An diesem Tag

Orhan Pamuk

Türkischer Journalist und Schriftsteller; Literaturnobelpreisträger

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Orhan Pamuk (* 7. Juni 1952 in Istanbul) ist ein türkischer Schriftsteller. Er gilt als einer der international bekanntesten Autoren seines Landes und wurde als erster türkischer Schriftsteller 2006 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Sein Werk umfasst 11 Romane (Stand 2021), ein autobiografisches Erinnerungsbuch sowie zahlreiche Essays. Es ist in 35 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht worden.

In seinen Arbeiten vermittelt Pamuk zwischen dem modernen europäischen Roman und der Erzähltradition des Orients. Auch sein im Wesentlichen menschenrechtlich begründetes politisches Engagement zeigt ihn in einer beide Seiten fordernden Mittlerposition zwischen der Türkei und Europa.

Orhan Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren und ist sein Leben lang mit der Stadt eng verbunden. Seine Eltern gehörten der westlich orientierten, wohlhabenden Mittelschicht an. Pamuks Großvater war als Ingenieur und Industrieller beim Eisenbahnbau zu Reichtum gekommen. Sein Vater war ebenfalls Ingenieur. Pamuk hat einen älteren Bruder und eine jüngere Halbschwester. Zusammen mit der Großmutter, Onkeln und Tanten bewohnte die Familie ein fünfstöckiges Haus im Viertel Nişantaşı im Istanbuler Stadtteil Şişli nördlich des Bosporus. Die Familie unterstützte Atatürks Modernisierung der Türkei und war westlich orientiert. Insbesondere der Vater hatte zahlreiche kulturelle Interessen:

Nach der Grundschule besuchte Pamuk das englischsprachige Robert College. Früh setzte er sich intensiv mit der Malerei auseinander und hatte bereits als Jugendlicher den Wunsch, Künstler zu werden. Dennoch begann er – wie schon der Großvater und der Vater – an der Technischen Universität Istanbul ein Architekturstudium. Er brach das Studium nach einigen Jahren ab, beschloss die Malerei aufzugeben und Schriftsteller zu werden. Auch um dem Militärdienst zu entgehen, wechselte er an die Universität Istanbul und erwarb 1977 einen universitären Abschluss als Journalist.

1974 begann er mit der Arbeit an seinem ersten Roman Cevdet und seine Söhne (Cevdet Bey ve Oğulları). Pamuk lebte in dieser Zeit ohne eigenen Verdienst bei seiner Mutter im Sommerhaus auf einer der Prinzeninseln im Marmarameer. Zusammen mit Mehmet Eroğlu gewann er 1979 den Romanwettbewerb des Verlagshauses Milliyet. Der Roman wurde 1982 unter dem Titel Cevdet Bey ve Oğulları erstmals veröffentlicht. 1983 gewann er den Orhan-Kemal-Literaturpreis.

1982 heiratete Pamuk Aylin Türegün. 1991 wurde die Tochter Rüya geboren. Die Ehe wurde 2002 geschieden. Von 1985 bis 1988 hielt sich Pamuk zusammen mit seiner Frau, die an der Columbia University in New York promovierte, in den USA auf. Dort arbeitete er an seinem dritten Roman Das schwarze Buch (Kara Kitap). Mit diesem 1990 veröffentlichten Roman gelang Pamuk der internationale Durchbruch.

Bis auf den dreijährigen USA-Aufenthalt wohnt Pamuk seit seiner Geburt immer in Istanbul. Die Verbundenheit mit der Stadt bringt er in zahlreichen Werken zum Ausdruck.

Literarische Positionen, Motive und Themen

Gegenüberstellung von Moderne und Tradition oder Orient und Okzident

Pamuks Werke reflektieren das Identitätsproblem der seit osmanischen Zeiten zwischen Orient und Okzident hin- und hergerissenen türkischen Gesellschaft. Er thematisiert dabei insgesamt das Verhältnis zwischen diesen beiden Kulturräumen und behandelt universale Themen wie das Verhältnis von Christentum und Islam oder Moderne und Tradition. Er, so heißt es in der Begründung der Friedenspreis-Verleihung, gehe wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nach. Er sei einem Begriff von Kultur verpflichtet, der ganz auf Wissen und Respekt vor dem anderen gründe.

