántios bekannt. Hieronymus und Epiphanios von Salamis sahen darin ein Wortspiel mit dem Adjektiv ἀδαμάντινος adamántinos, das „hart wie Stahl“ oder „hart wie Diamant“ bedeutet. Dieser Beiname sei eine Auszeichnung für seine unermüdliche gelehrte Tätigkeit. Das kann aber auch sekundäre Ausdeutung eines ursprünglichen Familiennamens sein.
Das Leben des Origenes ist für einen Christen seiner Zeit relativ gut bekannt, aber vieles bleibt auch unklar. Er selbst äußerte sich kaum über seine Person. Von einem seiner Schüler, der traditionell mit Gregorios Thaumaturgos († 270) identifiziert wird, ist eine Dankesrede (oratio panegyrica in Origenem) überliefert, die über Lehrinhalte und -methoden seiner Schule unterrichtet.
Die Kenntnis über seine Biografie geht größtenteils auf zwei seiner Bewunderer im späten 3. und 4. Jahrhundert zurück, die erst Jahrzehnte nach Origenes’ Tod wirkten und ihn deshalb nicht persönlich kannten: Pamphilos von Caesarea († 309) verfasste eine Apologie des Origenes, die einen umfangreichen biografischen Teil enthielt und von seinem Schüler Eusebius († 339 oder 340) ergänzt wurde. Dieser biografische Teil ist nicht erhalten, war aber in der Spätantike die wichtigste Quelle für Origenes’ Biografie. Heute ist das sechste Buch der Kirchengeschichte des Eusebius die Standardquelle für das Leben des Origenes; biografische Abschnitte sind hier allerdings eingeflochten in eine kirchenhistorische Gesamtdarstellung. In Eusebius’ Werk überstrahlte die Persönlichkeit des Origenes die Kirche seiner Zeit, einerseits als rechtgläubiger christlicher Gelehrter, Schulgründer und Asket, andererseits als Philosoph, der im Austausch mit paganen Kollegen stand und von ihnen anerkannt wurde.
Im späten 4. Jahrhundert wurde das von Pamphilos und Eusebius entworfene Bild des Origenes grundlegend in Frage gestellt: Epiphanios von Salamis († 403) griff auf das für ihn verfügbare biografische Material zu, um aus dem gelehrten und frommen Asketen einen durch übermäßige Bildung zu Fall gekommenen Häretiker zu konstruieren, der als gebrochener Mann gestorben sei.
Origenes stammte aus einer wohlhabenden, gebildeten Familie Alexandrias und hatte sechs Geschwister. Die Taufe scheint sehr früh erfolgt zu sein. Der Vater Leonides, ein Grieche mit römischem Bürgerrecht, unterrichtete den Jungen sowohl in der Bibel als auch in den Fächern der klassischen hellenistischen Bildung. Epiphanios zufolge war die namentlich unbekannte Mutter des Origenes Ägypterin. Als „Ägypter“ wurden Personen bezeichnet, die weder das römische noch das alexandrinische oder das Bürgerrecht einer anderen griechischen Stadt Ägyptens besaßen. Die Kinder des Paares wurden wie die Mutter juristisch der „ägyptischen“ Bevölkerungsgruppe Alexandrias zugerechnet.
Eine fragile Duldung von Christen, unterbrochen von plötzlichen Verfolgungen, bildet den Hintergrund von Origenes’ Biografie. Christen waren Außenseiter, da sie sich weigerten, am Gemeinschaftsleben ihrer Polis teilzunehmen und öffentliche Ämter auszuüben. Beides war nämlich religiös konnotiert, pagane Opfer gehörten dazu. Im Alltag lebten Christen meist ruhig und unbehelligt, aber jederzeit konnten sie zum Ziel von Gewaltausbrüchen werden. Diese Situation machten sie sich erträglich, indem sie den Märtyrertod idealisierten. Leonides wurde während einer lokalen Christenverfolgung um 202 verhaftet und enthauptet, sein Vermögen vom Fiskus eingezogen. Diese Verfolgung richtete sich ausschließlich gegen römische Bürger, die das Christentum angenommen hatten; Origenes war daher nicht direkt gefährdet. Er schrieb seinem Vater ins Gefängnis, er solle ohne Rücksicht auf seine Familie standhaft bleiben: „Gib acht, nicht unseretwegen Deine Gesinnung zu ändern!“
Die private Bibliothek des Leonides blieb der Familie erhalten. Der etwa 17-jährige Origenes arbeitete als grammatikós, um den Unterhalt seiner Mutter und der jüngeren Geschwister sicherzustellen. Er bereitete Kinder aus wohlhabenden Familien, die den Elementarunterricht absolviert hatten, auf die Rhetorikausbildung vor. Eine Christin der alexandrinischen Oberschicht unterstützte Origenes in dieser Lebensphase. Ihr Adoptivsohn war Gnostiker. Origenes bewegte sich in einem Milieu, in dem die Grenzen zwischen Kirche und Gnosis, Rechtgläubigkeit und Häresie verschwammen; Eusebius, der das problematisch fand, versicherte seinen Lesern, Origenes habe aber nie gemeinsam mit Gnostikern gebetet.
Die intellektuelle Atmosphäre Alexandrias kam Origenes zugute, aber Zugang zu den berühmten Bibliotheken hatte er nicht. Die Bibliothek von Alexandria im Museion war staatlich bezahlten Gelehrten vorbehalten. Weitere Büchersammlungen befanden sich im Serapis-Tempel und im Tempel für den Kaiserkult, die er als Christ nicht besuchen konnte. Alexandrinische Philologen arbeiteten daran, den besten Text der griechischen Klassiker festzustellen; hier entstanden außerdem Kommentare zu bedeutenden Werken der griechischen Literatur. Textkritik und Kommentierung waren Aufgaben, deren Bedeutung Origenes erkannte und die er später mit Bezug auf die Bibel anging.