Oosterscheldekering (deutsch Oosterschelde-Sperrwerk) ist eine neun Kilometer lange Flutwehranlage zwischen den niederländischen Inseln Schouwen-Duiveland und Noord-Beveland in der südlichen Provinz Zeeland. Die Oosterschelde-Sperranlage schützt den gleichnamigen Meeresarm Oosterschelde vor Sturmfluten aus der Nordsee und ist das größte Bauwerk der Deltawerke und gleichzeitig weltweit das größte dieser Art. Diese Wehranlage wurde von 1976 bis 1986 als Reaktion auf die Flutkatastrophe von 1953 errichtet. Die Oosterscheldekering dient auch als Verkehrsverbindung, als Teil des Rijksweg 57, zwischen Schouwen-Duiveland und Noord-Beveland und führt über die zwei künstlich geschaffenen Inseln Roggenplaat und Neeltje Jans. Letztere teilt die Sturmflutwehrbauwerke in zwei etwa gleich lange Hälften auf. Neben einem Windpark mit 32 Windkraftanlagen, die sich entlang des Sperrwerks verteilen, war in der Oosterscheldekering von 2016 bis 2023 ein Gezeitenströmungskraftwerk integriert.
Die Oosterscheldekering als Einzelbauwerk ist innerhalb des Deltaprojekts das mit Abstand teuerste. Mit initialen Baukosten zwischen 5,7 und 7,8 Milliarden NLG – inflationsbereinigter Wert im Jahr 2026 zwischen 5,5 und 7,5 Milliarden Euro – beanspruchte es zwischen 50 % und 60 % der Kosten für den gesamte Deltaplan. Wegen seiner außergewöhnlichen Dimensionen, technologischen Innovationen und weltweiten Einzigartigkeit hält das Bauwerk mehrere Rekorde und renommierte Auszeichnungen, die seinen Ruf als ingenieurtechnisches Jahrhundertbauwerk begründen. Das nach zehnjähriger Bauzeit im Oktober 1986 eröffnete Bauwerk gewährleistet seither nicht nur den Hochwasserschutz der Region, sondern hat auch nachhaltig und signifikant die Ökologie, Landschaft, Wirtschaft und den Tourismus der gesamten Provinz verändert.
Über mehrere Jahrhunderte lässt sich in den Niederlanden, deren Landesfläche teilweise knapp über, teilweise knapp unter dem Meeresspiegel liegt, der Kampf gegen die Hochwasser und Sturmfluten von der Nordsee nachvollziehen. In den 1920er Jahren begann der Bau verschiedener Bauwerke und Maßnahmen in den sogenannten Zuiderzeewerken, die vor allem den nördlichen Teil des Landes schützen. Neben dem Küstenschutz wurden durch das Zuiderzee-Projekt auch etwa 1600 Quadratkilometer Neuland gewonnen, was über 60 % des Staatsgebietes von Luxemburg entspricht.
Die Flutkatastrophe von 1953, die auch in Großbritannien und Belgien katastrophale Auswirkungen hatte, verwüstete in den Niederlanden insbesondere das Rhein-Maas-Deltagebiet in der Provinz Zeeland. Neben 1835 menschlichen Todesopfern und über 1000 zerstörten Häusern ertranken auch über 200.000 Rinder, Schafe und Schweine in den Fluten. Als Folge davon wurde das umfangreichste Schutzprogramm des Landes am 8. Mai 1958 durch das niederländische Parlament verabschiedet. Die sogenannten Delta-Gesetze sahen eine Abriegelung der Meeresarme vor. Ausgenommen von der Abriegelung waren lediglich der Nieuwe Waterweg und die Westerschelde, welche als Schifffahrtswege nach Rotterdam und Antwerpen genutzt werden.
Das umfangreiche Projekt wurde in mehrere Teilprojekte untergliedert, deren Reihenfolge sich nach dem Schwierigkeitsgrad richtete. Damit wurden im Zeitraum von 1956 bis 1972 alle kleineren und weniger aufwendigen Teilprojekte des Delta-Plans umgesetzt. Als erstes Projekt des Delta-Plans wurde 1958 das Sperrwerk Holländische IJssel bei Rotterdam umgesetzt. Das ursprüngliche Vorhaben für die Oosterscheldekering sah noch ein geschlossenes Dammsystem vor. Dagegen bildete sich in den 1970er Jahren allerdings vor allem aus Umweltschutzgründen Widerstand. Die Oosterschelde mit ihrem vergleichsweise großen Tidenhub ist gerade deswegen für eine Vielzahl an Flora und Fauna zu einem Habitat geworden. Mit einem verschlossenen Meeresarm würde auch diese Vielfalt aussterben. So wurde der Entwurf derart angepasst, dass die Barrieren nur während der Fluten geschlossen sein würden. Aufgrund einer Machbarkeitsstudie entschied die Regierung im Juni 1976, die Oosterscheldekering durchlässig zu gestalten.