Istanbul als Stadt mit einer 2000-jährigen Geschichte genau an der Grenze zwischen den beiden Sphären ist der ideale Kristallisationspunkt für diese Thematik. Räumlich ist die Handlung der meisten Romane Pamuks in Istanbul bzw. der näheren und weiteren Umgebung der Stadt angesiedelt. In den Romanen Rot ist mein Name (Benim Adım Kırmızı, 1998) und Die weiße Festung (Beyaz Kale, 1985) greift er auf historische Stoffe aus der Zeit des Osmanischen Reichs im 16. Jahrhundert zurück. Die frühen Romane Cevdet und seine Söhne (Cevdet Bey ve Oğulları, 1982) und Das stille Haus (Sessiz ev, 1983) haben die Entwicklung der Türkei zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Hintergrund, während die Handlung von Das schwarze Buch (Kara Kitap, 1990) und Das neue Leben (Yeni Hayat, 1994) in der Gegenwart angesiedelt ist. Unabhängig von der Handlungszeit thematisieren aber alle Romane das kontroverse und konfliktreiche Verhältnis von islamischen, osmanischen bzw. persischen Traditionen und den Anforderungen der Gegenwart und modernen Entwicklungen, die meist im europäischen Westen ihren Ursprung haben.

In vielen Romanen Pamuks lassen sich zahlreiche intertextuelle Bezüge finden. Dabei greift der Autor auf im Westen nicht sehr bekannte historische Stoffe aus der persischen bzw. osmanischen Tradition zurück. Ein häufig wiederkehrendes Motiv sind die dem persischen Nationalepos Schāhnāme entnommenen Mythen, die zum Teil in Form einer Art Binnenhandlung von verschiedenen Protagonisten des Romans ausführlich dargelegt werden. Beispielsweise erzählt der Islamistenführer Lapislazuli in Schnee (Kar, 2002) dem Protagonisten Ka die Geschichte von Rostam und Sohrab als Gleichnis. In Rot ist mein Name (Benim Adım Kırmızı, 1998) sind Bezüge auf Mythen und Märchen ein zentrales Stilelement. Neben der bereits erwähnten Legende von Rostam ist die unglückliche Liebe zwischen Chosrau und Schirin ein Leitmotiv des Romans. Die Funktion dieser intertextuellen Bezüge ist vielschichtig. In jedem Fall verweisen sie auf eine vergessene oder negierte Vergangenheit der Türkei.

Darüber hinaus finden sich in vielen seiner Romane auch Zitate und Anspielungen aus dem europäischen Kulturraum. Der junge Protagonist aus dem Roman Die rothaarige Frau (Kırmızı Saçlı Kadın, 2016) erzählt dem Brunnenbauer Meister Mahmut den Mythos von Ödipus. Im Roman Das neue Leben (Yeni Hayat, 1994) finden sich Bezüge auf die deutsche Romantik, insbesondere auf Heinrich von Ofterdingen von Novalis. Der Titel spielt auf Dantes Jugendwerk Vita nova an. Pamuk verknüpft verschiedene kulturelle Elemente der westlichen und der östlichen Hemisphäre. Zentrales Anliegen ist dabei das Fruchtbarmachen von beiden Traditionslinien. Dabei kreist die Auseinandersetzung zwischen Imitation und Kopie der Moderne bzw. Auseinandersetzung und Synthese zwischen Ost und West.

Aufgrund ihrer vielschichtigen Struktur und der zahlreichen intertextuellen Bezüge werden viele Werke Pamuks zur Postmoderne gezählt. Die wechselnde Erzählperspektive hebt das subjektive Empfinden unterschiedlicher Protagonisten hervor. Im Roman Rot ist mein Name (Benim Adım Kırmızı, 1998) erzählen elf verschiedene Haupt- und Nebencharaktere das Geschehen aus ihrer Sicht. Der Autor überschreitet die Grenzen der realen Welt, wenn er einen Baum oder den bereits ermordeten Maler sprechen lässt. Andere Romane (z. B. Schnee, Kar, 2002 oder das neue Leben, Yeni Hayat, 1994) sind aus Sicht eines berichtenden Ich-Erzählers geschrieben, der nicht selten den Vornamen des Autors hat.

Der Autor stellt in seinen Veröffentlichungen immer wieder eine Verbindung zwischen persönlichen Erlebnissen und seinem schriftstellerischen Schaffen her. Zahlreiche Romane, insbesondere die frühen, weisen autobiografische Einflüsse auf. Eindeutig autobiografisch ist das Werk Istanbul – Erinnerung an eine Stadt (İstanbul – Hatıralar ve Şehir, 2003), in dem Pamuk seine Kindheit und Jugend dort sowie die Entwicklung der Stadt im 19. und 20. Jahrhundert beschreibt. Die Reiseberichte und alte Abbildungen aus dem 19. Jahrhundert sowie die Darstellung türkischer Schriftsteller weiten den Blickwinkel, die Darstellung bleibt aber bei einer sehr persönlichen Sichtweise. Letztlich geht es in dem Werk auch um die Frage, wie der Ich-Erzähler zu dem geworden ist, der er ist. Das Werk endet mit dem Entschluss, Schriftsteller zu werden.

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