Damit wurde am 1. September 1976 das Konsortium DOSbouw, eine Abkürzung für „De Oosterschelde Stormvloedkering Bouwcombinatie“, gegründet. Es handelte sich um einen Zusammenschluss der damals führenden niederländischen Wasserbau- und Infrastrukturkonzerne. Unter der Berücksichtigung der ökologischen Gründe und den daraus erwachsenen unkalkulierbaren Risiken musste die ursprünglich angedachte Arbeitsgemeinschaft in das Konsortium mit der Rechtsform einer „Vennootschap onder firma“ (VOF) – in Deutschland vergleichbar mit einer Offenen Handelsgesellschaft (OHG) – umgewandelt werden. Die Gesamtkosten des von DOSbouw koordinierten Bauwerks beliefen sich letztlich auf umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro. An DOSbouw waren elf Bau- und Baggerunternehmen beteiligt und ihr operativer Hauptsitz befand sich am Havenplateau im zeeländischen Burghsluis in direkter Sichtweite zur Großbaustelle.
Aufgrund der Entscheidung gegen einen geschlossenen Damm musste das Wehr direkt in den drei tiefen Gezeitenrinnen – Hammen, Schaar und Roompot – errichtet werden. Da auf die Errichtung einer herkömmlichen Baugrube direkt in den Strömungsrinnen verzichtet wurde, um die Gezeitenströmung während der Bauphase nicht zu unterbrechen, kamen neuartige Konstruktionsmethoden zum Einsatz. Die Vorbereitung des Meeresbodens begann mit dem Aushub der obersten Sedimentschicht, die durch groben Sand ersetzt wurde. Mit dem speziell konstruierten Verdichtungsschiff Mytilus wurde dieser Sandboden anschließend tiefenverdichtet, um eine stabile Basis für die tonnenschweren Bauteile zu schaffen. Zum Schutz gegen Ausspülungen wurde der Boden mit großen, vorgefertigten Fundamentmatten bedeckt, die durch das Ponton Cardium präzise verlegt wurden.
Um die Energieversorgung für Grundwasserabsenkung und die Baukräne sicherzustellen, wurde kurz nach Baubeginn auf der Insel Neeltje Jans ein Kraftwerk mit einer Leistung von 12.000 kVA errichtet, womit eine Stadt mit rund 45.000 Einwohnern hätte versorgt werden können. Der Storm wurde von 15 Dieselgeneratoren geliefert, zehn davon wurden nach einer Überholung am Dienstgebäude Ir. J.W. Topshuis aufgestellt.
Das statische Rückgrat des Wehrs bilden 65 massive Betonpfeiler, die in einem Abstand von jeweils 45 Metern positioniert wurden. Diese bis zu 40 Meter hohen und im Sockel 20 × 50 Meter messenden Monolithe wurden auf der künstlichen Insel Neeltje Jans vorgefertigt – der Bau eines einzelnen Pfeilers dauerte etwa anderthalb Jahre. Mit Hilfe des Spezialschiffs Ostrea wurden diese in den Jahren 1983 bis 1984 an ihre endgültigen Positionen transportiert und abgesenkt. Nach dem Setzen der Pfeiler erfolgte deren Sicherung durch eine schwere Steinschüttung, die sogenannte Rubble Sill. Diese wurde schichtweise aufgebaut, wobei die oberste Schicht so dimensioniert ist, dass sie selbst extremen Strömungsgeschwindigkeiten standhält, wie sie bei einem potenziellen Versagen eines Wehrtors auftreten könnten. Da die Pfeiler in den natürlichen Strömungsrinnen standen, stieg die Fließgeschwindigkeit des Wassers durch die Verengung der Querschnitte deutlich an, was umfangreiche Boden- und Erosionsschutzmaßnahmen im direkten Umfeld des Bauwerks erforderlich machte.
Die abschließende Phase umfasste die Installation der funktionalen Stahlelemente und der Infrastruktur. Zwischen den Pfeilern wurden Schwellenbalken aus Beton am Boden sowie Oberbalken im oberen Bereich montiert, die den Rahmen für die beweglichen Stahltore bilden. Die Positionierung der tonnenschweren Schwellenbalken galt als kritischster Teil der Montage, da diese Arbeiten nur in den kurzen Zeitfenstern des Stillwassers (Stauwasser) zwischen den Gezeiten durchgeführt werden konnten. Über den Toren wurden Betonbrückenelemente für den Straßenverkehr installiert, während die Tore selbst über hydraulische Zylinder gesteuert werden, die auf den Pfeilerköpfen montiert sind. Nach einer Bauzeit von rund zehn Jahren wurde das Sturmflutwehr am 4. Oktober 1986 von Königin Beatrix eingeweiht. Die finale Konstruktion gewährleistet ein effektives Durchlassprofil von 14.000 Quadratmetern, wodurch der mittlere Gezeitenhub bei Yerseke auf einem ökologisch verträglichen Niveau von etwa 3,3 Metern gehalten wird und gegenüber dem Naturzustand einen Rückgang von knapp 20 % darstellt.